Kritik: „Star Wars: Die letzten Jedi“: Was für lahme Jedi!

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Foto: Walt Disney Pictures

„This was a cheap move!“ Luke Skywalker (Mark Hamill) beschwert sich bei seinem Weggefährten R2-D2, weil der Droide versucht hat, den Jedi mit einem Trick zum letzten Kampf zu überreden. Der Roboter zeigte ihm Prinzessin Leia (Carrie Fisher) als jenes – berühmte – Hologramm aus dem ersten „Star Wars“-Film. Sie rief nach Hilfe und eroberte und so das Herz des jungen Bauern („Sie ist wunderschön!“).

Ein „Cheap Move“, ein „billiger Trick“. „Die letzten Jedi“ ist voll davon: billigen Tricks. Also, richtigen Tricks, Spezialeffekten, die billig sind, als auch erzählerischen Tricks, die billig sind. Es ist sogar der erste der Reihe, der aussieht – und in dem die Leute so sprechen – wie in einem der berüchtigten letzten „Star Wars“-Werke von George Lucas.

Vielleicht jubelt der Altmeister ja wegen der „Letzten Jedi“, denn nun ist er nicht mehr allein mit seinen finalen Debakeln: Auch Regisseur Rian Johnson, 44, filmte die Weltraumoper als Seifenoper. Es wirkt alles wieder wie 1999. Ohne Ol‘ George wird’s manchmal eben auch nicht besser.

Alles kommt zusammen. Müde, einfallslose Dialoge, nahezu Eins-zu-Eins aus dem „Star Wars“-Pool übernommen („Es ist Dein Schicksal“, „dann können wir gemeinsam über die Galaxis herrschen“) oder absurd („Es tut mir so leid!“ – Luke zu Leia nach dem Tode Han Solos). Dazu Schauspieler, so steif wie zuletzt im „Angriff der Klonkrieger“, und gezwungen wirkender Humor.

Rian Johnson, der neue George Lucas

Diese Biederkeit erstaunt, denn Johnson kann’s eigentlich besser. Sein Sci-Fi-Film „Looper“ machte ihn berühmt, der wirkte dreckig, geerdet und lebensecht, hatte außerdem einen Twist. Für „Breaking Bad“ schuf Johnson die meistgefeierte Episode, „Ozymandias“, und den wohl brutalsten dramatischen Moment der Serie – der ganz ohne Gewalt auskam.

„The Last Jedi“ hat als erster der bislang neun „Star Wars“-Filme keine eigene Handschrift. Dennoch hat Disney-Produzentin Kathleen Kennedy, von Johnson anscheinend begeistert, den Regisseur gleich nach Abschluss der Dreharbeiten mit der Realisierung einer neuen Trilogie beauftragt. Kennedys Kriterien sind undurchsichtig. J.J. Abrams als auch Gareth Edwards lieferten zwar mitreißende Ergebnisse, Edwards vielleicht gerade, weil er nachdrehen musste. Ob jedoch Ron „Allzweckwaffe“ Howard mit seinem „Han Solo“-Werk in seiner langen Karriere erstmals auch eine Vision erschaffen wird, ist fraglich. Zuvor hatte Kennedy bereits die anarchisch vorgehenden, aber noch nie enttäuschenden Phil Lord und Christopher Miller („Solo“) sowie Colin Trevorrow („Episode IX“) entlassen.

Trotz des enttäuschenden „Last Jedi“ ist die Bilanz zumindest noch ausgeglichen. Zwei Treffer, ein Flop.

Stampede!

Dabei fing alles gut bei Disney an: J.J. Abrams hatte den Witz, das Retro-Gefühl, die Puppen, reduzierte, übersichtliche Kampfschauplätze, er feierte die jugendliche Wut von Kylo Ren (Adam Driver) und Rey (Daisy Ridley) und die frische Tapsigkeit von Finn (John Boyega). Gareth Edwards wiederum gelang im letzten Jahr mit „Rogue One“ ein Kommentar zum Terror und zum Krieg gegen den Terror.

