Analyse: Spielbergs „Disclosure Day“ – Der Alien-Film, der enttäuscht

Wie sich Spielbergs Alien-Vision seit 50 Jahren entwickelt hat – und warum „Disclosure Day“ dieser Erbschaft nicht gerecht wird.

ROLLING STONE Badge
Empfehlungen der Redaktion

Diese Kritik enthält fundamentale Spoiler.

Zwei ausgesprochen reizvolle Fan-Fiction-Theorien über den möglichen Schluss von „Disclosure Day“ haben sich leider nicht bewahrheitet. Deshalb ist es kein Spoiler, sie hier auszubreiten. Variante eins: Richard Dreyfuss, der vor bald 50 Kinojahren in „Unheimliche Begegnung der Dritten Art“ in das Raumschiff der Außerirdischen stieg, kehrt am Ende von Steven Spielbergs neuem Werk wieder auf die Erde zurück und legt Zeugnis ab. Variante zwei: Spielberg hatte exklusiven Einblick in die jüngst veröffentlichten UFO-Akten des Pentagon und präsentiert mit offizieller Regierungsfreigabe erstmals Aufnahmen von Außerirdischen. Das wäre was!

Die wirkliche Handlung von „Disclosure Day“ fällt nüchterner aus: Die Aliens lehren uns, dass Empathie den Weltfrieden sichert, denn sie schlummere in jedem Menschen. Auch in Amerikanern und Russen. Die Blockmächte taumeln auf den Dritten Weltkrieg zu, die USA und Russland haben ihre strategischen Atomsprengköpfe aufeinander gerichtet. Nur Empathie könne die Menschheit beschwichtigen. Die Nachrichtensprecherin Margaret Fairchild (gespielt von Emily Blunt – warum nur hat Autor David Koepp sie so getauft, dass man unweigerlich an Morgan Fairchild denken muss?) übt ihren Beruf nicht von ungefähr in Kansas City aus, jener „The Day After“-Metropole, die 1983 sinnbildlich für das nukleare Armageddon stand.

Daniel Kellner (Josh O’Connor) ist ein Cybersecurity-Spezialist, den eine Organisation jagt, weil sie verhindern will, dass er geheimes Roswell-Wissen ins Netz stellt. Noah Scanlon (Colin Firth) leitet „Wardex“, einen verschworenen Zirkel, der über die Bewahrung von Staatsgeheimnissen wacht.

„Sie gehören nicht der Regierung an – sie verdienen ihr Geld mit Lügen“, sagt Kellner und verrät damit fast mehr über seine Sicht auf die amtierende Administration als über die fiktive Institution, die notfalls über Leichen geht. „Das kannst du doch nicht einfach veröffentlichen“, hält ihm seine Freundin Jane (Eve Hewson) entgegen, eine ehemalige Nonne. „Die Welt steht ohnehin am Abgrund – was glaubst du, was dann passiert?“ „Ich entscheide nicht, ob diese Daten gut oder schlecht sind“, erwidert er. „Ich finde nur, sie müssen ans Licht.“ Ein Plädoyer für das Whistleblowing von Regierungsgeheimnissen, auch die Maxime von WikiLeaks, ungeachtet dessen, dass US-Präsidenten angeblich gar nicht in die UFO-Geheimnisse eingeweiht sein sollen, sind sie doch nach spätestens acht Jahren wieder schlichte Zivilisten.

Roswell, Geheimnisse und Gewissensfragen

In einer theologischen Anmaßung lässt sich Jane von ihrer einstigen Ordensschwester sogar bestätigen, Gott habe den Menschen nur auf der Erde nach seinem Abbild geschaffen; ein Ebenbild in anderen Galaxien sei damit keineswegs ausgeschlossen. Eine religiöse Perspektive braucht dieser Film, der  wie schon Spielbergs „Sugarland Express“ ein Verfolgungsdrama auf Rädern ist, aber gar nicht.

