Kommt Oasis? Versöhnen sich New Order? Alle Fragen zur Rock Hall 2026
Um den Rock & Roll Hall of Fame 2026 ranken sich jede Menge Fragezeichen – darunter der unbegreifliche Ausschluss eines Oasis-Gründungsmitglieds.
Der Rock & Roll Hall of Fame hat am Montagabend seine Klasse 2026 bekanntgegeben – und die kann sich sehen lassen. Nach jahrelangem Zögern, in dem Foreigner und Bon Jovi irgendwie als würdiger galten als Joy Division/New Order, holt die Hall endlich die wegweisende Post-Punk-Band nach. (Es hatte schon fast den Anschein, als müssten Bernard Sumner, Stephen Morris und Peter Hook noch eine weitere weltbewegende Band gründen, um überhaupt wahrgenommen zu werden.)
Darüber hinaus schließt sich Phil Collins dem Club der doppelten Inductees an (was ebenfalls mindestens ein Jahrzehnt zu spät kommt), die Ikonen Sade und Luther Vandross erhalten längst überfällige Ehrungen, und Wu-Tang Clan sowie Oasis vertreten die Neunziger.
Doch wie jedes Jahr hängen Verwirrung und offene Fragen in der Luft. Ungewöhnlich viele britische Acts sind in diesem Jahrgang vertreten – und die hegten historisch gesehen nie dieselbe Ehrfurcht vor der Hall of Fame wie ihre amerikanischen Kollegen. Wie viele von ihnen tatsächlich erscheinen werden, ist offen. Dazu droht eine höchst ungemütliche Reunion zwischen Bandmitgliedern, die sich von Herzen hassen und seit fast zwei Jahrzehnten kaum Kontakt hatten. Und in einem Fall scheint der Hall of Fame ein ziemlich rätselhafter Fehler unterlaufen zu sein – bei der Frage, welche Bandmitglieder überhaupt aufgenommen werden.
Acht Fragen zur Klasse 2026
Hier sind acht Fragen, die wir zur diesjährigen Rock & Roll Hall of Fame-Induction haben.
Kommt Oasis überhaupt?
Die Oasis-Induction krönt ein außergewöhnliches Jahr für die Britpop-Ikonen. Ihre Reunion-Tour 2025 füllte Stadien rund um den Globus: In Amerika waren sie nicht einmal auf dem Höhepunkt ihres „(What’s the Story) Morning Glory?“-Ruhms Mitte der Neunziger so populär. Auf künftige Shows gibt es keinerlei Hinweise, und zur Hall of Fame haben sie sich kaum geäußert – abgesehen von einer Reihe schnippischer X-Posts von Liam Gallagher. „Reverse psychology vibes in the area Oasis RnR hall of farmers I mean famers“, schrieb er in einem vor Sarkasmus triefenden Post. „I wanna thank all the people who voted for us, it’s a real honour ever since I was a little kid and singing in the shower I’d dream about 1 day being in the RnR hall of fame it’s true what they say anything is possible if you have a dream.“
Es fällt schwer, sich einen gerührten Noel Gallagher vorzustellen, der die Auszeichnung bei der Zeremonie im November entgegennimmt und dann mit seinem Bruder und dem Rest der Band zu gemeinsamen Singalongs von „Wonderwall“ und „Live Forever“ ansetzt, während die Kameras für die ABC-Übertragung laufen. Viel naheliegender ist das Szenario, dass sie einfach fernbleiben – und womöglich einen hämischen Brief im Stil der Sex Pistols schicken. Denkbar wäre auch, dass am Ende nur Gründungsschlagzeuger Tony McCarroll auftaucht.
Warum fehlt Oasis‘ Gründungsbassist?
