Die Nerven Fake


An jenem Scheideweg, an dem Die Nerven vor den Aufnahmen zu „Fake“ standen, haben schon viele vor ihnen gestanden. Nach drei schnell nacheinander erschienenen Alben von bewundernswerter Konsequenz schien die Zeit reif für eine Veränderung. Entweder vom Post-Punk-Korsett befreien und den Formenkatalog erweitern; nur wenigen deutschen Bands ist das bisher so eindrucksvoll gelungen wie Blumfeld und Tocotronic, an denen sich noch lange alles wird messen müssen. Die zweite bekannte Möglichkeit: einfach stoisch immer weitermachen. Die Nerven wählen auf „­Fake“ einen Mittelweg.

Drei Jahre, viele Konzerte und Nebenprojekte lang dauerte es, bis Max Rieger, Julian Knoth und Kevin Kuhn in die Toscana reisten, um im mobilen Studio von Produzent Ralv Milberg neue Stücke einzuspielen. Der Abstand zur hassgeliebten Heimat hat Früchte getragen. Noch keine Nerven-Platte wirkte so klar. Umso bezeichnender, dass Rieger ausgerechnet im Stück „Dunst“ über eine Rückkehr mit gemischten Gefühlen singt: „Und ich komm zurück in einer anderen Stimmung …vielleicht bedrückt … vielleicht verrückt … vielleicht entzückt … vielleicht nur Glück.“

Musikalisch ist das alles äußerst präzise ineinander verzahnt. Shoe­gaze, ein bisschen Noise, New ­Wave, kontrollierte Punk-­Gewitter, hier ein psychedelisches Gitarrenriff, dort ein wenig Pop-Appeal. „­Fake“ beginnt mit den bekannten Mitteln. „Neue Wellen“ wird seinem Titel mit schneidendem Dark Wave und säurehaltigen Bonmots gerecht. „­Eine Lüge, neue Wellen/ Neue Narben, selbe Stellen.“ Der Chorus von „Niemals“ („Finde niemals zu dir selbst!“) könnte auch aus Dirk von Lowtzows Aphorismen­fundus stammen, circa „Pure Vernunft darf niemals siegen“. „Frei“ rechnet mit der Immer-nur-dagegen-Dauerverweigerung ab, „Alles falsch“ mit dem Früher-war-alles-besser-Mythos.

Die Nerven zeichnen ein Bild der Wirklichkeit, schnörkellos und mitreißend, ohne sich in Prätention und Selbstmitleid zu suhlen. No bullshit statt no future. (Glitterhouse/Indigo)


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Die Nerven :: Sommerzeit Traurigkeit


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