Father John Misty „Chloë And The Next 20th Century“ – Fast wie ein Musical


Bella Union/PIAS (VÖ: 8.4.)


von

„There’s nothing to fear“, lauteten die kühnen letzten Worte auf „Pure Comedy“ (2017). Dabei hatte Joshua Michael Tillman alias Father John Misty fortan sehr wohl etwas zu fürchten: dass sich jedes Album, das er in Zukunft veröffentlichen würde, an diesem Opus magnum würde messen lassen müssen. Während der direkte Vergleich „God’s Favorite Customer“ (2018) dann das Urteil „deutlich introvertierter“ und „spartanisch instrumentiert“ einbrachte, kehrt „Chloë And The Next 20th Century“ zur orchestralen Opulenz zurück. Diesmal jedoch ohne die bombastischen Early-Elton-John-Arrangements, denn der Bogen wird nun von den späten Zwanzigern bis zu den 60er-Jahren gespannt.

Ein fulminantes, kaleidoskopisches Werk mit edlem Vintage-Chic und musikalischer Makellosigkeit

Um den nostalgischen Zeitgeist zu unterstreichen, bekommt die verhaltensoriginelle „Chloë“, der man bereits im Eröffnungsstück dieser fünften Studioplatte begegnet, von ihrem Therapeuten Benzedrin verschrieben, ein Amphetamin, von dem Judy Garland seit den Dreharbeiten zu „Der Zauberer von Oz“ nicht mehr loskam. An besagten Musicalfilm erinnert „Chloë And The Next 20th Century“ mitunter, während die Vergänglichkeits-Ode „Goodbye Mr. Blue“ gleichzeitig an Glen Campbells Version von „Gentle On My Mind“ und an Harry Nilssons „Everybody’s Talking“ denken lässt.

Die erste Single, „Funny Girl“, kann man neben Sinatra, Dean Martin oder Nat King Cole einordnen, in direkter Nachbarschaft zum Great American Songbook. „Buddy’s Rendezvous“, cineastisch und streicherumsäumt, ist das offensichtliche Juwel dieses überaus kostbaren Liederreigens, das beatleske „Q4“ muss für einen Wes-Anderson-Film komponiert worden sein, und „Olvidado (Otro Momento)“ weiß als beschwingter Bossa nova zu bezirzen.

Jonathan Wilson hat wieder co-produziert, und wenn dieses fulminante, kaleidoskopische Werk mit seinem edlen Vintage-Chic und seiner musikalischen Makellosigkeit nicht so souverän überzeugen würde, könnte man hier und da Tillmans sarkastische, wortgewandte Gesellschaftskritik von früher vermissen.  Sein aktuelles Hauptthema hat Goethe bereits in „Faust II“ recht gut zusammengefasst: „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.“ Es kann nur von Vorteil sein, wenn man dabei so furchtlos ist wie Father John Misty.


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