Wie Iraner den Krieg sehen: „Wir sind alle erschöpft“
Die Zukunft ist ungewiss für Iraner, die zwischen Kräften gefangen sind, denen ihr Wohlergehen gleichgültig zu sein scheint.
Zwischen einem anhaltenden Internetausfall und dem permanenten Druck des Krieges schickt Mariam aus ihrer Wohnung in Teheran Nachrichten in kurzen Schüben. Wie andere Iraner lebt sie seit Beginn der US-israelischen Angriffe unter Kriegsbedingungen.
Die iranischen Behörden haben eine nahezu vollständige landesweite Internetsperre verhängt und dies als nationale Sicherheitsmaßnahme deklariert. Um überhaupt online zu kommen, zahlen Menschen wie Mariam horrende Preise für VPNs auf dem Schwarzmarkt oder sind auf Starlink angewiesen – oft nur für wenige Minuten instabiler Verbindung pro Tag.
Zuverlässigerer Zugang bleibt häufig denen vorbehalten, die über sogenannte weiße SIM-Karten verfügen, die in der Regel an Regierungsbeamte, staatstreue Journalisten oder gut vernetzte Personen ausgegeben werden. Diese digitale Isolation verstärkt Angst und Unsicherheit und macht es für Zivilisten schwerer, nach Familienmitgliedern zu sehen, Warnmeldungen abzurufen oder zu berichten, was jenseits der kontrollierten Staatsnarrative geschieht.
Erschöpft und abgeschnitten
„Der Druck auf uns ist so groß, dass wir an nichts anderes denken können“, schrieb Mariam Ende März in einer WhatsApp-Nachricht. „Wir sind alle erschöpft.“
Diese Erschöpfung folgt auf Monate aufeinanderfolgender Eskalationen. Seit Jahresbeginn erlebte Iran ein brutales Vorgehen gegen Demonstranten, bei dem Sicherheitskräfte Tausende töteten, gefolgt von US-israelischen Angriffen, bei denen zahlreiche hochrangige Funktionäre ums Leben kamen. Die iranische Regierung antwortete mit Gegenschlägen in der gesamten Region, die einen breiteren Konflikt entfachten, dem Tausende Zivilisten zum Opfer fielen – und der erst kürzlich durch einen fragilen Waffenstillstand etwas abflaute.
Hoffnung auf Unterstützung von außen
Eine Woche nach Beginn des Waffenstillstands zwischen Iran und den Vereinigten Staaten hat sich das Gefühl, das Mariam beschrieb, noch immer nicht gelegt. Berichte über bewaffnete Kontrollpunkte, Hinrichtungen und neue Verhaftungen in Iran haben die Unruhe verstärkt. Für viele Iraner hat die Kampfpause einen flüchtigen Moment der Erleichterung gebracht – einen ohne viel Klarheit, während viele bange auf das warten, was als Nächstes kommt.
„Ehrlich gesagt haben die Ereignisse davor und das Vorgehen des Regimes gegen die Menschen uns alle dazu gebracht, auf ausländische Unterstützung zu hoffen“, sagt Mariam, eine Künstlerin, deren Name aus Sicherheitsgründen geändert wurde.
Damals erschien die Idee einer ausländischen Intervention, oft in der Sprache der Menschenrechte oder der Befreiung formuliert, manchen als letzter Ausweg, da ein innerer Wandel unter einer Regierung, die organisierten Widerstand kaum zuließ, unmöglich schien. Mariam beschrieb, wie sie sich in dieser Zeit gefangen fühlte, ohne viel Glauben daran, dass Veränderung von innen kommen könnte.
„Sie (die iranische Regierung) haben nichts für uns getan“, sagt sie. „Sie behandeln uns wie Gefangene.“
Kein einheitliches Bild
Doch mit dem Beginn und dem weiteren Verlauf des Krieges haben sich die Ansichten der Iraner nicht in eine einzige Richtung entwickelt.
„Meiner Ansicht nach ist jede Art von ausländischer Intervention in einem anderen Land, selbst unter dem Deckmantel der ‚Humanität‘, nicht akzeptabel“, sagt Arshia, ein Iraner aus Teheran, der anonym bleiben möchte. „Ich halte das nicht für richtig.“
Er ist der Überzeugung, dass das iranische Volk das Recht haben sollte, sein eigenes Schicksal zu bestimmen – eine Haltung, die er schon immer vertreten hat. Arshia beobachtet, wie andere in Iran ihre Einstellung zum Krieg in den vergangenen Monaten verändert haben.
Von Euphorie zur Ernüchterung
„Am Anfang gab es Menschen, die offen dafür eintraten und Dinge riefen wie ‚Trump, handl‘ oder ‚Danke, Trump’“, sagt er und bezieht sich auf die frühen Rufe nach einer US-Intervention. Videos aus dem Inneren Irans hielten diese rohe Hoffnung fest – viele feierten sogar, als Oberster Führer Ali Chamenei zu Beginn des Krieges bei einem Luftangriff getötet wurde, während Anhänger des Regimes seinen Tod beweinten.
