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Toni Erdmann Regie: Maren Ade


Groß war der Jubel an der Croisette nach der ersten Vorführung: Die internationalen Kritiker überschlugen sich mit Lob für den ersten deutschen Wettbewerbsbeitrag bei den Filmfestspielen in Cannes seit acht Jahren: Klarer Favorit, eine Sensation, Preise müssen her – da war die Filmkritik sich ausnahmsweise mal einig. Aber letztlich entschied sich die Jury anders, und „Toni Erdmann“ ging leer aus. Und ja, tatsächlich zu Unrecht.

Natürlich könnte man jetzt wieder über den deutschen Film und seine internationale Relevanz räsonieren, über die Existenz des deutschen Humors philosophieren (es scheint ihn wirklich zu geben) oder das noch immer bestehende Ungleichgewicht von Männern und Frauen im Filmgeschäft anprangern, aber bei all diesen Diskursen würde ein wesentlicher Aspekt auf der Strecke bleiben, nämlich die Tatsache, dass „Toni Erdmann“ ein fulminantes Stück Kino geworden ist. Und letztlich passt die Enttäuschung über die Preislosigkeit zum Film, denn hier wohnt dem Erfolg auch zu jeder Zeit ein Scheitern inne.

Ines (Sandra Hüller) arbeitet erfolgreich als internationale Unternehmensberaterin und bereitet ein Outsourcing-Projekt in Rumänien vor. Ihr Vater, Winfried (Peter Simonischek), Musiklehrer und Alt-68er mit eigenwilligem Humor, lebt allein mit seinem Hund in Deutschland. Als sein Hund stirbt, macht Winfried sich auf nach Bukarest. Ines ist zwar wenig begeistert von diesem Spontanbesuch, nimmt ihn aber – trotz ausgewaschener Jeans und Freizeithemd – mit zu ihren Business-Empfängen. Doch die Stimmung zwischen dem altlinken Vater und seiner neoliberalen Tochter ist von Anfang an schlecht, und Winfried reist ab. Behauptet er. Denn am Abend entdeckt Ines ihren Vater in einer Bar – mit falschen Zähnen und schlecht sitzender Perücke. Er stellt sich ihr und ihren Kolleginnen als Toni Erdmann vor. Ines ist die Situation unangenehm, aber sie lässt sich nicht anmerken, dass sie diesen Toni kennt. Doch als der Mann mit dem Pferdegebiss in den nächsten Tagen auch bei ihren Geschäftsterminen auftaucht, ohne dass Ines das Spiel aufdeckt, entwickelt der Film eine seltsame Eigendynamik…


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Regisseurin Maren Ade hat bereits mit „Der Wald vor lauter Bäumen“ bewiesen, dass sie Peinlichkeiten nicht scheut. Im Gegenteil, ihr Debütfilm über die junge Lehrerin Melanie Pröschle aus Plochingen, die krampfhaft versucht, einen neuen Freundeskreis aufzubauen, hat auf ewig die Standards des Fremdschämens gesetzt. Mit Toni Erdmann hat sie nun ein männliches Pendant zu Pröschle geschaffen. Zwar ist Winfried/Toni sozial deutlich geschmeidiger, aber auch er bringt seine Mitmenschen, wiewohl bewusst, mit seiner enervierenden Art in höchst unangenehme Situationen.

Ades großes dramaturgisches Talent ist es, peinliche Momente über die Schmerzgrenze hinauszutreiben und den Moment nach der Peinlichkeit einzufangen: die unbeholfenen Versuche der Figuren, wieder so etwas wie Normalität herzustellen. Ungeschönt wird hier die Situation immer etwas länger beobachtet, als es eigentlich erträglich ist. Und das ist mitunter so schmerzhaft, dass sich das Lachen oft als hysterischer Befreiungsschlag seinen Weg bahnt. Doch trotz aller Unzulänglichkeiten und offensichtlichen Schwächen kommentiert niemals Häme das Geschehen, niemals dominiert die Lächerlichkeit. Dies funktioniert vor allem, weil Ade ihre Figuren über deren Verletzlichkeit einführt und somit ihr Handeln nachvollziehbar macht. Und sie nimmt sich Zeit. Auch bei „Toni Erdmann“. Der ist mit fast drei Stunden deutlich länger als jede konfektionierte Kinoklamotte.

Überhaupt, der Begriff Komödie führt, wie eigentlich bei allen Filmen von Ade, auf eine falsche Fährte. „Toni Erdmann“ ist kein Gagfeuerwerk, keine Nummernrevue, hier ertönt selten ein unbeschwertes Lachen. Denn Toni Erdmann ist nicht komisch. Mit seinen falschen Zähnen und der albernen Perücke sieht er aus, als wäre er dem „Sketchup“-Fundus entsprungen, seine Witze haben einen Muff aus Bonner Zeiten. Aber das ist der grandiose Schachzug des Films, denn Toni ist kein gewiefter Hochstapler, kein professioneller Blender oder Tausendsassa, sondern ein charmanter Clown, der meist mitleidig belächelt wird und eben dadurch eine reale Person bleibt. Gerade dieser Realismus verleiht „Toni Erdmann“ auf allen Ebenen eine unglaubliche Tiefe und macht ihn so zu einem cineastischen Meisterwerk. Günter Eich hat mal gesagt, dass er, weil er mit dem Zustand der Welt nicht einverstanden sei, beschlossen habe, albern zu sein. Winfrieds Welt ist aus den Fugen geraten. Toni Erdmann ist gekommen, um sie zu kitten.

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