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Café Belgica Regie: Felix Van Groeningen


Spätestens nach dem vierten Bier hatte immer irgendjemand die Idee, noch weiterzuziehen, und schnell wurde ein Schlachtplan erdacht, losgemacht, ein Wegbier geholt, die U-Bahn verpasst, durch die halbe Stadt gefahren, nur um dann in einer Menschenmasse vor dem Club zu landen: Einlassstop. Kurzerhand ins Taxi geschmissen, nächste Station, natürlich reichte der Kurzstreckentarif nicht aus. „Sie können uns hier rauslassen“, den Rest ist man gelaufen. Nach 20 Minuten Fußmarsch war man da. Wieder ein Reinfall – nix los. Aber zum Glück gab es noch diesen einen Laden, auf den immer Verlass war. Also nix wie hin. Angekommen: Pickepackevoll, versiffte Klos, schlechter Sound, also alles prima. Es folgte der Absturz, und erst im Morgengrauen ging es nach Hause (aber nicht so aufgekratzt-kichernd und schön gegenlichtdurchflutet wie in dieser aktuellen Damenbindenwerbung, sondern eher geblendet von der gleißenden Sonne, halb schlafend und mit voller Blase). Am nächsten Morgen, gegen 14.30 Uhr, wachte man auf, das Hirn wie Brei, ein Raucherpfropf im Rachen, der Magen flau und das Portemonnaie leer. Also alles schön. Wie immer.

Jo (Stef Aerts) und Davy Coppens (Boris van Severen)
Jo (Stef Aerts) und Davy Coppens (Boris van Severen)

Und genau so ein Absturzladen ist das Café Belgica: ein verrauchter, abgeranzter Schuppen, in dem vor allem alternatives Publikum verkehrt, viel Alkohol fließt und es immer Live-Musik verschiedenster Richtungen zu hören gibt. Der schmächtige Mittzwanziger Jo (Stef Aerts) führt diese Musikbar allein, bis eines Tages sein älterer Bruder, Frank (Tom Vermeir), auftaucht und mit ins Geschäft einsteigt. Die unterschiedlichen Brüder steigern sich in ihre Visionen und ihre Leidenschaft, sie vergrößern den Laden, organisieren für ein großes Publikum Konzerte angesagter und aufstrebender Bands. Schnell wird das Café Belgica zu einem beliebten Club, doch je populärer das Geschäft wird, desto mehr Probleme kommen auf die Brüder zu. Und plötzlich ist es nicht mehr so einfach, den richtigen Weg zu finden. Der belgische Regisseur Felix Van Groeningen, dem 2009 mit dem dionysischen „Die Beschissenheit der Dinge“ der internationale Durchbruch gelang, hat mit „Café Belgica“ die Rock’n’Roll-Nächte auf die Leinwand gebracht. Es sind lange, durchzechte Nächte, wild und destruktiv. Und es sind Nächte voller Musik. Bereits in seinem letzten Film, „The Broken Circle“, hatte Van Groeningen seine Liebe zur Musik unter Beweis gestellt: Die Geschichte des trauernden Elternpaars wurde immer wieder emotional von live performten Countryballaden untermalt. In „Café Belgica“ peitscht die Musik kontinuierlich die Stimmung nach oben. Der Soundtrack stammt vom belgischen Exportschlager Soulwax, die die Songs für den Film geschrieben haben, von Prügelpunk über Orientpop bis hin zur Electro-R’n’B-Ballade. Doch nicht nur die Musik stammt aus der Feder der belgischen Brüder, auch die unterschiedlichen Acts haben sie sich ausgedacht. Denn statt sich realer Bands zu bedienen, erschufen sie für den Film einfach neue.

Jo (Stef Aerts)
Jo (Stef Aerts)

Das ist insofern passend, als auch das Café Belgica die Kinoversion einer belgischen Institution ist: Das Café Charlatan, eine Live-Musik- Kneipe im Zentrum von Gent, diente hier als Vorbild. Van Groeningen hat eine enge Beziehung zu dem Laden, schließlich hatte sein Vater ihn 1989 eröffnet und bis zum Verkauf im Jahr 2000 geführt. Und obwohl der Film nicht autobiografisch ist, stecken viele persönliche Erinnerungen in dem Film, und die Entwicklung von der freigeistigen, alternativen Muckerkneipe zum angesagten Place-to-Be mit Türstehern hat auch das Charlatan durchgemacht. Und auch die zunehmenden Probleme durch exzessiven Drogenkonsum, Gewalt und Kriminalität sind in den Film eingeflossen.

Marieke (Hélène De Vos)
Marieke (Hélène De Vos)

Man merkt, mit wie viel Leidenschaft und Herzblut Van Groeningen von dieser Welt erzählt, und er zeigt geschickt den zunehmenden Erfolg des Clubs und den damit einhergehenden Zerfall persönlicher Ideale und privater Beziehungen. Zugleich steht dieser nachtaktive Mikrokosmos, wenn auch nur als feine Randbemerkung, symbolisch für die gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre, in deren Folge Freiheiten abgeschafft worden sind und Kontrolle, Reglementierung und Überwachung zugenommen haben.

„Café Belgica“ ist daher ein leicht nostalgisch-melancholischer Blick auf wilde Nächte, auf Orte der Freiheit und Momente der Rebellion. Und Van Groeningen schafft es, die Euphorie des Nachtlebens und die befreiende Kraft der Musik zu vermitteln, auch wenn das Abfeiern des Hedonismus mitunter so seine Längen hat. Aber so ist es nun mal mit dem Rausch: Man kann sich leicht darin verlieren.

„Café Belgica“: Offizieller Trailer

 


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