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Tipp: Only Lovers Left Alive Regie: Jim Jarmusch


Pandora Kinostart: 25.12.

„Das ist deine Wildnis“, sagt Eve zu ihrem Liebsten, als sie nachts in seinem alten Jaguar durch die verfallenen Fabrikruinen Detroits rauschen. Vorbei an den rostbraunen Fensterhöhlen des einstigen Packard-Prachtbaus. Vorbei an unheilvollen Rauchschwaden der letzten Kohleschornsteine. Giftgelb schwebt der Dunst im Licht der Laternen. Die morbiden Industriebrachen der verrottenden Autostadt sind in Jim Jarmuschs leiser Vampir-Story „Only Lovers Left Alive“ die moderne Entsprechung des mittelalterlichen Transsilvaniens – abgestorbenes Randgebiet der Zivilisation, in das sich der Vampir Adam zurückgezogen hat. Weit genug abseits der niedergehenden Welt der Menschen. „Zombies“ nennt er sie.

Die beiden Liebenden Adam (Tom Hiddleston) und Eve (Tilda Swinton) leben als Vampire im 21. Jahrhundert. Sie sind klassische Bohemians,

schöngeistig und belesen, die die Jahrhunderte gemeinsam in den dunklen Ecken der Gesellschaft verbracht haben. Eve, die sich anfangs noch in einer Kasbah in Tangers Altstadt versteckt hält, reist per Nachtflug zu ihrem Mann, um ihn aus seiner Melancholie zu reißen. Der grüblerische Undergroundmusiker ist über den Zustand der „Zombies“ depressiv geworden. Einen „ selbstmörderisch-romantischen Halunken“ nennt ihn Christopher Marlowe (von John Hurt in kurzen, prägnanten  Auftritten wunderbar altersweise gespielt), ebenfalls Vampir und uralter Freund des Paares, der in den engen Gassen von Tanger eine Cafébar betreibt. Und ja, es ist genau der Christopher Marlowe, der sich beim Referenz-Liebhaber Jarmusch am Ende auch noch als wahrer Autor der Shakespeare-Stücke herausstellt: „Ich wünschte, ich hätte Adam getroffen, bevor ich Hamlet schrieb“, sagt er zu Eve.

Wie man es von Jarmusch als Großmeis­ter des Independent-Kinos kennt, ist der Vampirfilm als vermeintliche Vorlage in „Only Lovers Left Alive“ nicht viel mehr als nützliche Metapher. Nichts erinnert hier an die „Twilight“-Erfolgsformeln der letzten Jahre. Stattdessen verzerrt und entschleunigt Jarmusch die Genrekonventionen, biegt und wendet sie zu einer sanften, meditativen Reise durch den unendlichen Alltag seiner Figuren. Jarmuschs Vampire sind lässige Außenseiter, die ihr Lebenselixier längst nicht mehr aus den Hälsen lebendiger Opfer saugen – „It’s so fucking 15th century!“ –, sondern über Mittelsmänner in Krankenhäusern Blutkonserven beziehen und aus eleganten, silbernen Schnapskelchen schlürfen. Jarmusch zeigt sie als kultivierte Junkies, ihre Ekstase nach der Nahrungsaufnahme als opiumtrunkene Ohnmacht. So werden sie zu tragischen Figuren in doppeltem Sinn:  Drogensüchtige und Gefangene ihrer Triebe und als Verkörperung alter zivilisatorischer Werte Gestrandete in einer digitalen Konsumwelt. Ihre feinen, blass schimmernden Alabas­terglieder bizarr ineinander verknotet, liegen Swinton und Hiddleston wie ölfarbene Traumgestalten nebeneinander im Dunkel der Nacht. Oder sie wandern im zähen Fluss von Zeitlupenaufnahmen durch die Straßen wie Gespenster.

Wie in seinen bisherigen Filmen macht sich Jarmusch auch diesmal einen großen Spaß daraus, sein Werk bis in den letzten Winkel mit Anspielungen auf Film-, Literatur- und Popgeschichte zu fluten. Die enorme Lebensspanne der ewig jungen Vampire wird zu einem Panoptikum von Kultfiguren aller Epochen. Kafka hängt da im Bilderrahmen neben Billie Holiday in Adams Wohnzimmer, Neil Young neben Buster Keaton. Eve reist unter dem Decknamen der „The Great Gatsby“-Figur Daisy Buchanan. Adam und Eve sprechen über Einsteins Theorie der Verschränkung, erinnern sich an Schachpartien mit Lord Byron und lauschen einer zerkratzten Platte von Charlie Feathers’ „ Can’t Hardly Stand It“. Mit Eves flippiger Schwester Ava (Mia Wasikowska in einer wunderbar skurrilen Nebenrolle) gehen sie zu einem Konzert der Psychedelic-Rockband White Hills und der libanesischen Sängerin Yasmine Hamdan.

Überhaupt schält sich Jarmuschs Liebe zur Musik im Laufe des Films wieder einmal als Mittelpunkt, als cinematografischer Antrieb seiner Geschichte heraus. So präsent ist Jozef Van Wissems hypnotischer Soundtrack aus flirrenden Garage-Punk-Gitarren über weite Teile des Films, dass man meint, der Regisseur habe vor allem nach passenden Bildern für die Musik gesucht als umgekehrt.

So ist „Only Lovers Left Alive“ wohl vor allem eine grandiose Fingerübung, dabei verspielter und pointenreicher als Jarmusch letzter, sinnverneinend dahinmäandernder Film „The Limits Of Control“ von 2009. Als eine Art

Insider-Witz für Jarmusch-Fans ist er eine Hommage an den puren Erzählgenuss und die Ästhetik der Filmbilder. Kino um des Kinos willen. 


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