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Oscar Isaac – Ein Treffen mit Amerikas sanftem Superhelden

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Oscar Isaac – Ein Treffen mit Amerikas sanftem Superhelden

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Oscar Isaac drückt seine Gitarre an sich, kneift die Augen fest zu – und schon ist die Welt wieder in Ordnung. Was schließlich Sinn der Übung ist, denn selbst nach 37 Jahren wartet die Welt noch immer mit unschönen Überraschungen für ihn auf. Zum Beispiel mit der, dass die Leute ihn nun einen Filmstar nennen – nur weil er hübsch aussieht, ein paar dramatische Rollen gespielt hat, die auch einem Pacino oder De Niro gut zu Gesicht gestanden hätten, und für Blockbuster wie „Star Wars“ und „X-Men“ vor der Kamera steht. Soll das etwa ein schlechter Scherz sein? „Ich bin Schauspieler, kein Star!“, empört er sich höflich – als hätte ich dem Thema: sein meteorhafter Aufstieg schon viel zu viel Bedeutung zugemessen. „Ich weiß wirklich nicht, was Sie meinen, wenn Sie mich einen Star oder Filmstar oder so was nennen.“

Geplant hatte Isaac all das nie. Genau genommen hatte er überhaupt nichts geplant – und er versucht auch noch immer, es aus seinem Kopf zu verdrängen. Er ist nun mal besessen von seinem Handwerk, hat zum Prominentendasein keinerlei Beziehung und schützt seine Privatsphäre mit einem reflexartigen Instinkt. Sicher, das Geld ist nicht schlecht (obwohl er kaum etwas ausgibt), doch der einzige Pluspunkt, den er am Erfolg wirklich zu schätzen weiß, ist die Freiheit, nun mit Rollenangeboten überhäuft zu werden. Dass er in den sozialen Medien eine treue weibliche Gefolgschaft hat – einige Blogger nennen ihn bereits „den Internet-Boyfriend“ –, quittiert er mit einem gequälten Lächeln. „Das Internet war wohl noch nie das Äquivalent einer monogamen Beziehung“, sagt er und lacht still in sich hinein. „Es ist sogar sehr promisk, dieses Internet.“

Wobei ihn „dieses Internet“ fast schon in die Wüste geschickt hätte, als im vergangenen Jahr ein altes Foto von ihm die Runde machte, auf dem er mit dem Cover von Ayn Rands umstrittenem Objektivismus-Manifest „Atlas Shrugged“ zu sehen war. Rand vertritt darin einen rigorosen individuellen Egoismus und Laissez-faire-Kapitalismus. „Ich mochte das Design“, wiegelt Isaac ab. „Ich hatte nicht damit gerechnet, deshalb gleich mit all ihren politischen Überzeugungen in einen Topf geworfen zu werden. Ich huldige nicht dem hemmungslosen Individualismus.“

Der zum internationalen Star aufgestiegene Schauspieler lebt noch immer in dem Zweizimmer-apartment in Williamsburg/Brooklyn, das er sich schon vor seinem großen Durchbruch gekauft hatte. Er hat kein Auto („Wissen Sie, was hier eine Garage kostet? Dafür kann man eine ganze Wohnung mieten!“), hat aber zumindest alles renovieren lassen. Mutter und Schwester hat er ebenfalls eine Wohnung gekauft. Er würde sogar selbst ein größeres Domizil ins Auge fassen, sollte er einmal Kinder haben – oder, wie er es ausdrückt: „Wenn ich mich dupli- oder replizieren will.“

Ansonsten hat er nicht die Absicht, sein Leben in irgendeiner Form zu ändern. Bei der Vorstellung, von nun an nur noch Hauptrollen spielen zu können, zuckt er zusammen – etwa als ihm Regisseur Paul Schrader eine potenzielle Rolle wie folgt zu verkaufen versuchte: „Sie werden der Hauptdarsteller sein, Sie müssen einfach nur da sein und sich von Komparsen umschwirren lassen, die alle möglichen verrückten Sachen veranstalten werden. Sie müssen einfach nur anwesend sein und Präsenz versprühen.“ Nicht gerade das, was De Niro in „Taxi Driver“ getan hat, dachte er sich.