Andere beschrieben eine komplexere Reaktion, geprägt von einem Nationalgefühl ohne klare Unterstützung für den Staat. „Ich konnte nicht sagen, dass ich froh war, als ich die Nachricht hörte, aber ich konnte auch nicht sagen, dass ich traurig war. Ich war besorgt, weil etwas in Gang gesetzt worden war, etwas Gefährliches“, sagt Arshia.
Mit der Zeit, als US-israelische Angriffe zunehmend zivile Infrastruktur trafen – darunter Wohnviertel, Industrieanlagen und Krankenhäuser –, begann die anfängliche Begeisterung unter jenen, die den Krieg befürwortet hatten, zu erlahmen. Eines der tödlichsten Ereignisse des Konflikts ereignete sich an einer Grundschule in Minab, wo mehr als 170 Menschen, darunter viele Kinder, ums Leben kamen. Zusätzlich belasten Angriffe auf Öl- und Gasinfrastruktur das Leben der Bevölkerung, da sie giftigen Rauch und Schadstoffe freisetzen und langfristige Gesundheits- und Umweltschäden befürchten lassen.
Wirtschaft im freien Fall
Die Lage wird dadurch erschwert, dass Irans Industrien eng mit den Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) verflochten sind, einer mächtigen Streitkraft, die über Jahrzehnte ihre Dominanz über weite Teile der Wirtschaft ausgebaut hat, die für den Alltag unverzichtbar sind. Viele der Angriffe, die als gegen die IRGC gerichtet beschrieben werden, haben auch zivile Folgen – ein Beleg dafür, wie sehr die Grenze zwischen militärischen Zielen und ziviler Infrastruktur verschwimmt, was zu Jobverlusten, Versorgungsengpässen und wirtschaftlicher Not führt.
Je weiter sich die Angriffe ausdehnten, desto unklarer wurden die Kriegsziele für die Iraner – viele im Land wissen nicht mehr, worauf das Ganze hinauslaufen soll.
„So vieles wurde zerstört. Wir wurden um Jahrzehnte zurückgeworfen“, sagt Arshia.
Geld als alles bestimmende Sorge
Für viele Iraner ist die wirtschaftliche Zeche des Krieges das Greifbarste – zumal er sich vor dem Hintergrund jahrelanger Sanktionen entfaltet hat.
„Wirtschaftlich gesehen ist für die einfachen Menschen in Iran Geld das zentrale Thema“, sagt Arshia. „Die Inflation ist extrem. Die Preise schießen in die Höhe. Viele haben seit Monaten nicht gearbeitet.“
Er hält inne und fügt hinzu: „Jedes Gespräch dreht sich am Ende ums Geld. Das eigentliche Problem des iranischen Volkes ist ein wirtschaftliches.“
Zwischen Kriegsmüdigkeit und Hoffnung
Kamran, der den US-Militäreinsatz weiterhin befürwortet, schildert eine andere Perspektive – eine, in der die Haltungen zum Krieg im Fluss bleiben.
„Durch die Drohungen der Vereinigten Staaten und Trumps persönlich sowie das politische Manövrieren des Regimes im Staatsfernsehen werden die Menschen in eine Richtung gedrängt, in der sie das Gefühl haben, dass ihnen Unrecht geschieht und der Krieg nicht mehr zwischen Anführern ausgetragen wird“, schreibt er per SMS.
Mariam schloss sich diesen Einschätzungen an und verwies auf den Wendepunkt, als Präsident Trump die Drohungen verschärfte und warnte, das Land könnte „in die Steinzeit zurückgebombt“ werden und „eine ganze Zivilisation sterben“, wenn Teheran nicht einlenke.
Angst vor dem nächsten Schritt
„Viele Menschen fühlen sich besorgt und ängstlich, und es gibt ein spürbares Angstgefühl in der Gesellschaft“, schrieb sie Anfang April in einer Nachricht.
Ihre Sorgen sind handfest – es geht vor allem um Strom, Wasser und medizinische Versorgung.
„Früher haben manche externe Unterstützung vielleicht als mögliche Chance für positive Veränderungen gesehen“, sagt sie. „Doch wenn diese Unterstützung mit Drohungen einhergeht, die insbesondere auf die Infrastruktur abzielen, verschiebt sich die Wahrnehmung erheblich.“
Gefangen zwischen zwei Kräften
Diese Ängste haben auch das allgemeine Gefühl vertieft, zwischen Kräften gefangen zu sein, denen das Leben iranischer Zivilisten gleichermaßen gleichgültig zu sein scheint. Amir, ein Geschäftsmann aus Teheran, der wegen des Krieges vorübergehend in den Norden des Landes gezogen ist, sagt: „Es ist ein Dilemma – die Menschen sind gefangen zwischen dem Groll gegenüber ihrer Regierung und der Angst vor der Zerstörung durch den Krieg.“
Er beschreibt auch, wie unterschiedlich diese Erfahrungen je nach Region ausfallen. „Es gibt 90 Millionen Menschen mit 90 Millionen Geschichten. Man kann seine eigenen Beobachtungen nicht verallgemeinern.“ Die Reaktionen auf den Krieg und den Waffenstillstand variieren daher stark, je nachdem, wo man steht – geografisch wie wirtschaftlich.