Sogar George Lucas hatte in seinen letzten drei Filmen eine Handschrift, vielleicht eine schlechte, aber er hatte eine. „The Last Jedi“ aber wirkt wie ein Mix aus schlechten Momenten aller Vorgänger. Er schockiert mit kindlichen Actionszenen, die der berüchtigsten der Reihe, dem Pod Race („The Phantom Menace“), das Wasser reichen. Etwa die Stampede von Alien-Rennpferden, die bei ihrer Flucht aus der Gefangenschaft eine Stadt zertrampeln. Das sieht so albern aus wie bei „Jurassic Park 3“, schlimmer noch: „Jumanji“. Überhaupt sind CGI-Effekte und der Einsatz von Puppen schlecht koordiniert. Ein computeranimierter Yoda wechselt sich mit dem echten Modell von einer Szene zur nächsten sichtbar ab. Was soll das zeigen: Wir können beides inszenieren? Es irritiert.

Casino Royale im All

„The Last Jedi“ ist unstimmig, und das liegt auch an der von Rian Johnson bei frühen Teamsitzungen verkündeten Idee, „Lebenswelten zu zeigen, die es im Star-Wars-Universum noch nicht gab“. Neu ist meist gut, aber der Regisseur zeigt neue Dinge, die nicht zum „Krieg der Sterne“ passen. Sie sind zu sauber. Er präsentiert eine Stadt der obszönen Superreichen, mit Männern und Frauen und Außerirdischen in Gala-Kleidung, ein Monaco im All, samt Rennbahn, Casino, verweichlichter Cantina-Band-Musik, einem Jean-Dujardin-Lookalike (vielleicht ist er’s ja auch) und Soldaten, gekleidet wie Feuerwehrleute. Es sieht alles aus wie eine Werbung für Städteurlaube, Taschenuhren, Parfum und Autos, wie die ersten 20 Seiten der „Vogue“. Man wartet darauf, dass irgendwann James Bond mit BMW in diesem galaktischen „Casino Royale“ auftaucht.

Eine verpasste Chance: Jeder Krieg im „Krieg der Sterne“ entstand aus ungleicher Machtverteilung. Imperialismus und Rebellion. „Star Wars“ muss sich ja nicht immer um politische Zeitgeistigkeit bemühen, falls der Stoff es nicht hergibt – aber man muss die reichen Unmenschen auch nicht als Clown-Truppe darstellen (auf Geldstücken ausrutschen usw.)

Als Dreiakter funktioniert „The Last Jedi“ ebenso wenig. Schon vor Kinostart war klar, dass diese zwei Geschichten die wichtigen sein würden: die sehr lange Ausbildung Reys, sowie die Frage, ob Rey und Kylo Ren sich annähern könnten, die klassische Gefühlsinspektion des „Es steckt noch Gutes in Dir“. Das große Thema im „Jedi“ ist womöglich das Vertrauen, die Frage nach Loyalität. Spielt mein Gegenüber ein doppeltes Spiel, kriege ich ihn rum?

Hang the DJ?

Da aber Weltraum-Action in jedem „Star Wars“ vorgeschrieben ist, entsteht über zwei von zweieinhalb Stunden ein schlichter, trotz Einsatz von Lichtgeschwindigkeit statisch wirkender Nebenschauplatz, der eben im All angesiedelt wird. Leia und Rebellen werden von imperialen Kreuzern umzingelt und suchen nach einer Möglichkeit des Ausbruchs. Wer „Star Wars“ kennt, der weiß: Jetzt muss ein Schlüssel herangeschafft werden, der die Schutzschilde des Imperiums bricht, den Code knackt usw …

Und dennoch ist es traurig, wie ungelenkt mit einigen Charakteren hantiert wird. First-Order-Oberhaupt Snoke erschien im „Erwachen der Macht“ nur als Hologramm und wurde so zur größten „Krieg der Sterne“-Rätselfigur der letzten zwei Jahre. Die Leute stellten sogar Theorien darüber auf, wie groß er sein könnte. Nun ist Snoke in echt zu sehen. Sein Abgang jedoch beantwortet keine einzige Frage nach der Biografie dieser alles beherrschenden Figur (mit ihm sterben außerdem ein paar asiatischer-Kampfsport-Wächter, die dem Film im Kino-Wachstumsmarkt China 500 Millionen zusätzliche Zuschauer bringen werden).