„Rumgniedeln“ in Brooklyn

An einem freien Nachmittag, auf einer seiner seltenen Stippvisiten in Brooklyn (meist ist er zurzeit am Filmset in London, wo die Fortsetzung von „Stars Wars: Das Erwachen der Macht“ gedreht wird), spaziert Isaac zu einem Proberaum ganz in der Nähe seines Apartments und spielt mit ein paar Freunden eine kleine Jam-Session. „Wir gniedeln nur rum“, erklärt er, doch der glückliche, geradezu entrückte Gesichtsausdruck, der ihn beim Spielen überfällt, spricht eine andere Sprache. Mit seinem weißen T-Shirt, dem sehnigen Körper und dem hübschen, von dunklen Haaren gerahmten Gesicht (die Koteletten ließ er sich nur für seine „Star Wars“-Rolle als Poe Dameron wachsen) hat Isaac eine frappierende Ähnlichkeit mit Bruce Springsteen anno ’78. Er räumt ein, dass er für ein Springsteen-Biopic sicher keine Fehlbesetzung wäre, fügt aber gleich an: „Sollte man sich Springsteen nicht besser in natura anschauen?“

Als Isaac sich 2001 auf der Juilliard School in Manhattan einschrieb, hatte er in Florida seine heiß geliebte Band zurückgelassen, auch wenn ihr Ska-Punk ein anachronistischer Ladenhüter war. Er hatte sich noch immer nicht endgültig zwischen Musik und Schauspielerei entschieden, als ihm sein musikalisches Talent die wichtigste Rolle seiner Filmkarriere bescherte: Im Coen–Brothers-Film „Inside Llewyn Davis“ spielt der Hobbymusiker den dauermelancholischen Folksänger gleichen Namens, der im Greenwich Village der 60er-Jahre Fuß zu fassen versucht. Mit 35 Jahren war aus dem ewigen Komparsen plötzlich einer der gefragtesten Schauspieler der Welt geworden. Die wichtigste Lehre, die ihm die Coens mit auf den Weg gaben: „Seine Sache durchzuziehen ist wichtiger als die krampfhafte Fixierung auf die Karriere.“

Isaac, die Augen geschlossen, schlägt einen D-Dur-Akkord an und verliert sich in „Devotion“ – einem Song, den er vor sechs Monaten schrieb, als er bei den Dreharbeiten zu „X-Men: Apocalypse“ in Montreal weilte. In dem Blockbuster spielt er die Titelfigur, den gottgleichen Mutanten, der die X-Men auf eine harte Probe stellt. Um seinen Hauptdarsteller richtig einzupegeln, feuerte ihn Regisseur Bryan Singer in einer nur Comicfans verständlichen Maßeinheit an: „Gib mir ein Viertel Skeletor!“ Oder mal einen halben. Skeletor ist eine furchteinflößende Figur aus dem Marvel-Universum. Bei einem Spruch wie „Ihr könnt eure Pfeile gegen den Turm von Babel schießen, aber Gott werdet ihr nie treffen“ war natürlich der „volle Skeletor“ vonnöten.

Tag für Tag wurden Isaac blaues Make-up aufgetragen, eine Gesichtsprothese und ein 20 Kilo schwerer Panzer angelegt sowie Plateaustiefel unter-geschnallt, die Kiss würdig wären, um seine bescheidene Körpergröße (1,73 m) etwas stattlicher zu gestalten. „Es war eine mörderische Tortur“, bestätigte „X-Men“-Produzent Simon Kinberg. „Und er hat nicht ein einziges Mal gejammert.“ Um an schwülen Drehtagen nicht ohnmächtig zu werden, wurde Isaac zwischen den Szenen in ein Kühlzelt gesteckt. „Ich ging in mein Zelt, atmete tief durch und versuchte mich nicht davon irritieren zu lassen, dass sich der Schweiß in meinen Ohren sammelte, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Es war brutal! Letztlich bestand die Herausforderung darin, vor einer Filmkamera Kabuki-theater zu spielen.“

