Rio Reiser Blackbox


Der Gitarrist Lutz Kerschowski, der bis 1996 in Rio Reisers Band spielte, hat für dieses opulente Boxset Hunderte Tonbänder digitalisiert, klangtechnisch restauriert, kompiliert. Die 363 Aufnahmen auf 16 CDs sollen einen anderen, der Nachwelt bisher verborgen gebliebenen Rio zeigen. Es sind vor allem Heimaufnahmen, Demos und eine unglaubliche Menge an Musik, die Reiser und Ton Steine Scherben für Bühnenstücke geschrieben haben.

Die ersten CDs porträtieren seine Anfänge als Songschreiber, Gitarrist, Pianist und Interpret von Folk-, Beat-, Soul-, und Rhythm’n’-Blues-Klassikern. Mitte der Sechziger eiferte Reiser natürlich Dylan nach, coverte aber auch Stones und Beach Boys, Sam Cooke und The Kinks.

Linksradikal trifft Mainstream

Seine späteren Kompositionen für Theaterkollektive wie Rote Steine und Hoffmanns Comic Teater, bei denen er selbst mitunter als Schauspieler mitwirkte, schwanken oft etwas unentschlossen zwischen Schlagerharmonien und stumpfem Deutschrock, waren aber immer auch Testgebiete für private und politische Ausdrucksmittel. Das klingt häufig wie eine queere Entsprechung des sozialistischen Arbeiterklasse­theaters oder 20er-Jahre-Kabarett abzüglich bourgeoiser Burleske, wie im Schwulen­musical „Männer­charme“. Im besten Fall harmonieren linksradikale Positionen mit Mainstream-Electropop der Achtziger („Märzstürme 1920“).

In Reisers vermeintlicher stilistischer Zerrissenheit, die ein Grund für die neuerdings wieder wachsende Popularität seines Werks ist, liegt sein wahres Talent, linke Überzeugungen auf unterschiedlichen Kanälen zu transportieren. Was die „Blackbox“ eindrucksvoll beweist, auch wenn nicht alle Aufnahmen die Qualität von Reisers bekannten Songs haben: ein lebendiges Zeugnis ihrer Zeit zu sein und zugleich über sie hinauszuweisen. (Möbius/Buschfunk)


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