Loudon Wainwright III „Lifetime Achievement“


Proper (VÖ: 19.8.)


von

Als junger Mann glaubte er, dass er mit 25 Jahren tot sein würde. Es gab allerdings wenig im Leben von Loudon Wainwright III, Sohn eines „Life“-Redakteurs, das darauf hindeutete. „Ich wollte eine Platte mit Stimme und Gitarre machen, die nicht nur eine Aufnahme ist, sondern ein Dokument“, sagt Wainwright heute über den 21-jährigen Wainwright. Das waren die fabelhaften ersten drei Alben in den frühen 70er-Jahren. Dann nahm er noch ungefähr dreißig Platten auf, die auch Dokumente sind, wurde zwar nicht populär, konnte aber in jedem Kaffeehaus ein Konzert mit akustischer Gitarre geben und firmierte dann als Vater von Martha und Rufus Wainwright, besonders von Rufus, und als Pate von Judd Apatow.

Unverstellt und schamlos

Jetzt ist Wainwright froh, 75 zu sein, und natürlich hat er ein Lied darüber geschrieben: „How Old Is 75?“. „Lifetime Achievement“ ist eine Art Fortsetzung seines großen Lebenskonzerts, das bei Netflix zu sehen ist. Wainwright braucht nur ein Banjo (wie bei „Hell“), eine Fiddle (bei „Little Piece Of Me“) oder gar kein Instrument (bei „One Wish“), um seine drolligen Folk-Vignetten vorzutragen. Wie immer geht es um Familie, um Dauer und Vergänglichkeit, um Reisen und Heimat – und vor allem geht es um Loudon Wainwright III.

Nachdem er zuletzt eine Jug-Band beschäftigt hat, setzt er diesmal nur wenige Musiker ein – aber die Songs mit Bläsern und Pedal-Steel-Gitarre haben naturgemäß mehr Schmiss und Gift als die etwas knöchernen akustischen Vorträge. „Lifetime Achievement“ ist eine Platte für die Gemeinde, die Wainwrights Lieder hört wie Tagebucheinträge, die sie sind. Unverstellt und schamlos wie Samuel Pepys berichtet der Chronist über alles, denn alles ist ihm Material. Man schaut dem Songschreiber ins Herz. Hier ist keine Persona, sondern der Mann selbst. Als fahrender Sänger, galliger Ironiker und bekennender Egozentriker ist Loudon Wainwright III ein Gigant – und als kregler 75-Jähriger ein Beispiel.


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