Neben Noel und Liam Gallagher werden die Gitarristen Gem Archer und Paul „Bonehead“ Arthurs, Bassist Andy Bell sowie Schlagzeuger Tony McCarroll in die Hall of Fame aufgenommen. Alan „Whitey“ White, der die Band von 1995 bis 2004 am Schlagzeug begleitete, wurde ebenso ausgeschlossen wie die zahlreichen Tourmusiker der Band. Whitey hat durchaus Argumente auf seiner Seite – schließlich trommelte er auf „(What’s the Story) Morning Glory?“ und war während der besten Jahre dabei. Allerdings hatte Dave Abbruzzese bei Pearl Jam eine sehr ähnliche Vita und kam ebenfalls nicht rein.
Trotzdem lässt sich kein einziges nachvollziehbares Argument dafür finden, Oasis-Gründungsbassist Paul „Guigsy“ McGuigan draußen zu lassen. Er ist Gründungsmitglied der Band und blieb bis 1999 dabei. Wenn McCarroll aufgenommen wird, weil er von 1991 bis 1995 Schlagzeug spielte, dann muss Guigsy für seinen Bassdienst von 1991 bis 1999 ebenfalls rein. So kompliziert ist das nicht. Die Rock Hall hat hier schlicht einen Fehler gemacht. Den gilt es zu korrigieren. #JusticeForGuigsy.
Wie reagiert Iron Maiden?

In einer gerechten Welt wäre Iron Maiden kurz nach ihrer Eligibility im Jahr 2005 in die Hall of Fame eingezogen. In dieser Welt dauerte es zwei Jahrzehnte und drei Nominierungen. Auf dem Weg dorthin machten sie unmissverständlich klar, dass es ihnen herzlich egal war. „It’s run by a bunch of sanctimonious bloody Americans“, sagte Iron-Maiden-Frontmann Bruce Dickinson 2018, „who wouldn’t know rock & roll if it hit them in the face.“
Die Band hat sich seit der tatsächlichen Aufnahme noch nicht geäußert, aber Manager Rod Smallwood veröffentlichte ein Statement: „We’d like to thank the Rock & Roll Hall of Fame for including us (and former members who were all part of our story) in the 2026 roll call of inductees. Iron Maiden have always been about our relationship with our fans above anything else, including awards and industry accolades.“
Ob die Band zur Zeremonie erscheinen wird, ließ er offen. Vielleicht erleben wir eine Kehrtwende à la Cher – eine lange Tradition im Rock-Hall-Kosmos. „I’ve been saying for a long time that this wasn’t a big deal“, sagte Neal Peart, als Rush 2013 aufgenommen wurden. „It turns out, it kind of is.“ Dass Iron Maiden ähnlich großzügig reagieren, ist eher unwahrscheinlich. Sie haben nie Mainstream-Unterstützung oder gar Hits gebraucht. Und die Rock & Roll Hall of Fame brauchen sie auch nicht.
Waffenstillstand bei Joy Division/New Order?
In den vergangenen vier Jahrzehnten haben zerstrittene Bands wie The Police, Yes, Talking Heads und Led Zeppelin ihre tiefen Differenzen für einen Abend beiseitegeschoben und gemeinsam auf der Hall-of-Fame-Bühne gespielt. 2017 trat Steve Perry beim Podium neben Journey auf, ohne mit ihnen zu singen. Fans von Joy Division/New Order träumen seit Jahren davon, dass Peter Hook nach zwei Jahrzehnten voller Spannungen und Rechtsstreitigkeiten bei der Hall of Fame zur Band zurückkehrt.
„I’d just like to say how wonderfully pleased I am to be finally accepted into the Cleveland Rock & Roll Hall of Fame“, schrieb Hook auf Instagram, als die Nachricht herauskam. „I’ve been looking forward to it for years, so I definitely am gonna make the most of it. I’d like to say that this is for Ian Curtis, and for all our fans of both bands. Without you, we would be nothing.“ In der Bildunterschrift fügte er hinzu: „See you at the ceremony.“ Hook wird also am 14. November im Peacock Theater in Los Angeles dabei sein. Seine ehemaligen Bandkollegen hingegen haben bislang kein Wort verloren.
