Sting & Shaggy 44/876 


Ein ungewöhnliches Paar, wie aus einer Komödie im Londoner Westend: Exzentriker der Karibik. Hier der weiße, 66-jährige Alleskönner, ein jovialer Weltstar und Weltbürger mit Hang zum Angebertum, internationale Vorwahl: 44. Dort der Dancehall-Showman aus Kingston mit 876-Vorwahl, der es vor zwei Jahrzehnten in jamaikanischem Überschwang zu zwei Schunkel-Welthits brachte. Noch heute werden „Boombastic“ oder „Oh Carolina“ oft auf Gartenpartys gespielt.

Diese zwei nicht mehr ganz taufrischen Typen ziehen also los, dem etwas eingerosteten Musikgenre Reggae Ehre zu erweisen. Kein Aufbruch in die Avantgarde, sondern eine handwerkliche Fingerübung. Dabei sind grundsolide Mitspieler, etwa Robbie Shakespeare von Sly & Robbie. Für Sting zudem ein Rückgriff auf den Beginn seiner Karriere, als er als Bassmann von The Police immer mal wieder den Offbeat-Riddim pflegte.

Eine Vorstellung von der relaxten Atmo bekommt man beim Anschauen des Videos zur Single „Don’t Make Me Wait“: Shaggy zieht durch Kingstons Gassen, Sting trinkt im Hintergrund friedlich ein Red Stripe aus der Büchse. Die Ureinwohner sind cool oder machen Faxen. Shaggys Böllerstimme toastet, Sting hält sein Tenororgan dagegen. Das alles auf Grundlage des Band-basierten Reggae-Sounds, wie man ihn aus den Siebzigern und Achtzigern kennt.

Über die Langstrecke geht es dann moderner und variantenreicher zu. Doch selbst in computerisierten Raggamuffin-Songs wie „44/876“ wird explizit der Geist von Bob Marley angerufen. Die Musikkultur Jamaikas als bunter Bilderbogen. Lovers Rock, Bluebeat, Ska: alles dabei. Aus dem Rahmen fällt der Breitwand-Ethnopop von „Dreaming In The U.S.A.“, Stings Abgesang auf Amerikas einstige Popträume. Shaggy steuert als zweite Stimme die jamaikanische Perspektive bei.

Letztlich sind die zwölf Tracks Stings persönliche Rundreise durch eine geschätzte Subkultur. Er hört überall „Reggae music playin’ in the streets“. Eine naive Verehrung, die man ihm glauben mag. Sting hat ein weiteres Musical daraus gemacht. (Universal)


ÄHNLICHE KRITIKEN

Sting :: My Songs

Solide, wenig überraschende ­Neuaufnahmen der Klassiker

Sting :: … Nothing Like The Sun"

Südamerika, USA, Europa – Sting verarbeitet seine musikalischen Reisen zu einer Doppel-LP.

Sting :: 57th & 9th

Solide Rocksongs – was vielleicht mehr ist, als man erhoffen durfte


ÄHNLICHE ARTIKEL

Sting über ein mögliches Biopic über ihn: „Auf gar keinen Fall“

In einem Interview spricht Sting über seine vergangenen und zukünftigen Filmprojekte. Dabei erteilt er einer filmischen Biographie im Stil von „Bohemian Rhapsody“ eine Absage.

Sting live in Deutschland 2020: Tickets, Termine, Vorverkauf

Sting setzt im Herbst seine „My Songs“-Tour fort: Konzerte in Oberhausen, Hamburg, Leipzig, und in der Schweiz in Zürich

Sting im Interview: „Jetzt kommen Greta Thunberg und die nächste Generation“

Ein Gespräch mit IMA-Preisträger STING über sein politisches und ökologisches Engagement, den Wahnsinn des Brexit, den Sänger als Schauspieler und die neuen Interpretationen alter Songs


Sting im Interview: „Jetzt kommen Greta Thunberg und die nächste Generation“

Follow @sassanniasseri Am Ende ist er ein ganz normaler Held – auch wenn Gordon Sumner, wie Sting bürgerlich heißt, den Begriff nicht auf sich beziehen will. „Ein Held bin ich gewiss nicht“, sagt der 68-jährige Engländer, der den ersten International Music Award in der Kategorie „Hero“ gewonnen hat. Ausgezeichnet für sein Lebenswerk, in musikalischer wie in gesellschaftspolitischer Hinsicht. Er ist einer der populärsten Songschreiber und Komponisten – und ein einflussreicher Aktivist. Mit The Police und den Kollegen Stewart Copeland und Andy Summers veröffentlichte Sting, nachdem er seinen Lehrerjob in Newcastle aufgegeben hatte, ab 1978 bahnbrechende Fusionen aus Rock und Reggae. Hits…
Weiterlesen
Zur Startseite