Vielleicht ist David Koepp, den Spielberg als Action-Spezialisten eigens für das Projekt beauftragte, für diese Aufgabe auch nicht die glücklichste Wahl. In seinen besten Arbeiten halten sich Literaturverfilmungen wie „Jurassic Park“ und „Carlito’s Way“ mit Originaldrehbüchern wie „Panic Room“ oder „Mission: Impossible“ die Waage. Doch das waren durchweg Genrestücke.

Die Journalistin Fairchild und der Whistleblower Kellner verkörpern in Spielbergs und Koepps also sehr idealistischem Sci-Fi-Thriller die besten Tugenden Amerikas – eine Vorstellung, die angesichts der Weltlage zumindest erfrischend anmutet. Moderatorin Fairchild ist dabei im Wortsinn ein Medium, eines, durch das sogar die extraterrestrischen Besucher zu uns sprechen. Dass ausgerechnet Außerirdische uns zum Frieden anhalten, statt dass ihre Ankunft die Menschheit erst recht in Panik versetzt und an den Rand eines nuklearen Suizids treibt, wirkt dagegen treuherzig.

Die Hoffnung auf Erlösung von außen

Schon die Trailer zu „Disclosure Day“ sind denkbar ungeschickt montiert, verraten sie doch den gesamten Film; davon abgesehen drängt sich die Frage auf, warum Steven Spielberg vor 33 Jahren in „Jurassic Park“ täuschend echte Dinosaurier wiederauferstehen lassen konnte, nur um heute, drei Jahrzehnte später, Waldtiere zu zeigen, die aussehen wie Figuren aus einem Pixar-Film.

Außerirdische sind Spielbergs Lebensthema, und auch die Gestalt der Aliens, nackte, feingliedrige Wesen mit Eierschädeln und mandelförmigen Augen, wandelt er seit beinahe 50 Jahren nur unwesentlich ab: von „Unheimliche Begegnung der Dritten Art“ über „Krieg der Welten“ und „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ bis hin zu „A.I. – Artificial Intelligence“, in dem selbst die Roboter am Ende der mecha-evolutionären Entwicklung aussehen wie Erscheinungen aus einem Area-51-Albtraum. In „Disclosure Day“ kehrt Spielberg der martialischen, pulpigen Wells-Idee kriegerischer Aliens aus „War of the Worlds“ wieder den Rücken und wendet sich einer vermutlich plausibleren Hard Sci-Fi zu, ganz im Geiste Arthur C. Clarkes: Sollten Außerirdische tatsächlich vorbeischauen, dann wohl nur in friedlicher Absicht.

Einige Einfälle gelingen, etwa die Besetzung von Wyatt Russell als Fairchilds Boyfriend, den wir in der bitterbösen „Black Mirror“-Episode „Playtest“ schon im Zweikampf mit einem „Wesen“ erlebt haben und der mit seiner felsenfesten Männlichkeitsüberzeugung, hinter der in Wahrheit völlige Ratlosigkeit lauert, ähnlich erheiternd auftritt wie sein Vater Kurt in „Big Trouble in Little China“. Hinzu kommt ein – für Spielberg eher untypischer – Tracking Shot durch ein hektisches TV-Studio. Und schließlich jener rare Augenblick echter Spielberg-Magie: der Einfall, eine Panikattacke Fairchilds zu lindern, indem sie Klangkörper berührt.

Spielbergs alte Obsession

Apropos Magie: Man müsste bis ins Jahr 1998 zurückgehen, um den letzten Spielberg-Film zu finden, der kulturgeschichtlich Gewicht hatte. 28 Jahre liegt „Saving Private Ryan“ mittlerweile zurück, jener Film, der sich anfühlte wie Krieg – so sehr, dass Veteranen des Zweiten Weltkriegs weinend die Säle verließen.