Sein Handlanger General Hux (Domhnall Gleeson) hatte im „Erwachen der Macht“ zwar schon Züge eines Comic Relief, ist nun aber vollends Witzfigur – vor den Untergebenen erniedrigt und über den Boden geschleift. Nie stand so jemand im Imperium unter Darth Vader im Führungszirkel, ihm wäre sofort die Luft abgedreht worden. Von einem Film auf den anderen, also von 0 auf 100 zum Tölpel. Dafür hatte Ned Flanders wenigstens drei „Simpsons“-Staffeln gebraucht.

Benicio del Toro spielt einen Kerl namens DJ (sic!) als betrunken erscheinender, fahriger Glücksritter mit gelegentlich lichten Momenten, also wie ein Jack Sparrow im Weltraum, erfüllt tatsächlich jedoch keine für den Plot wichtige Funktion (davon abgesehen: Sein als witzig gedachtes Stottern ist keine Charakter-Facette, sondern diskriminiert Betroffene).

Del Toro tut einem leid. Es bringt auch nichts, DJs Verhalten als „ambivalent“ schön zu reden, ihn gar in die Nähe Landos zu rücken. Stichwort Smartness, Gerissenheit. Die Figur kann eben in Episode IX nicht mehr gerettet, zum Sympathieträger werden: DJ ist für den Tod einiger Helden verantwortlich.

Laura Dern als Leias Vizegenerälin Holdo, zurechtgemacht wie eine blauhaarige Medusa, wirkt, man kann es nicht anders schreiben, zu intelligent für diesen Film. Dern umgibt eine grandiose, uneinsichtige Aura, noch mehr, seit in diesem Jahr „Twin Peaks – The Return“ und „Big Little Lies“ mit ihr anliefen, und die alles hatten, was hier fehlt.

Phasma nimmt’s zu persönlich

R2-D2? Ein Rostroboter. C-3PO? Seinem einstigen Herrn Luke Skywalker bei der Begrüßung nur ein Augenzwinkern wert. Chewbacca? Es gibt eine einzige Szene, in der er im Mittelpunkt steht, da grillt er sich am Lagerfeuer ein Tier. Captain Phasma? Die Supersoldatin der „First Order“, hochdekoriert und mit dem Kopf eigentlich über den Dingen, will nicht etwa das Imperium neu gründen – sie befindet sich noch immer im persönlichen Kleinkrieg mit dem abtrünnigen Ex-Kadetten Finn. Sein Tod ist ihr das Allerwichtigste. An Finns Seite steht nun Rose (Kelly Marie Tran), die als Love Interest eingeführt wurde, weil die zur Jedi werdende Rey bald keinen Partner mehr haben darf. So viele Charaktere, so fahrlässig behandelt.

Spoiler-Bereich:

Um Carries Fishers Einsatz in den „Letzten Jedi“ wurde nach Abschluss der Dreharbeiten gerätselt, weil die Schauspielerin verstarb. Im Trilogie-Abschluss, verkündete Disney, wird es keine Szenen mit ihr geben. Was wird aus Leia?

Zunächst fällt auf, dass sie in diesem Film nicht über den Tod ihres Geliebten Han spricht. Als sie während einer Explosion ins All geschleudert wird, stirbt auch sie. Jeder, der ohne Anzug in den Weltraum geschossen wird, stirbt ja, oder. Aber dann stirbt sie plötzlich nicht mehr. Sie lebt wieder. Sie macht wieder die Augen auf und schwebt, mit ausgestrecktem Zeigefinger und eigenem All-Antrieb, zurück ins Schiff. Sie ist jetzt die Fee aus „Alice im Wunderland“.

Hoffentlich wird diese Wiederauferstehungsszene nicht in den Kanon jener „Star Wars“-Listen aufgenommen, in der sich sonst nur Best-Of-Momente von Jar Jar Binks befinden.

