Guns N’Roses Appetite For Destruction: Locked N’Loaded Edition


Universal


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Axl Rose nahm von allen Gunners die wenigsten Drogen, weil er die Karriere vorantreiben wollte: In den „November Rain“-Demos aus dem Jahr 1986 werden die Mitstreiter fast zu Begleitern im Chor degradiert. Kein Slash, der das Lied mit seiner Gitarre doch noch an sich reißt. Axl spielt sein Piano so raumgreifend wie Liberace. Wie planvoll Guns N’ Roses doch handelten! Erst fünf Jahre später sollte dieses Epos erscheinen, trotz dieser vielversprechendsten Charthit-Melodie. Doch es passte besser zur Oper und Komödie von „Use Your Illusion“.

Denn ihr Debüt, „Appetite For Destruction“, das den Hair Metal beerdigte, gründete sich, das verdeutlichen auch die „Sound-City-­Sessions“, auf Blues, vor allem aber auf Punk. Die frühen Aufnahmen sind das Herzstück der Edition. Schon die Akustikversion von „­Move To The City“ ist eine Hommage auf Iggy Pops „Penetration“. ­Rose imitiert dessen libidinösen Hunger, zitiert den „Jamm Jamm“-Gesang wortgetreu. Die Karrieren beider, Iggy und Axl, erzählten vom Countryboy, der in die Großstadt kommt um aufzuräumen. Die Stooges waren Idole. 1988 aber mussten GNR noch mit Kiss und Iron Maiden beim Monsters of Rock auftreten. Wer aussah wie sie, galt wohl als Metal.

Appetite For Destruction: Locked N’Loaded Edition – eine echte Megabox

73 Songs, 49 unveröffentlicht, fünf Discs, sieben LPs, sieben Singles plus Memorabilia: Die „Locked N’Loaded“ dürfte eines der prächtigsten Boxsets sein, die je in Produktion gingen. So viel Material, dass es in einem Schrank in Kindersarg-Größe steckt (aus veganem Leder!).

Die Masse kann über Geschichtsklitterung nicht hinwegtäuschen. „One In A Million“ aus dem beigefügten Minialbum „GN’R Lies“ fehlt, weil Rose, der sich mit den Worten „I’m a small-town ­white boy“ entschuldigen will, vor 30 Jahren gegen „niggers“, „faggots“ und „immi­grants“ hetzte. Vielleicht war es ja nur Rollenprosa. Dass Live-­Raritäten wie „Goodnight Tonight“ nicht dabei sind, weist auf ein größeres Problem hin. Es gibt keine Aufnahmen ihres berühmtesten Konzerts (New York, Ritz, 1988), auch nicht ihres zweitberühmtesten (Los Angeles, Troubadour, 1986). Bei beiden spürte man jene unfassbare, absurde Energie, die nur Songs besitzen, die ihre Hörer gleichermaßen fertigmachen wie anlocken.

„Appetite For Destruction“ ist voll herrlicher Widersprüche. Es gibt aggressiven Sex und anschließende Reue („Rocket Queen“) sowie mit „Sweet Child O’ Mine“ das schönste Lied über den Ödipuskomplex. Bei „Paradise City“ warteten alle nur auf den Einsatz der Triller­pfeife.


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