Danach folgten noch etliche starke Arbeiten: die bis heute hochaktuelle Frage, ob Künstliche Intelligenz empfinden kann („A.I.“, dessen Titelthema John Williams für den „Disclosure Day“-Abspann paraphrasiert); der zumindest technisch verblüffende Bildschirmwischer-Thriller „Minority Report“; mit „Krieg der Welten“ eine Auseinandersetzung mit 9/11 und der Angst vor dem Schläfer; sowie mit „München“ ein Meisterwerk, das Schuldfragen zwischen Israelis und Palästinensern so ausgewogen abwägt, dass es Pflichtprogramm für all jene sein sollte, die einander in dieser Debatte nur noch anbrüllen.

Doch auch diese Werke – „A.I.“, „Minority Report“, „War of the Worlds“ und „München“ – hallten letztlich nicht nachhaltig nach, ob es einem gefällt oder nicht. „Disclosure Day“ ist, wie der „Tim und Struppi“-Film oder „Ready Player One“ und „Die Fabelmans“, eine jener späteren Spielberg-Arbeiten, die top aussehen, aber keinerlei Anlass bieten, sie ein weiteres Mal zu sehen. Seine „West Side Story“-Verfilmung aus dem Jahr 2021, die nicht wenige Kritiker allein aufgrund ihres präziseren ethnischen Castings sogar für gelungener halten als Robert Wises Version von 1961, wird heute allein durch die Lobeshymnen Quentin Tarantinos im Gespräch gehalten.

28 Jahre also. Das entspricht der Hälfte von Spielbergs Regiekarriere. 28 Jahre, in denen er Filme drehte, die immer weniger Einfluss auf die Filmkultur und die öffentliche Debatte ausübten. In weniger als dieser Zeit drehte Sergio Leone sein gesamtes Werk. Christopher Nolan steht aktuell bei 28 Jahren.

Wo ist die Pointe?

In „Disclosure Day“ behauptet Spielberg, in Roswell sei tatsächlich ein UFO niedergegangen (Lesen Sie dazu unbedingt die ausgesprochen lohnende Recherche der Investigativjournalistin Annie Jacobsen, der zufolge das Roswell-UFO von missgestalteten, durch Josef Mengele gezüchteten Kindern gesteuert worden sein soll – im Auftrag Josef Stalins, der die amerikanische Bevölkerung in Schrecken versetzen wollte. Ja, das klingt vollkommen unglaubwürdig, aber die Recherche ist grandios). Spielberg zeigt CGI-Aliens an Absturzorten und in Laboren. Eine echte Story erzählt er dazu allerdings nicht. Diese Enthüllung ist bereits seine Pointe, auf die der Film in den letzten 15 Minuten zusteuert.

Und der körperlich ausgetragene Konflikt zwischen dem McGuffin (eine Art extraterrestrischer Zauberstab) gegen das christliche Kreuz ist fast schon komisch. Spielberg zeigt sogar die tief in der Alien-Popkultur verankerten Kornkreise, jene vermeintlichen Signallandeplätze. Erzählerisch bedeutungslos wirken sie jedoch wie ein reiner Teaser-Shot. Wie eine falsche Fährte, die man im Schnitt wohl zu entfernen vergaß. Das hat M. Night Shyamalan mit „Signs“, der sich 2002 eigentlich längst nicht mehr dieser Phantombotschaften hätte bedienen dürfen, anders gemacht.

Das ist „Ticking all the Boxes“. Und das ist fast schon traurig.

Die interessantere „Disclosure  Day“-Geschichte wäre gewesen: Roswell war ein Hoax, doch ausgerechnet die Erkenntnis, dass wir im Universum auf uns allein gestellt sind, zwingt die Menschheit dazu, sich zusammenzureißen. Nur wäre die Beerdigung eines ihrer größten Träume – des Kontakts zu Außerirdischen – kein typischer Spielberg-Stoff. Außerdem gäbe es für ihn weniger Anlass für jene ergriffenen Reaction Shots, die er so liebt. Stattdessen bestätigt „Disclosure Day“ die Verschwörungserzähler: Sie hatten die ganze Zeit recht.

Wie gering muss Spielbergs Vertrauen in die Fähigkeit des Menschen zur Selbstkorrektur sein, wenn er ausgerechnet Aliens diktieren lässt, was wir an uns ändern müssen?