Nach einem Dreh gingen Apocalypse und sein Gegenspieler Magneto (gespielt von Michael Fassbender) zu ihrem Trailer zurück und konnten nicht anders, als über die Absurdität ihres Jobs zu lachen. „Er war ganz in Blau, während ich einen Helm und mein Cape trug“, so Fassbender. „Zwei erwachsene Männer! Wir konnten uns ein Prusten nicht verkneifen.“ Die beiden wurden Freunde, nachdem sie sich nach einem gemeinsamen Abendessen die Kante gegeben hatten – und morgens mit Doppelkater zum Dreh mussten.

„I have released myself from fear“, singt Isaac mit samtener Stimme, die ein bisschen an Jeff Buckley erinnert, und noch immer geschlossenen Augen. „But I go crazy when you’re not here.“ Sein Song „Devotion“ klingt wie eine Ode an eine schmerzlich vermisste Freundin. Offensichtlich haben wir es hier mit einem klassischen Liebeslied zu tun. „Anything worth doing is worth doing in bed“, knurrt er in einer Strophe. „The life that I see is a life I’m ready to begin/ It took me a while, but now I welcome you in/ With a word, I’ll put my devotion to a test/ I’ll strap your love around me like a suicide vest.“ Im weiteren Verlauf murmelt er noch etwas davon, sich auch ein Baby vorstellen zu können. Die Überlegung, sich dupli- oder replizieren zu wollen, scheint also durchaus in einem fortgeschrittenen Stadium zu sein.

Kompromissloses Leben

Konkretere Einblicke in sein Liebesleben wird uns Isaac allerdings nicht gewähren. Die Kompromisslosigkeit, mit der er seine Privatsphäre abschirmt, ist ähnlich konsequent wie die Intensität, die er in seine Rollen investiert. Glaubt man der Klatschpresse, hat er aber sehr wohl eine Freundin – und zwar eine dänische Dokumentarfilmerin namens Elvira Lind, die ein Stück größer ist als er. Bei genauerem Hinsehen lassen sich ihre Spuren eigentlich überall finden, etwa in Form seiner blauen Baseballkappe mit den Buchstaben NV – ein Souvenir aus dem Nordvest-Viertel in ihrer Heimat, Kopenhagen.

Bruce Ferguson, sein Kindheitsfreund und langjähriger Musikpartner, sitzt in einer Ecke auf dem Sofa und schaut Isaac beim Spielen zu. Die beiden sind der lebende Beweis, dass sich Gegensätze anziehen: Ferguson – schlaksig, bebrillt, zotteliger Bart – sieht genau so aus wie der angehende Astro-physiker, der er tatsächlich einmal war. Inzwischen arbeitet er als Privatlehrer in Manhattan.

Während ihrer gemeinsamen Schulzeit in Florida sammelten sie „X-Men“-Comics und entwickelten sogar Rollenspiele, in denen sie Figuren aus dem Marvel-Kosmos verkörperten. Als man Isaac die Rolle im neuen „X-Men“-Film anbot (die er als alter Fan natürlich nicht ausschlagen konnte), entwickelte er mit Ferguson Ideen, wie er die Figur des Apocalypse angehen sollte. „Zu dieser Rolle hatte ich tatsächlich eine spontane Beziehung“, so Isaac, „auch wenn ich nicht gerade der größte Fan von Comicverfilmungen bin. Grundsätzlich mag ich sie schon, aber in letzter Zeit wurden sie ziemlich eintönig. ,Deadpool‘ und den letzten ,X-Men‘-Film hingegen fand ich sehr überzeugend.“