Küstenjung

Auf Lukes Insel wird Rey für den Kampf gegen die „First Order“ ausgebildet. Das Nord-Eiland bietet volles Programm Irisch Moos, standesgemäß eingefangen durch touristisch schöne Kamerafahrten per kreisendem Helikopter. Luke zeigt Rey, wie man fischt und melkt. Im Hintergrund, aber nur im Hintergrund, weil in dieser Natur so was nichts Besonderes ist, durchpflügt ein Drache das Meer. „Game Of Thrones“-Feeling pur, und das steckt natürlich an: Im Mittelalter werden alle wieder zu Briten. Auf grünsaftigen Felsen spricht Daisy Ridley mit jenem breiten britischem Akzent, den sie sich im „Erwachen der Macht“ nahezu verboten hatte. Das ist lustig, weil es unfreiwillig komisch ist.

Sobald es bewusst lustig sein soll, geht das in den „Letzten Jedi“, wie zu oft, nach hinten los. Das Finale des „Erwachen der Macht“ berührte noch, weil Rey darin, nach einer gefährlichen Reise, das Lichtschwert an den verschollen geglaubten Luke weitergibt. Nun – jetzt kommt’s! – greift dieser Film den Faden auf: Und der Jedi schmeißt das Lichtschwert einfach über die Schulter weg. Klamauk. Die Schluss-Einstellung von „Erwachen“ – einfach weggeworfen. Man muss sich nicht für das Gefühl schämen, diese Aktion für respektlos zu halten. Respektlos gegenüber einem Vorgängerfilm, dessen Dramaturgie diesem Werk weit überlegen ist. Johnson sollte ja nicht nur das weiterspinnen, was Abrams für ihn hinterlassen hat. Er sollte auch das halbwegs in Ordnung halten, was der Nachfolger für Episode IX nun aufgreifen muss – und das wird wieder J.J. Abrams sein. Es wird jetzt hart für Abrams, der mit viel Feingefühl „Das Erwachen der Macht“ auferstehen ließ. Er steht vor einem Durcheinander.

Mit einer Länge von 152 Minuten ist „Die letzten Jedi“ der längste „Krieg der Sterne“ geworden, und es hätte darin so viel zu sagen gegeben. Aber er beantwortet viele Fragen nicht, er ist langweilig, und er ist grotesk. „The War Hast Just Begun“, heißt es darin, ein Zitat wie aus den Franchise-Streifen der „Avengers“ und „Hunger Games“, die sich für das Finale, also dem Krieg, auch Aufbaufilme leisteten.

Aber der Zauber, ausgelöst durch J.J. Abrams‘ Trilogie-Auftakt, ist dahin. Wird der neue alte Regisseur es für „Episode IX“ wieder richten können? Daisy Ridley sagte unlängst, sie habe geweint, als sie hörte, Abrams kehrt für den nächsten Film zurück. Hoffentlich hat sie aus dem richtigen Grund geweint: vor Freude.

Lukes Triumph

Natürlich hätte Luke Skywalker dem Feind Kylo Ren persönlich entgegentreten können. Mit Darth Vader, einem stärkeren Gegner, hatte er es zuvor auch schon allein aufgenommen. Jedi werden auch älter, aber ihre Macht wächst mit dem Alter, die Weisheit sowieso. Dass Luke nun sein Hologramm schickt (das über keine größeren Fähigkeiten als das Original verfügt), ist entweder klug – oder ein wenig mutlos. Sein Hologramm lässt sich natürlich nicht erschießen („mit jeder Waffe, die uns zur Verfügung steht“, ordnet der unwissende Ren das Lasergewitter an). Und durch seinen Kampf verschafft Skywalker den Freunden um Leia immerhin einen Fluchtvorsprung.

Allerdings ist es nicht er, sondern es sind die Harry-Potter-Silberfüchse (von denen wollen wir jetzt nicht auch noch anfangen), die der Resistance den Weg aus der Höhle zeigen. Damit steht zumindest die Notwendigkeit von Lukes Heldentod infrage.

Das jedoch muss ihn nicht mehr kümmern. Seine Reise hat jetzt erst begonnen. Wie im ersten „Star Wars“ blickt Luke in den Aufgang zweier Sonnen. Die Sehnsucht zieht ihn fort. Er wird neue Abenteuer bestehen, in einer Art anderem Leben.

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