Angel Olsen All Mirrors


Jagjaguwar/Cargo

Die Sehnsucht nach einem Großwerk muss riesig gewesen sein. Das vierte Album der US-Songschreiberin und -Sängerin kehrt dem Indie-Rock von „My Woman“ radikal den Rücken. „All Mirrors“ drückt einem ihre Ambitionen sofort in die Gehörgänge. Damit gar nicht erst Zweifel daran aufkommen, dass sich diese Künstlerin auf dem Zenit ihrer Kunst befindet. „Lark“, das erste und längste Stück der Platte, stellt die Weichen auf Bombast. Olsen hat ihre Hausaufgaben in avantgardistischer Pop-Kunst gemacht, die Lerche scheint direkt aus Julia Holters Voliere entflogen zu sein.

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Holters Elfenbeinturm ist dann aber doch ein paar Stufen zu hoch für Olsen. Statt auf idiosynkratische Arrangements setzt sie auf Flächen. Überwältigende Flächen. Ein undurchdringliches Gewitter aus Streichern und Synthesizern ergießt sich über schwerfällige Drums. Das Titelstück zündet ein hymnisches Feuer irgendwo zwischen U2, ­Tame Impala und Arcade Fire.

„Too Easy“ bringt nach diesen beiden Brocken etwas Entspannung. Die Intensität bleibt hoch. Das magisch schwebende „New Love Cas­sette“ erinnert an Sharon Van Ettens Synth-Pop-Werdung auf „Remind Me Tomorrow“. „Spring“ steigt mit einem Ringo-Starr-Gedächtnis-­Break ein, dämmert zu Unterwasser­piano, Olsen taumelt zwischen Apathie und Wehleid.

„Remember when we said/ We’d never have children/ I’m holding you, baby/ Now that we’re older“, singt sie mit einer Stimme, die unter der Wirkung von Xanax und Gras zu stehen scheint. Produzent John Congleton meint es manchmal etwas zu gut mit der Gesangskosmetik, die Olsen nicht braucht. Das Orchester inszeniert er hingegen in Vollendung. Björks „Vulnicura“ und Becks „Sea Change“ fallen einem als Referenzen ein.

„All Mirrors“ kreist um Realitätsverschiebungen, Identitätskrisen und Selbstakzeptanz. Der Wille zur Perfektion übertönt die Nachdenklichkeit leider mit stilisierter Schönheit. Man hätte gern die unbearbei­teten Versionen der Songs gehört.


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