Der Proberaum gehört einem Musiker namens Rene Lopez, der früher mit Mitgliedern von Blind Melon und Spacehog spielte und Isaac vor drei Jahren bei einer von ihm veranstalteten Talentnacht kennenlernte. „Ich wusste nicht, dass er Schauspieler ist“, so Lopez. „Ich hatte ihn zwar schon in Filmen gesehen, konnte aber nicht eins und eins zusammenzählen. Als er auf die Bühne kam, war er für mich ausschließlich Musiker – zumal er so gut spielte wie sonst nur Profis.“

Wenn er auf der Bühne steht und sich nicht hinter einer Figur verstecken kann, befällt Isaac tatsächlich Lampenfieber. Ohne Publikum hingegen tut er sich keinen Zwang an, sondern feixt hemmungslos herum. Als ich den Namen Kendrick Lamar erwähne, stimmt er spontan ein Medley aus „Girl From The North Country“ und Lamars „Money Trees“ an – inklusive des „Halle Berry or hallelujah“-Refrains. „I’ve been hustling all day“, singt er, „this-a-way, that-a-way.“

In der Riege durchtrainierter weißer Herzensbrecher (wie Ryan Reynolds oder Chris Hemsworth) fällt Isaac aus dem Rahmen. Er ist attraktiv, hat aber nichts von der glatten Perfektion, die inzwischen die Hollywoodnorm geworden ist. Seine Nase ist markant und hat auf der Spitze eine kleine Kerbe. „Eine butt nose“, sagt er stolz. „Ich habe einen Zinken, wie er im Buche steht.“ „Er hat vor allem ein interessantes Gesicht“, meint „X-Men“-Regisseur Singer, „wie alle großen Filmstars, ob sie nun Harrison Ford oder Tom Cruise heißen.“ Dass er letztlich den Zuschlag erhielt, lag laut Singer nicht zuletzt an der „globalen Architektur seines Gesichts. Oscar hat etwas Ägyptisches, etwas Asiatisches und etwas Südamerikanisches. Sein Gesicht verkörpert den universalen Menschen.“

Familienbande

Oscar Isaacs Vater ist Kubaner, seine Mutter Guatemaltekin. Sein Vater verließ Kuba kurz vor Castros Revolution und machte eine medizinische Ausbildung in Guatemala, wo er Oscars Mutter kennenlernte. Sie wanderten mit ihrem Sohn in die USA aus, als er fünf Monate alt war. Isaac hat bis heute ein kompliziertes Verhältnis zu seiner Herkunft. Bereits zu Beginn seiner Karriere entschloss er sich, den Familiennamen (Hernandez) zugunsten seines zweiten Vornamens (Isaac) aufzugeben.

Die Einladungen zu Auditions nahmen daraufhin umgehend und ziemlich sprunghaft zu – auch wenn er paradoxerweise fast eine Rolle nicht bekam, in der er „einen kubanischen Typ“ zu spielen hatte. „Sie klatschen dir umgehend ein Etikett auf“, erklärt er. „ ,Aha, ein Latino! Den können wir nur für spanische Werbespots brauchen.‘ Aber ich möchte Geschichten über menschliche Erfahrungen erzählen, die nicht notwendigerweise deckungsgleich mit meinem persönlichen Background sind.“ Ob das nicht ein aussichtsloser Drahtseilakt ist? „Na ja, ich habe schon das Gefühl, bislang die richtige Balance gefunden zu haben.“ Gleichzeitig möchte Isaac seine Identität keineswegs verstecken – und ist sich wohl bewusst, dass es in Guatemala, aber auch in den USA viele Menschen gibt, die „in mir so etwas wie den Latino-Botschafter sehen“.

