Amy Grant
„The Me That Remains“
Thirty Tigers (VÖ: 8.5.)
Heilung für private und gesellschaftliche Wunden.
Das Brandmal, als musikalisches Aushängeschild einer christlichcharismatischen Erbauungskultur zu dienen, hat Amy Grant längst überschrieben. Mit so fabelhaften Platten wie „Lead Me On“ und „Heart In Motion“ machte sie Rosanne Cash den Thron der Queen of Country Pop streitig und schlug Schneisen, in denen Künstlerinnen wie Faith Hill und LeAnn Rimes breite Highways bauen konnten. Ihre Songs blieben freilich auf allerweißeste Südstaatenwölkchen gebettet. Den religiösen Impetus hat Grant nie abgelegt. Doch fielen manche Fans in einer von radikalen Evangelikalen aufgepeitschten Atmosphäre vom Glauben ab.
Heute wirkt Grant wie eine liberale Stimme der Vernunft. Auf ihrem neuen Album, dem ersten mit eigenen Songs seit 2013, beschwört sie sogar die Geister von Woodstock, ruft John Lennon und Marvin Gaye als Seelenverwandte an und fragt: „Hey mister, where’s the road to Yasgur’s farm?/ He stares at me with pity and alarm/ Says that crowd left here long ago.“ Das Stück heißt „The 6th Of January (Yasgur’s Farm)“. Und natürlich kann man das als pathetische Mahnung verlachen. Aber die Ruhe, mit der Grant ihre Friedensbotschaft durch Schichten von Geschichte webt, vom Amerikanischen Bürgerkrieg bis zum Sturm aufs Kapitol 2021, das berührt.
„The Me That Remains“ ist ein melancholischer Reigen, in dem etwas erschüttert zu sein scheint: die Gewissheit, dass die Barbarei der Vergangenheit niemals wiederkehren wird. Umso leidenschaftlicher wirbt Grant für ein versöhnliches Miteinander, ob im poppigen „How Do We Get There From Here“ oder im hymnischen „Please Don’t Make Me Beg“. Und an manchen Tagen, wie der tröstlich wogende, von gesundheitlichen Katastrophen kündende Titelsong empfiehlt, muss auch mal ein Lächeln im Spiegel reichen.