RS-Story



Weyes Blood und ihr neues Album: Was, wenn das Schlimmste erst noch kommt?


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Natalie Laura Mering ist in ihrem Element. „Wollt ihr einen komplett wahnsinnigen Clip sehen?“, fragt sie Anfang Oktober vielsagend via Twitter. Darunter ein Video-Teaser ihrer Single „It’s Not Just Me, It’s Every body“ aus dem fünften Album von Weyes Blood, so ihr Künstlername.

Im Video sieht man sie in einem Musical-Matrosen-Outfit und hört einige Sekunden lang ihren warmen Mezzosopran: „Oh, it’s been so long since I felt really known. Fragile in the morning. Can’t hold on to much of any thing.“ Typografie-Fans erkennen in den einfliegenden Textelementen die alte Signaturschrift des Disney-Konzerns. Ein kleiner Spezialgag, der möglicherweise etwas zu bedeuten hat. Denn bei Weyes Blood wird stets auf mehreren Ebenen erzählt.

Ihre Songs sind epische Filmtracks. Sie funktionieren aber meist auch mit Gitarre auf dem Barhocker. Weyes Blood ist Konzeptkünstlerin und Singer-Songwriterin in einer Person. Eine, die im Unterschied etwa zu Lana Del Rey diverse Instrumente beherrscht und ihre Stücke „zu 89 Prozent“ per Homerecording vorproduziert, bevor sie schließlich mit ihren Westcoast-Kumpels zum finalen Mix ins Studio geht.

„Wenn wir uns dort verzetteln, was gelegentlich vorkommt, schmeiße ich alle raus und bringe das Ganze dann allein zu Ende“, erzählt sie. Weyes Blood ist eine „independent woman“ wie aus dem Bilderbuch, dabei aufmerksam, schnell, humorvoll und an vielem interessiert. Es macht Spaß, sich mit ihr zu unterhalten, doofe Fragen lächelt sie mit einem Mona-Lisa-Lächeln weg.

Wenn es dagegen um Ray Davies geht, wird die 34-Jährige zur profunden Kennerin der 60er-Jahre, wie es auch in der Arte-Doku „The Kinks – Die bösen Jungs des Rock ’n’ Roll“ zu bewundern ist. „Ich kannte die Band aus der Plattensammlung meiner Eltern und fand die Kombination von Genie und Scheitern sehr inspirierend“, sagt Mering.

Mittlerweile erledigt sie als Weyes Blood PR-Termine quer durch Europa. Ohne den großen Bahnhof eines Major-Konzerns. Sie ist den Seattle-Haudegen vom Nirvana-Grunge-Label Sub Pop treu geblieben und weiß deren unaufgeregte Konstanz zu schätzen. „Ich habe es mit einer kommerziell geprägten Karriere nicht eilig. Es ist nett, genug Geld zu haben, um nicht im Bandbus übernachten zu müssen. Doch der Rest ist Schall und Rauch.“

Vergleiche mit Joni Mitchell

Zum vorigen Album, „Titanic Rising“, versenkte die in Hollywood bestens Vernetzte eine Zimmer-Filmkulisse in einem Pool, um ein beeindruckendes Unterwassershooting hinzubekommen. Die Metzel-Horror-Filme der 80er-Jahre hat sie im Video zu dem Song „Everyday“ verarbeitet. Die Regie führte – natürlich – Natalie Mering höchstselbst. Bei den Konzerten von Weyes Blood können es 1500 Fans werden; in Neuseeland etwa. Ihre einzigartige (Konzept-)Musik hat sie rund um den Globus getragen, in einer langgestreckten Karrierekurve nach oben, seit sie nach dem College in Portland/Oregon bei der Band Jackie-O Motherfucker Bass spielte. Auch Keyboard kann sie.

Bis heute hat Mering sich mit der Starwerdung zwei Jahrzehnte Zeit gelassen. In den USA ist Weyes Blood mit Joni Mitchell verglichen worden, wegen der kunstvollen Präzision, aber mehr noch wegen ihrer Fähigkeit, persönliche Geschichten, Politik und universelle Themen in Popmusik zu vereinen. Ihr neues Album zeigt sie als Gemäldewesen der präraffaelitischen Schule, die im England des mittleren 19. Jahrhunderts die italienische Renaissance in pathetischen Gothic-Schwulst überführte. Die perfekte Reminiszenz für ihr aus der Einsamkeit der Pandemie geborenes neues Album, „And In The Darkness, Hearts Aglow“, das melancholisch-getragen daherkommt, um dann im tollen „The Worst Is Done“ einen doppelten Twist zu erfahren.

„Ja, schon von den mehrstimmigen Surf-Harmonien her fällt dieser Song aus dem Rahmen. Aber hast du mal auf den Text geachtet? Das Schlimmste ist vorbei, bekommen wir gesagt. Aber es könnte auch sein, dass es noch schlimmer kommt, oder?“ Es gibt keine Musikerin, die mit Pop den merkwürdigen Zustand der Welt besser reflektiert als Weyes Blood – und das Ganze in kohärente, emotional funktionierende Songs umwandeln kann.