Natürlich findet Isaac den Aufstieg von Donald Trump „definitiv besorgniserregend. Wobei mich weniger der Typ selbst irritiert als vielmehr, dass er offenbar nur ausspricht, was ein Großteil der Bevölkerung denkt. Denn er spricht von mir, von meiner Familie! Wir sind Immigranten. Der einzige positive Aspekt besteht darin, dass Trump unfreiwillig dabei hilft, den divergierenden Kräften in Lateinamerika einen neuen Fokus zu geben. Denn Lateinamerika beherbergt nicht eine Rasse, wohl aber eine Kultur. Es gibt chinesische Latinos, weiße Latinos, dunkelhäutige Latinos, sogar pechschwarze Latinos. Es gibt alle möglichen Varianten.“

Als Oscars Vater seine Ausbildung abgeschlossen hatte, zog die Familie von Baltimore nach New Orleans und ließ sich dann in Miami nieder. Als er in New Orleans den Kindergarten besuchte, bildete sich Oscar Isaac sonderbarerweise ein, seine Familie wäre aus der Sowjetunion ausgewandert. „Ich weiß auch nicht, woher das kam“, sagt er heute. „Aber ich erzählte allen Kindern, dass ich Russe sei und Krieg spielen wolle.“

Schon in seinem ersten Schuljahr bekam er Ärger: Da Isaac mit seinem mimischen Mitteilungsbedürfnis die anderen Kinder vom Lernen abhielt, baute sein Lehrer einen Schutzwall um den Tisch des Jungen – mit dem Resultat, dass dieser die Aufbauten als Kasperltheater nutzte. Er fing auch früh mit dem Gitarrespielen an und machte immer aufwendigere Homemovies mit Papas Filmkamera. Auf der Highschool wollte er Claire Danes, den Teenstar aus der TV-Serie „Willkommen im Leben“, zu einer seiner Theaterproduktionen einladen, überlegte es sich in letzter Minute aber doch anders.

Isaacs Eltern waren bibeltreue, fundamentalistische Christen – ein Glaube, den Isaac immer mehr infrage stellte und von dem er sich schließlich völlig lossagte: „Diese ganze Glaubensrichtung mit ihren konservativen Werten deckt sich herzlich wenig mit dem, was Jesus in der Bibel sagt.“ Sein Vater nahm jede Gelegenheit wahr, um mit seinem Sohn über Religion zu debattieren. „Zum Teil war es wohl der Kubaner in ihm“, so Isaac. „Das Argumentieren liegt ihnen im Blut. Manchmal kamen meine Freunde vorbei und – oh mein Gott! Irgendwann wollten wir uns alle an die Gurgel, nur um dann anschließend so zu tun, als wäre nichts passiert. Wirklich gesund war das wohl nicht.“

Dann ließen sich seine Eltern scheiden. Es sei „eine traumatisches Erfahrung“ gewesen, die dazu führte, dass Isaac verstärkt auf den Putz haute. Mit einem Freund brach er erst in ein Kino ein, randalierte dann in der Schule, wo er ein Wandgemälde mit „Fuck“ und „Shit“ verschönerte und auch den Feuerlöscher zweckentfremdete. Er flog umgehend von der Schule – und wäre wohl auf einer noch christlicheren gelandet, wenn nicht der liebe Gott seine schützende Hand über den rebellischen Schüler gehalten hätte: Hurrikan Andrew zerstörte 1992 nicht nur das Haus, in dem sich die Familie verbarrikadiert, sondern auch die neue Schule, die man für ihn ausgesucht hatte. Gezwungenermaßen musste Isaac auf eine öffentliche Highschool gehen, wo er gleich von der örtlichen Punk-szene infiziert wurde. „Bruce (Ferguson) stand eines Tages mit einem Irokesenschnitt in der Tür und meinte nur: ,Ska, man! Fucking ska!‘ “

Alkohol und Drogen

Um Drogen und Alkohol allerdings machte er auch weiterhin einen Bogen, was ihn zum Außenseiter machte – ein Gefühl, das Isaac durchaus schätzte. Bis Mitte 20 lebte er relativ asketisch, als ein befreundeter Juilliard-Student einem Mord zum Opfer fiel. „Ich erinnere mich, dass ich sagte: ,Ich brauche jetzt einen gottverdammten Drink!‘ Und ich trank. Und ich fragte mich: Hast du eigentlich Angst vor der Person, die der Alkohol aus dir machen könnte?“

