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Sting The Soul Cages


Die Werft, das Wasser, der Milchmann, Öl im Gesicht, der Seewind. Als Sting 2013 mit „The Last Ship“ sein erstes Album mit eigenen Songs seit zehn Jahren veröffentlichte, kehrte der Sänger darin wieder in seine Kindheit zurück. Sting wuchs arm in Newcastle auf, sein Vater war der Milchmann, der kleine Gordon Sumner wohnte in der Nähe des Hafens, sah die riesigen Schiffe, und wie sie gebaut wurden. Das hätte auch seine Zukunft sein können, sie lag direkt vor seinen Augen. Das war beruhigend und trostlos zugleich. Und der Vater wäre gerne ein Segler geworden.

Das musikalische Thema jener Platte beschrieb auch eine Reise zurück ins Jahr 1991, als er das Album „The Soul Cages“ veröffentlichte – sein bis heute traurigstes Werk.

Sting hatte drei Jahre zuvor seinen Vater verloren, der Tod löste eine Schreibhemmung aus. Zu den im „Käfig gefangenen Seelen“ zählte der Sänger auch seine, mit der Platte arbeitete sich der 39-Jährige am Verlust ab. Loslösen vom Vater.

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Am Totenbett des alten Herrn

Sackpfeife, Mandoline, Oboe. Sie alle spielen Schiffahrtsklänge. Die erste Single hieß „All This Time“. Als einziger Upbeat-Song kündigt Sting darin sogleich den Abschluß seiner Trauerarbeit an: „I’d Bury The Old Man, I’d Bury Him At Sea“. Es geht auch darum, wie man der kleinen Hafenstadt entkommen kann – „Father, If Jesus Exists, Then How Come He Never Lived Here?“ Mit der Figur des „Billy“, der uns in einigen der „Soul Cages“-Songs begegnet, hat Sting sein alter ego geschaffen, der Junge wacht am Totenbett des alten Herrn.

Die zwei nächsten Single-Auskopplungen, „Mad About You“ sowie „Why Should I Cry For You?“, das direkt den Vater adressiert, klangen exotischer, eher wie Material aus dem Vorgänger-Album „… Nothing Like The Sun“, waren aber auch in der aktuellen Schreibphase entstanden. „Island Of Souls“, der Opener, ist Stings wahrscheinlich am schwersten zu verdauendes Lied geworden: ein fast sieben Minuten währendes, von Zeile zu Zeile vor sich hin tastendes Lied ohne Refrain, in dem Sting auf und ab singt, wie in Wellen. Viel Text darin, viel zu sagen, und es bringt wahrscheinlich auch sehr gut zum Ausdruck, mit welcher Vorsicht Sting sein Thema unter die Hörer bringen wollte.

Den kuriosen Mittelpunkt von „The Soul Cages“ aber bildet „Saint Agnes And The Burning Train“. Agnes war Stings Großmutter, und einer Anekdote nach saß sie einst in einem brennenden Zug. Das kurze Flamenco-Lied, eines von Stings wenigen Instrumentals, fasst in weniger als drei Minuten die Seufzer zusammen: Abschied, Nostalgie, Familiengeschichte.

Mit „When The Angels Fall“ schließt der Neun-Song-Zyklus. Es ist auch eines von Stings gleichzeig schönsten wie offensivsten Stücke geworden, trotz seiner eher schunkelnden Langsamkeit. Und der Inhalt – ein Bekenntnis zum Atheismus? Angst vor dem Höllenfeuer? Furcht vor dem toten Vater, weil die Trauerzeit vorbei ist? Sting spricht darin Gott die Macht ab und tritt buchstäblich nackt auf: „These are my feet, These are my hands These are my children And this is my demand“.

Besiegte Dämonen

Vier Jahre ohne Sting, das war vielen Fans dann doch zu lang gewesen – die Platte verkaufte sich demensprechend gut. Dieses schwierige, auf jeden Fall sperrigste Album des Musikers schaffte es in mindestens sechs Ländern, darunter Großbritannien und Deutschland, auf die Eins, in Amerika auf die Zwei. Es sollte auch das letzte Werk Stings sein, das so klang, als ginge es ihm darum, ein eigenes Anliegen vorzubringen, eine Geschichte zu erzählen, egal, ob die Hörer darauf einsteigen. So ein Ding wird normalerweise nicht Nummer eins.

Schon zwei Jahre später, ab „Ten Summoner’s Tale“, würde Sting seine Dämonen besiegt haben und einwandfreie, gesunde Popmusik vorlegen – was nicht immer die beste Voraussetzung für ein gelungenes Album ist. Sein Material wurde damit austauschbarer, mit Geck-Paraden wie „Love Is Stronger Than Justice“ ebnete er den Weg zum Rod-Stewart-plus-Bryan-Adams-für-Robin-Hood-Sting.

„The Soul Cages“ hatte zur Zeit seiner Veröffentlichung gleich am Anfang des Jahres, Januar 1991, höchstens noch Queen mit „Innuendo“ zur Konkurrenz. Später im Jahr sollten die Chart-Brocken folgen: R.E.M., U2. Dire Straits, Metallica, Prince, Michael Jackson, Massive Attack, Genesis, A Tribe Called Quest … Sting hatte die Ruhe vor dem Sturm. Beste Voraussetzungen für den jungen Billy und seinem Traum von einer Schifffahrt.

 


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