Wie das alles ausgeht, lässt sich beim besten Willen nicht vorhersagen. Der Groll sitzt so tief, dass selbst die Hall of Fame diese Männer möglicherweise nicht zusammenbringt. Sollte es dennoch klappen, wäre es eine der großen Reunions in der Geschichte der Hall of Fame. New Order sind viel zu lange zerstritten. Hook war ein entscheidender Architekt ihres Sounds. Alle müssen sich zusammenreißen und das möglich machen. (Aber die Luft anhalten sollte man lieber nicht.)
Tritt Phil Collins auf?

Bislang hat Phil Collins auf die Hall-of-Fame-Aufnahme nur mit einem knappen Instagram-Statement reagiert. „Obviously I’m pleased and honored to be inducted“, schrieb er. „It wraps up what has been a wonderful life in music.“ Sein Leben abseits der Musik war in den vergangenen Jahren von ernsthaften gesundheitlichen Rückschlägen geprägt; live gespielt hat er zuletzt am Ende der Genesis-Abschiedstournee Anfang 2022. Wahrscheinlich wird er bei der Veranstaltung dabei sein, zumal es ihm besser zu gehen scheint. Man könnte sich sogar vorstellen, dass er die Show mit „In the Air Tonight“ eröffnet. Im Biopic seines Lebens wäre das die Schlussszene. Möge es Wirklichkeit werden.
Und was ist mit Sade?
Seit „Soldier of Love“ aus dem Jahr 2010 ist kein neues Sade-Album erschienen, seit 2011 haben sie keine Show mehr gespielt, und Sängerin Sade meidet die Presse konsequent. Angeblich arbeiteten sie 2018 an einem neuen Album – aber das entwickelt sich langsam zur „Chinese Democracy“ des Sophisti-Pop. Werden sie zur Zeremonie kommen und das Publikum mit „Smooth Operator“ und „The Sweetest Taboo“ begeistern? Das könnte in beide Richtungen gehen.
Oasis vs. Phil Collins: Burgfrieden in der Rock Hall?
Der Aufstieg von Oasis fiel zeitlich perfekt mit dem Niedergang von Phil Collins als Popkultur-Phänomen zusammen – nach über einem Jahrzehnt allgegenwärtiger Präsenz. Das machte ihn zum dankbaren Zielobjekt ihrer Häme. „I’ll be voting Labour because I think it’s morally right“, sagte Noel Gallagher 2005. „Another reason to vote Labour is if the Conservatives get in, Phil Collins is threatening to come back and live here. And let’s face it, none of us want that.“ Falls die Gallaghers tatsächlich auftauchen – was unwahrscheinlich genug wäre –, böte sich die Gelegenheit zur Aussöhnung. Vielleicht sogar für ein Mashup aus „Supersonic“ und „Take Me Home“.
Tiefer in die Neunziger tauchen
Bands sind 25 Jahre nach der Veröffentlichung ihres ersten Albums oder ihrer ersten Single für den Rock & Roll Hall of Fame nominierbar. Das bedeutet, wir sollten eigentlich schon bei den frühen 2000ern angekommen sein. Doch die Hall konzentriert sich nach wie vor stark auf Acts aus den Achtzigern, die sie bislang übergangen hat. In den meisten Fällen unterstützen wir das. Besser spät als nie.
Aber bevor wir anfangen, die Strokes und Coldplay aufzunehmen, warten noch jede Menge Neunziger-Bands. Darunter Weezer, Smashing Pumpkins, Alice in Chains, Tool und Hole. Außerdem müsste die Hall noch weiter zurückgreifen und Pixies, Devo, Pavement, Sonic Youth und die Replacements nachholen. Und dass King Crimson und die New York Dolls noch immer nicht drin sind, grenzt ans Absurde. Bis Taylor Swift 2031 bei ihrer ersten Nominierung aufgenommen wird, sollten all diese Versäumnisse hoffentlich behoben sein. (Und wir werden bis zu unserem letzten Atemzug für die Monkees und „Weird Al“ Yankovic kämpfen. Zumindest können wir aufhören, uns wegen Joy Division/New Order die Kehle heißzuschreien.)