Es blieb nicht beim Alkohol. Kurz nach seinem ersten Vollrausch bat Isaac seinen Zimmernachbarn, ihn in die Kunst des Kiffens einzuweisen. „Ich fragte: ,Was hast du denn so anzubieten? Ist das eine Bong? Nennt man die Dinger nicht so? Reich doch mal rüber! Oh, das ist ja super! Wow! Ich hätte das Zeug schon seit Ewigkeiten rauchen sollen!‘ “

Nach der Highschool besuchte der um einige Erfahrungen reichere Isaac ein Junior College, arbeitete in einem Krankenhaus, wo er Patienten – lebende wie tote – durch die Gänge schob („Man lernt dabei extreme menschliche Gefühle kennen“) und spielte weiterhin in Bands. Er bewarb sich auch bei einem örtlichen Theater, wo er schnell Star des Ensembles wurde – obwohl er bislang keinerlei schauspielerische Ausbildung hatte. „Ich hatte eine natürliche Energie, die einfach aus mir rauswollte“, sagt er heute. Ein Dramaturg, den er in Florida kennengelernt hatte, gab ihm die Chance, in einer Off-Broadway-Produktion Fidel Castro zu spielen. Und als Isaac eines Tages durch Manhattan spazierte, kam er am Gebäude der Juilliard School vorbei. Mit der ihm eigenen Unbekümmertheit ging er hinein und fragte nach einem Studienplatz.

Sein Drang zum mimischen Ausdruck werde zu einem nicht unbeträchtlichen Teil „von existenzieller Angst“ gespeist, sagt Isaac. „Das Gefühl, nicht dazuzugehören, hat bei mir immer eine zentrale Rolle gespielt. Mir war schon im Kindergarten klar, dass wir letztlich alle kleine Inseln sind.“

Macht er seinen persönlichen Background dafür verantwortlich? „Nein“, antwortet er. „Es hat mehr mit einer existenziellen Verzweiflung zu tun.“ Ich erinnere ihn an die Szene in Woody Allens „Annie Hall“ („Der Stadtneurotiker“), wo der Psychiater Annie bittet, sie möge ab sofort täglich zur Therapie kommen. Isaac muss lachen. „Nein“, sagt er, „es geht nicht um Depressionen. Es ist mehr dieses Gefühl der kosmischen Verlorenheit. Ich spüre eben den Wunsch, vielleicht sogar die Notwendigkeit, dieses Gefühl auszudrücken. Und wenn ich jemandem begegne, der diese Erfahrung ebenso kennt, dann ist das immer ein gutes Gefühl. Warum das so ist, weiß ich auch nicht.“

Merkmale eines großen Schauspielers

Wenn seine Lieblingsfilme einen gemeinsamen Nenner haben, dann ist es die Gratwanderung zwischen Burleske und Drama. Selbst wenn er – wie in David Simons HBO-Serie „Show Me A Hero“ – einen tragisch scheiternden Bürgermeister spielt (der ihm einen Golden Globe brachte), lässt er diese Doppelbödigkeit immer aufblitzen. Sidney Lumets „Dog Day Afternoon“ („Hundstage“) steht bei seinen Favoriten ganz oben, weil er diese Mehrdeutigkeit perfekt trifft – von Al Pacinos brillanter Performance ganz zu schweigen.

