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Christoph Höhtker Alles sehen

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Mehr Tristesse geht eigentlich nicht: An einem grauen, regnerischen Novembermorgen im Jahr 2009 rollt im östlichen Zentrum der Provinzstadt B. ein Einkaufswagen vom Wind getrieben über einen Supermarktparkplatz. Einzige Beobachterin ist die Designerin Marion Gräfe, die im Auto sitzend auf ihren Freund Jan Bargfrede wartet und mit ihrem Exfreund, Frank Stremmer, einem in Genf ansässigen ehemaligen Broker, telefoniert. Der Einkaufswagen nähert sich gefährlich einem alten BMW. Die Fahrerin, eine junge, dunkelhaarige Frau in weißer Adidas-Jacke und enger Jogginghose, kommt auf sehr langen Beinen aus dem Supermarkt gestakst und versucht ihn einzuholen. „Du müsstest sehen, was ich gerade sehe“, juchzt Marion in ihr Telefon, „eine Proletenhochspringerin in voller Aktion. Könnte aus dem Osten sein, Osteuropa.“ – „Also sexy?“, fragt Stremmer erregt. „Och, würde sagen: ja.“

Dann betritt auch noch ein alter Bekannter der beiden die Szene. Michael Brandt, ein in seiner kleinen Wohnung vermuffender, ungeliebter und perspektivloser Studienabbrecher und Underachiever. Als Marion ihrem Ex von dessen Auftauchen erzählt, legt der auf, ruft Brandt an, lässt sich die proletarische Schöne, die einen Brillanten auf einem ihrer Schneidezähne trägt, geben und versucht, zwischen ihr und seinem alten Kumpel für den Abend ein Date im besten Restaurant der Stadt, dem La Terrasse in B.-Außen-West, auszumachen: Er übernehme die Kosten, und beide bekämen 500 Euro obendrauf. Stremmer lotst den mittellosen Brandt zum Auto von Marion Gräfe, damit die das Geld vorstreckt.

Christoph Höhtker
Christoph Höhtker

Das ist die Ausgangssituation von Christoph Höhtkers zweitem Roman, „Alles sehen“, der diese vier mehr oder weniger zufällig an diesem trostlosen Ort zusammenfindenden Menschen bis in die kommende Nacht durch den Tag begleitet. Marion Gräfe hat Ärger mit ihrem Nochfreund und Chef, Jan, einem Fahrradfex und Objektfetischisten. Michael Brandt, der einen fertigen Roman mit dem sprechenden Titel „Ich kann nicht mehr“ in der Schublade hat, ergreift angesichts des unwahrscheinlichen Dates mit der Schönen die Hoffnung eines Hoffnungslosen, und er besorgt sich beim Taxiunternehmer und Hundefreund Urs Föste Rauchwaren, um hyperventilationsfrei durch den Tag zu kommen. Er sucht sich sogar wieder einen Job, nimmt einen Auftrag des kommunistischen Fuhrunternehmers Dr. Ingo Niemczik an, der mit seinem Unternehmen die Bedingungen des Spätkapitalismus auf die Spitze treibt, also seinen Mitarbeitern Hungerlöhne zahlt, um sie für die anstehende Revolution zu radikalisieren. Die „Proletenhochspringerin“ heißt Ania, eine freizügige und -giebige Polin, Pilates-Trainerin, Studentin, die der totalen Soziologie anhängt, einer umstrittenen, von der Stadt B. inspirierten und einem Professor namens Jobst-Michael Höhtker begründeten Forschungsrichtung, die der detaillierten Beobachtung und Beschreibung den Vorzug vor der Analyse gibt. Besonders gesund ist diese Methode für ihre Anwender anscheinend nicht, denn sie läuft dem natürlichen menschlichen Bedürfnis nach Komplexitätsreduktion zuwider – Professor Höhtker etwa weilt mittlerweile in einem Zürcher Irrenhaus, und der Kontakt zu B. und allem, was damit zusammenhängt, ist ihm verwehrt.

Der Gelehrte teilt natürlich nicht umsonst den Nachnamen mit dem Autor dieses Romans, ist er doch geisterhaft omnipräsent in diesem Text, der mit absurd detaillierten Beschreibungen der Stadt B. und ihrer Bewohner durchzogen ist. („320.000 Einwohner, davon knapp ein Drittel mit ernsthaften Problemen psychischer, suchtstoffinduzierter oder ästhetischer Natur.“) Professor Höhtker ist zudem der große Antagonist des misanthropischen Icherzählers Frank Stremmer, den der Autor Höhtker bereits in seinem Debüt, „Die schreckliche Wirklichkeit des Lebens an meiner Seite“, durch einen Hochsommer zwischen Sex, Drogen und Lebensmüdigkeit in der Bankenmetropole Genf begleitete. In „Alles sehen“ wird aus dem zynischen Beobachter ein Manipulator, der sich die irre machende Welt mittels Blasiertheit vom Leib hält und außer ein paar thailändischen Masseusen, für die er offensichtlich ein Faible hat, nichts und niemanden an sich heranlässt.

Im Spannungsfeld zwischen Höhtkers totaler Soziologie und Stremmers existenzieller Langeweile entsteht ein scharfes Bild der trostlosen, sterbenden Stadt B. Diese scheint ein fiktionales Abbild des ebenfalls von einem akribischen Soziologen – Niklas Luhmann – auf die akademische Landkarte gezeichneten ostwestfälischen Bielefeld zu sein. Und diese Stadt ist der eigentliche Protagonist dieses Romans, weil sie all diese Menschen zu dem gemacht hat, was sie sind. „Insgesamt gab es auf der ganzen Welt keine Stadt wie B. Nirgendwo hatte sich eine kommunale Körperschaft so eindeutig der Klärung der Frage verschrieben, wie viel Sinnlosigkeit ein (auch) aus menschlichen Organismen geformter urbaner Organismus aushielt, bevor die Implosion einsetzte.“

Am Ende von „Alles sehen“ ist auch Stremmer mit teurem Mietwagen in seiner Heimatstadt angelangt, seine Ex Marion hat ein gemeinsames Hotelzimmer für die Nacht und einen Tisch im La Terrasse reserviert, wo ja auch Ania und Michael dinieren werden und zudem der gar nicht mal so fundamentalistische Konvertit Umar Khubab Abdulbaki (ehemals Stephan Lösing) im Auftrag eines der beiden homosexuellen Besitzer des Restaurants einen Brandanschlag verüben soll. Alles scheint also bereit für einen spektakulären Showdown. Doch anderseits ist B. nach allem, was wir nach dieser extrem komischen Provinzphänomenologie und ‑topografie wissen, dafür wohl einfach nicht der richtige Ort.

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