Wer über die finanziellen Mittel, die richtigen Kontakte oder familiäre Netzwerke außerhalb großer Städte wie Teheran verfügt, kann stark betroffene Gebiete verlassen, wo der Alltag weniger vom Krieg geprägt ist. Für viele andere ist das schlicht keine Option.
Zusammenhalt unter Druck
Borna, der im Zentrum Teherans lebt und an regierungsnahen Kundgebungen teilnimmt, beschreibt eine andere Art von Wandel – nicht unbedingt in der Haltung zum Krieg, sondern darin, wie Menschen unter Druck miteinander umgehen.
Er verweist auf subtile Veränderungen im Alltag. „Die Menschen streiten weniger miteinander“, sagt er. „Selbst im Straßenverkehr sind die Leute geduldiger und freundlicher.“
Amir beobachtet etwas Ähnliches in dem, was er als „gesellschaftliche Resilienz“ bezeichnet, die seit Kriegsbeginn gewachsen sei. „Bemerkenswert ist die Solidarität unter den einfachen Menschen“, sagt er. „Menschen öffnen ihre Häuser, teilen Ressourcen und helfen Fremden. Nach jedem Einschlag rufen sich die Leute gegenseitig an, um zu hören, ob alle in Sicherheit sind.“
Waffenstillstand ohne Gewissheit
Doch dieses Zusammengehörigkeitsgefühl hat die Zweifel an der nächsten Phase des Konflikts nicht ausgeräumt. „Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sind dagegen (gegen den Waffenstillstand)“, sagt Borna. „Nicht weil sie wollen, dass der Krieg weitergeht, sondern weil sie glauben, dass er, wenn er jetzt aufhört, in sechs Monaten einfach wieder anfängt.“
„Wir müssen abwarten und sehen, was als Nächstes passiert“, fügt er hinzu und erklärt, er glaube, dass die Islamische Republik letztlich die Oberhand behalten werde.
Andere, wie Amir, sehen die Regierung nicht als Vertreter ihrer Interessen. „Die meisten Iraner unterscheiden klar zwischen ihrer Regierung und ihrem Land“, sagt er und unterstreicht damit eine weitverbreitete Desillusionierung gegenüber dem Staat. „Die Zukunft, auf die viele hoffen, ist ein Iran, der sowohl frei als auch souverän ist – geformt vom eigenen Volk, nicht durch äußeren Druck oder innere Unterdrückung.“
Optimismus trotz allem
Manche, wie Kamran, bleiben dennoch zuversichtlich. „Die Menschen sind definitiv noch optimistisch, weil sie denken, dass dies wirklich das letzte Mal sein könnte, dass positive Veränderungen für das Land möglich sind – und trotz all der Drohungen gegen das Land existiert dieser Optimismus noch immer.“
Für Mariam jedoch gibt es keinen klaren Weg nach vorne, der kein Risiko birgt. Der Waffenstillstand mag die Kämpfe unterbrochen haben, doch er hat die erdrückende Ungewissheit darüber nicht beseitigt, was als Nächstes kommt – oder wer, wenn überhaupt jemand, diese Zukunft gestalten wird.
„Statt es (den Krieg) als etwas rein Positives zu betrachten, sehen viele ihn nun als etwas, das mit ernsthaften Risiken und Unwägbarkeiten verbunden ist“, sagt sie.
Ein Traum in weiter Ferne
Diese Ungewissheit baut auf etwas auf, das Mariam schon seit ihrer Kindheit kennt – dass das Leben, das sie sich wünscht, immer außer Reichweite war.
„Mein Lebenstraum ist Meinungsfreiheit.“
Vorerst scheint dieser Traum weit entfernt – gefangen zwischen einer Regierung, der sie jegliche Legitimität abspricht, und äußeren Kräften, von denen sie bezweifelt, dass sie die Zukunft, auf die so viele Iraner verzweifelt gehofft haben, ermöglichen oder die einfache Bevölkerung schützen können.
Nach so viel Verlust und mit einer ohnehin fragilen Wirtschaft, die weiter geschwächt wurde, hat der Waffenstillstand ihre Befürchtung nicht gemildert, dass dasselbe Regime an der Macht bleibt – womöglich gestärkt wie nie zuvor.