Als Isaac den älteren Kollegen kennenlernte, gratulierte der ihm zu einer mimischen Leistung, die die Unschuld und Reinheit eines schauspielernden Kindes habe. Es ist eine Qualität, die für ihn das Merkmal eines großen Schauspielers ist. „Ich mag es, wenn man eine Szene beobachtet – und dabei etwas aufblitzt, das man eigentlich nicht sehen sollte.“

Rund eine Woche nach seiner Jamsession in Brooklyn – am ersten wirklich sonnigen Tag, den London in diesem Jahr erlebt – sitzt Isaac an einem Holztisch vor einem Edeljapaner in SoHo. Am Set von „Star Wars“, nur einige Kilometer von hier entfernt, wird er heute nicht gebraucht. Isaac trägt ein graues T-Shirt und offenbar dieselben schwarz-graue Jeans, die er schon vor einer Woche trug, dazu abgewetzte italienische Boots und eine Schiebermütze. Er ist ein engagierter Gesprächspartner, nutzt dabei aber eine Körpersprache, die das Analog eines Pokerface ist: Oscar Isaac schlägt einmal die Beine übereinander – und verharrt dann in dieser Position, ohne sich noch einmal zu bewegen. Fast hat man den Eindruck, als wollte er auf alle Eigenarten verzichten und sich das ganze Theater für seine Filmrollen aufsparen.

Während ihn in Brooklyn niemand zur Kenntnis nahm, wird er in London regelmäßig erkannt und auch angesprochen, zum Glück aber nicht aufdringlich belagert. „Danke, dass Sie ,Star Wars‘ wieder auf Vordermann gebracht haben!“, sagt ihm ein junger Typ.

Isaac legt seine Stirn in Falten. „Auf Vordermann gebracht?“

„Es gibt wieder was zum Lachen!“, sagt der Junge. Dabei ist Isaacs Auftritt als Poe Dameron (draufgängerischer Pilot und Besitzer des kugelrunden Roboters BB-8) in „Das Erwachen der Macht“ vergleichsweise kurz und wäre fast noch weiter geschrumpft. Ursprünglich war vorgesehen, das Publikum mit Einführung einer neuen Figur zu überrumpeln – um ihn dann aber schnell wieder ins Gras beißen zu lassen. Isaac protestierte zunächst, gab schließlich nach – nur um dann von Regisseur J. J. Abrams zu hören, dass er mit seinem Einwand völlig recht habe: Poe müsse unbedingt eine Zukunft haben.

Isaac ist in den Eingangssequenzen des Films zu sehen – und seine schrägen Dialoge waren das erste Indiz, dass die neuen „Star Wars“-Filme eine entspanntere Tonalität haben würden als -George Lucas’ Prequels. Viele der witzigen Wortwechsel – wie etwa die Szene, in der Poe (den von Adam Driver gespielten) Kylo Ren in seinem Helm zunächst nicht hören kann – wurden erst im Nachdreh eingefügt. Isaac hatte dabei die Freiheit, mit eigenen Improvisationen zu glänzen. Er gab jedenfalls sein Bestes, um aus der Filmfigur, die anfangs nicht mehr als ein liebenswürdiges Klischee ist, eine komplexere Person zu machen. „Während der Dreharbeiten“, sagt er verschmitzt, „sind unserer Fantasie keine Grenzen gesetzt.“

Es ist kein Geheimnis, dass Poe Dameron in der kommenden Folge weit mehr Platz eingeräumt wird. Gerüchteweise hieß es, dass vor allem Isaacs Performance dazu beigetragen habe – eine Deutung, von der er selbst aber nichts wissen will. Der Grund sei einfach der, dass Poe Dameron nicht mehr auf der Abschussliste stehe. „Im neuen Film hat er weitaus mehr Aufgaben zu lösen“, so Isaac. „Wir kommen in eine Phase, wo die Helden einer Prüfung auf Herz und Nieren unterzogen werden. Für alle drei“ – Poe, Rey (Daisy Ridley) und Finn (John Boyega) – „stehen schwere Prüfungen an.“

Und wie geht es mit BB-8 weiter?

