Ist „Obsession“ ein heißer Kandidat für die Oscars? Eine Analyse
Jede Oscar-Periode bringt einen Film hervor, der die ehernen Gesetze Hollywoods infrage stellt. In diesem Jahr stammt dieser Film ausgerechnet von einem YouTuber.
Das Horrorphänomen „Obsession“ (in Deutschland: „Obsession – Du sollst mich lieben“) von Drehbuchautor und Regisseur Curry Barker hat weltweit bereits 265 Millionen Dollar eingespielt und ist damit der erfolgreichste Film in der Geschichte von Focus Features. Vier Wochenenden in Folge übertraf der Film sogar sein starkes Startwochenende. Blockbuster-Kandidaten schaffen das eigentlich nie, aber auch Indie-Produktionen gelingt dieses Kunststück selten.
Damit stellt sich nun auch die Frage, ob „Obsession“ ein Kandidat ist, der die Oscar-Academy beeindrucken kann. Der Film widerspricht nahezu allen Vorstellungen eines Leinwand-Hits. Er übertrifft sogar noch die Erwartungen, die in den letzten Jahren von A24 erzeugt wurden (und das mit „Backrooms“ ebenfalls ein Projekt eines YouTubers im Programm hat).
Jordan Peeles „Get Out“ ist natürlich das Vorbild: 2017 als Debütfilm eines intelligenten, ehrgeizigen Regisseurs ins Rennen gegangen, wurde der inzwischen zum Klassiker gereifte Horrorfilm für vier Oscars nominiert. Es blieb nicht nur bei den Nominierungen, Peele gewann den Preis für das beste Originaldrehbuch.
Die Academy hat den Horror-Trend erkannt
Wie erst die letzte Oscar-Verleihung zeigte, kann sich die Academy inzwischen sehr viel mehr auf Horrorfilme einlassen. Bei der 98. Verleihung vor einigen Wochen gab es insgesamt acht Preise für Filme des Genres, „Blood & Sinners“ war gar für 16 Goldjungen nominiert. Ein historischer Rekord.
Dennoch wird Horror bis heute meist nur dann ernst genommen, wenn zusätzliche Faktoren hinzukommen. Meistens ist das ein etablierter Regisseur, große Stars oder die Vermischung mit anderen Genres. Man denke in dem Fall nur an „Das Schweigen der Lämmer“, das alle wichtigen Preise abstaubte.
Genau hier besitzt „Obsession“ überraschend gute Voraussetzungen, wie es in einem Bericht von „Variety“ heißt. Der Film verbinde Elemente von „Get Out“, „Smile“ sowie den Psychothrillern der 90er-Jahre und verfüge nun auch über eine echte Erfolgsgeschichte für eine kommende Oscar-Kampagne.
Weitere Rekorde wären dann bei den Oscars gewiss: Sollte Barker als bester Regisseur nominiert werden, würde der 27-Jährige zu den jüngsten Regiekandidaten der Oscar-Geschichte zählen, in einer Reihe mit „Citizen Kane“-Regisseur Orson Welles.
Auch Hauptdarstellerin Inde Navarrette könnte für eine Überraschung gut sein, trägt die aus „13 Reasons Why“ bekannte Schauspielerin den Film mit einer, klar, obsessiven Darstellung fast ganz alleine. Eine Nominierung würde sie laut „Variety“ zur jüngsten Latina machen, die jemals in einer Schauspielkategorie berücksichtigt wurde.
Ein YouTuber als Oscar-Gewinner?
Realistisch betrachtet stehen die Chancen für Horrorfilme aber nach wie vor im Vergleich zu anderen Genres eher schlechter. Noch kristallisiert sich kein Favorit für die kommende Oscar-Saison heraus (es wird aber spannend zu sehen sein, wie der neue Spielberg-Film „Disclosure Day“ bei der Academy ankommen wird), aber der nun offensichtlich werdende Trend, Internet-Phänomene zu Filmgeschichten zu machen oder YouTuber auf den Regie-Stuhl zu setzen, könnte in Hollywood auch Abwehrmechanismen auslösen.
Doch ähnliche Befürchtungen widerlegte einst auch „Get Out“. Er machte Blumhouse zu einer Edel-Adresse für Horrorfilme und Peele zu einem Regie-Star. Die außergewöhnliche Herkunftsgeschichte und unverbrauchte Gesichter hat auch „Obsession“. Ob die Academy am Ende mitzieht, weiß heute noch keiner. Aber wie es heißt, wird im Hintergrund bereits eine finanzstarke Kampagne vorbereitet.