Dave Rowntree „Radio Songs“ – Weg vom Britpop


Cooking Vinyl/Indigo (VÖ. 20.1.)


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Erhebt Dave Rowntree bei „Devil’s Island“ zum ersten Mal seine Stimme, traut man seinen Ohren kaum, denn der Schlagzeuger von Blur singt keineswegs schlechter als „sein“ Frontmann Damon Albarn und durchaus nicht unähnlich! Natürlich ist das nicht das einzige Highlight seines Debüts, das sehr atmosphärisch, vielschichtig, ambitioniert und manchmal auch exotisch daherkommt. Der Sohn Colchesters liebt ohnehin die Abwechslung, versuchte sich als Politiker und als Anwalt und steuert ein Leichtflugzeug.

Sehr atmosphärisch, vielschichtig, ambitioniert und manchmal auch exotisch

Für Film und Fernsehen komponiert er sowieso, und so besitzen viele Songs auch Soundtrack-Qualität und basieren auf Keyboardteppichen und orchestralen Passagen, dieweil es im Hintergrund quirlt, perlt und zirpt. Rowntree versteht es, seine persönlichen Stimmungen für die Allgemeinheit zu transferieren, etwa im getragenen „1000 Miles“, das von Beziehungsproblemen aufgrund von räumlicher Entfernung handelt.

Die Zerrissenheit ist jederzeit zu spüren. Scheinbar direkt und simpel zeigt sich dagegen das New-Wave-artige „London Bridge“ – ein Neuzugang für die Sammlung von La‑la‑la-Songs. Ein Brexit-Song gefällig? Bitte schön, da hätten wir das düster-verhaltene „Downtown“. „HK“ wiederum offenbart Rowntrees experimentelle Seite: Hier fügt er Aufnahmen aus Radiosendungen zusammen, die er in seiner Zeit in Hongkong aufgenommen hat. „Tape Measure“ brilliert durch einen synkopischen Rhythmus und zuckersüße weibliche Backing Vocals, „Volcano“ wird von Auto-Tune beherrscht. Passt alles!

„Machines Like Me“ schließlich erinnert an die ganz frühen Orchestral Manoeuvres In The Dark. Rowntree hat sich natürlich auch einen Mann als Produzenten zur Seite gestellt, der sich mit all diesen Dingen auskennt: Leo Abrahams arbeitete in der Vergangenheit bereits mit Brian Eno und Wild Beasts. Als Co-Autoren agieren Gary Go und Högni Egilsson (Gus Gus). Nix Britpop – dies ist ein Album auch für Nicht-Blur-Fans und ein ähnlich geschickt großer Wurf wie die Werke von Rowntrees Radiohead-Kollegen Phil Selway.


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