„Auch BB-8 wird auf die Probe gestellt – wie alle! Es ist das beunruhigende zweite Kapitel ihrer Reise … Nein, so beunruhigend ist es nun auch wieder nicht.“

Zugunsten der „Star Wars“-Industrie traf Isaac eine weitreichende Entscheidung. „Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich langfristig gebunden“, sagt er. „Bis zum Jahr 2020 werde ich für den Krieg der Sterne in den Kampf ziehen.“ Erstaunlicherweise traf er den Entschluss spontan, ohne sich zuvor mit Zweifeln und Gewissensbissen herumplagen zu müssen. Die Entscheidung wurde ihm aber auch leicht gemacht, weil ihn das „Star Wars“-Engagement nicht davon abhält, ein zweites Standbein in künstlerisch anspruchsvollen Filmen zu behalten. Zusammen mit Christian Bale stand Isaac unlängst für „The Promise“ vor der Kamera (einen Film, der die Zeit des Völkermords an den Armeniern thematisiert); für den kniffligen Thriller „A Foreigner“, der in seiner Heimat Guatemala spielt, unterschrieb er unlängst einen Vertrag.

Die Entscheidung, sich für die nächsten Jahre an die galaktische Résistance zu binden, war in jedem Fall weniger weitreichend als der Entschluss, den er kurz nach der Highschool gefasst hatte – nämlich Mitglied der US-Marines zu werden. „Der Army-Rekrutierer war ein cooler Typ“, sagt Isaac, der davon träumte, Fotograf an der Front zu werden. Er legte einen Eid ab, überstand die Musterung – „Sie prüfen wirklich alles, sogar deine Eier“ –, entschied sich dann aber lieber doch für die Reserve. Gut und schön, sagte man ihm, aber Reservisten kämen als Fotograf nicht infrage. Stattdessen sollte er in einer Anti-Panzer-Division ausgebildet werden, er kam aber dann doch ins Grübeln: „Bin ich etwa der Typ, der sich den Panzern in den Weg stellt?“

Er entschied sich gegen eine militärische Karriere. Hätte er wirklich gedient, wäre er mit großer Wahrscheinlichkeit in Afghanistan und Irak eingesetzt worden. „Manchmal“, sagt er, „frage ich mich schon, wie mein Leben wohl aussähe, wenn ich diesen Weg eingeschlagen hätte.“

Wohl ganz anders. In jedem Fall ist es eine aufregende und anstrengende Welt, in der er sich heute wiederfindet. Um von den Anforderungen des Jobs nicht ausgelaugt zu werden, hat sich Isaac ein Bonmot des Kunstfotografen Saul Leiter zur Maxime erkoren: „Ich habe keine Philosophie. Ich habe eine Kamera.“ Dabei hätte es Isaac mit einer philosophischen Krücke womöglich leichter. Dann könnte er vielleicht auch der Frage auf den Grund gehen, was ihm der Erfolg wirklich bedeutet.

„Ich bekomme durch meine Arbeit eine Menge von dem, was ich mir erträumt habe. Aber man lernt auch, dass Glück und Erfüllung keine Erfahrungen sind, die dir Außenstehende auf dem silbernen Tablett servieren. Und das ist schon ein bisschen beängstigend“, sagt er. „Nachdem ich so lange – mehr als zwei Jahre – am Stück durchgearbeitet habe, setzt jetzt jedenfalls so etwas wie leichte Erschöpfung ein.“

Die Rolle des Hamlet

Im nächsten Jahr wird Isaac seine Vorstellung von Ferien mit nach New York nehmen, wo er als Hamlet auf der Bühne steht. Vielleicht kann ihm diese Erfahrung ja das Gefühl geben, wirklich etwas erreicht zu haben – oder zumindest helfen, seine Batterien neu aufzuladen. „Ein Teil von mir ist gespannt auf all das, was mich da draußen noch erwartet“, sagt er. „Aber gleichzeitig gibt es in mir auch dieses panische Gefühl, dass ich dort nur die große Leere finde.“

Er lächelt in sich hinein und rückt endlich mit einer Definition von Erfolg heraus, mit der er sich anfreunden kann: „Wenn ein Tag zu Ende geht, ohne dass ich etwas komplett verbockt habe, bin ich mit mir zufrieden.“

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