Highlight: David Bowie & Iggy Pop: Die Berliner Alben und Jahre

Iggy Pop Free


Zur Erinnerung: Iggy Pop hat Cool erfunden. Nicht das Jazzgenre oder den überholten Begriff. Sondern jenes vage, kaum zeitverwurzelte Retro-Lebensgefühl, das im Rock’n’Roll stilprägend war, und das – mit Emo, Singer-Songwriter-Befindlichkeiten und all diesem Gewäsch – stetig an Bedeutung verliert. Iggy, das Netz hat’s konserviert, hielt bei seiner Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame 2013 eine prägnante ­Rede dazu, was oder wer cool und nicht cool ist. Weitere Definitionen sind unnötig. Iggy Pop ist das Coolste, was der Rock’n’Roll je gebar.

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Im Umkehrschluss ist Iggys Musik prinzipiell cool. Auch das neue Album, zehn Tracks zwischen Free Jazz, Ambient, Residents, spätem Bowie und düsterer Spoken Poetry: Iggy zittert, rezitiert, kontempliert, schreit, der Jazz-Trompeter Leron Thomas spielt mal gedämpfte, mal klar gerichtete Soli, die 30-jährige kalifornische Musikerin und Filmemacherin Sarah Lipstate alias Noveller setzt ihre Gitarre wie einen raffinierten Strophentrenner ein. Cool. Auch wenn (und weil) es wenig rockt.

Von Online-Pornos erzählt Iggy, „trying to infiltrate desires that are not my desires“, und von einem weiblichen James Bond. „Loves Missing“ klingt am ehesten wie business as usual, es gibt einen Beat und verlorene Gitarren, es könnte ein Hit werden, ein kleiner, schiefer, dessen Riffs (von Weitem) fast von Josh Homme, Pops Partner auf „Post Punk Depression“ (2016), eingespielt sein könnten. Dabei ist Pops Zusammenarbeit mit Noveller ein Statement: Der Leguan ist zu weise und zu alt, um nicht, zumindest auf einer submental-musikalischen Ebene, die Rock-Gendergegebenheiten zu überdenken, dem – beeindruckenden, aber üblichen – Posing eines Rock-Machos wie Homme Novellers Ansatz entgegenzusetzen.

So sind die strukturfreien, poetischen, dunklen Stücke/Gedichte allesamt Hits, auf diesem ungewöhnlichsten aller Rock-and-Roll-Hall-of-Fame-Mitglieder-Alben. Iggy ist wirklich „Free“. Dass sich nach dem Hören ein ähnliches Gefühl im Bauch einfindet wie nach einem von Jack Kerouacs Beat-Poetry-Alben, ist wunderbar. Und, nun ja, cool.


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