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Will Butler und sein neues Album „Generations“: Männlich, weiß und reflektiert


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Viele sind schon mit ihrer eigenen Familiengeschichte überfordert: Diese Verschachtelung komplexer Biographien, die alle in einem vielgliedrigen Stammbaum ineinander verwoben sind. Will Butler geht jedoch sogar noch einen Schritt weiter. Auf seinem neuen Album „Generations“ widmet sich der Sänger nicht nur seiner eigenen Biographie und der seiner Verwandten. Er setzt diese Lebensgeschichten direkt noch in einen noch viel größeren Kontext.

Butler untersucht in „Generations“ die Geschichte der USA und die Machtstrukturen, die heute daraus hervorgehen. Dafür gräbt er nach der Wurzel und begibt sich auf Spurensuche.

Will Butlers Urgroßvater ging mit seiner Musik bankrott

Aus diesem Grund ist „Generations“ ein weit gefasster Titel und auch das Cover, ein roter Fingerabdruck, kann in verschiedener Hinsicht als Metapher dienen. Wie Butler und sein Bruder, die sich einst zu Arcade Fire zusammenschlossen, ist auch ihre Familie seit Generationen in der Unterhaltungsbranche tätig. Die Brüder sind also in große Fußstapfen getreten. Und Butler folgt diesen Spuren nun erneut. Ausgestattet mit einer Lupe.

Obwohl „Generations“ größtenteils im Keller seines Hauses in Brooklyn aufgenommen wurde, ist das Album voller Varieté-Leben. Dieser Anklang stellt eine Verbindung her zu Butlers Mutter, einer klassischen Harfenistin, und seinen Großeltern, Big Band-Leader Alvino Rey und Big Band-Sängerin Luise King. Sogar Kings Großvater, Butlers Urgroßvater, verfolgte den Traum, Musiker zu werden.

„Meine Großmutter schrieb eine Memoir über ihn“, erzählte Butler im Gespräch mit „Preview“. Er war ein Verrückter, der acht Kinder hatte und aus ihnen eine Proto-Vaudeville-Band machte, die durch den Westen tourte. Sie spielten Shows, kamen mit ihren Schulden in Verzug und wurden dann aus der Stadt vertrieben.“

Will Butler, der älteste Millenial der Welt?

Die Brüder waren sich ihrer musikalischen Verwurzelung also seit jeher bewusst. Butler: „Wir wussten, dass wir in gewisser Weise die Erben von 150 Jahren Kultur sind. Da denkst du dann über Dinge nach, die Mitte des 19. Jahrhunderts geschahen, und darüber, wie sie dein heutiges Leben beeinflussen. Das ist die persönliche Seite. Dann gibt es die politische Ebene mit all dem, was gerade geschieht, die auch konkret von den vergangenen Generationen abhängt.“

Die Lieder des Albums seien einer Loslösung von den kulturell definierten Generationen entsprungen. Mit 37 Jahren ist er zwar etwas spät dran, um in die Kategorie Generation Z eingestuft zu werden. Dennoch fühlt er sich mit ihr verbunden. „Ich fühle mich wie der älteste Millennial der Welt“, sagte er. „Das bietet eine eigene Perspektive. Es ist schon komisch, dass man zwischen den Generationen verhandeln muss.“

Ein Rockstar in der Uni

Nachdem er im Jahr 2015 sein erstes Album „Policy“ veröffentlicht hatte, ging der Musiker nicht direkt zurück ins Studio – sondern in die Uni. In Harvard studierte er genau das, worüber er zuvor ein Album veröffentlich hatte: Politikwissenschaften. Das Studium fiel zeitlich mit einem für Butler erschreckenden Ereignis zusammen: Donald Trump gewann die Präsidentschaftswahlen. Der studierende Sänger wollte daraufhin untersuchen, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Warum sind die Vereinigten Staaten an diesem Punkt angelangt? Und wie können sie von dort vorankommen?

Ein Kurs der Historikerin Leah Wright Rigueur brachte Butler einige erhellende Erkenntnisse. Unter anderem ein Bericht über die Unruhen von 1919 in Chicago, hinterließ Eindruck bei ihm. Demnach wurde die Hautfarbe in den Medien nur thematisiert, wenn sie nicht weiß war. „Das schien, als würden wir die Berichterstattung über Rassen in Amerika rassistisch gestalten, und vielleicht sollten wir das ansprechen“, so Butler gegenüber „Spin“.

Er erinnert sich auch an die Schießerei in Charleston. Butler: „Das geschah im gleichen Moment, in dem Donald Trump seine Kandidatur erklärte, den goldenen [Trump Tower] Aufzug herunterkam und darüber sprach, dass die Mexikaner Vergewaltiger seien. Dieser schreckliche Abschnitt der Geschichte, über den wir in Rigueurs Kurs sprachen, hat meine Weltsicht von Amerika seither geprägt.“

„Ich bin mehr Zantzinger als Caroll“

Anschließend trieb ihn die Frage um, wie Amerikas Vergangenheit und Gegenwart mit seiner eigenen Identität zusammenhängen. Welche Rolle spielt er in diesen Verhältnissen als weißer, privilegierter Mann?

Im Song „Fine“ wirft Butler beispielsweise einen satirischen Blick auf seine Familiengeschichte, worin er seine privilegierte Abstammungslinie anerkennt. Er bezieht sich auch auf den Mord an der schwarzen Bardame Hattie Carroll 1963 durch William Zantzinger. Die Geschichte kam schon mit Bob Dylans Lied „The Lonesome Death of Hattie Carroll“ an die Öffentlichkeit.

Will Butler an seinem Arbeitsplatz

Butler setzte den Vorfall jedoch in Bezug zu seinem eigenen Status. „Es gibt eine Zeile in dem Lied, in der ich sage ‚Ich bin mehr Zantzinger als Caroll’“, so Butler gegenüber „Spin“. „Das ist nicht unbedingt so gemeint, dass ich diese Last der Schuldgefühle, dass ich ein weißer Mann bin, auf mich nehme. Aber wenn ich buchstäblich jemanden töten würde, hätte ich eine geringere Gefängnisstrafe. Zantzinger bekam sechs Monate und wurde auf Bewährung entlassen, weil er jemanden getötet hat. Und das ist die Position, in der ich mich strukturell in dieser Welt befinde. Wenn ich jemanden getötet hätte, hätte ich eine mildere Strafe bekommen.“

Shows statt Internet-Aktivismus

Die Veröffentlichung des Albums erfolgt zu einer Zeit, in der die „Black Lives Matter“-Bewegung und ein virales Gespräch über Hautfarbe, Geschlecht und damit einhergehenden Privilegien im Vordergrund stehen. Butler selbst hat sich in den sozialen Medien jedoch nicht an der Diskussion beteiligt. Dabei hatte er sogar immer wieder darüber nachgedacht, sich in der Öffentlichkeit stärker zu äußern.

Er entschied sich jedoch dagegen, weil er das Gefühl hatte: „Es ist einfach nicht meine Qualifikation.“ Er brenne darauf, Shows zu spielen, sagte er gegenüber „Spin“. Das sei seine Leidenschaft, das sei seine Qualifikation. Nichtsdestotrotz lerne er viel von anderen Leuten, die online über Probleme und Missstände reden. Doch wer weiß, vielleicht macht die Quarantäne aus ihm früher oder später auch noch einen Blogger.

Neues von Arcade Fire

Die Eindrücke, die mit der Unsicherheit und Isolation der COVID-19-Pandemie einhergehen, sind zwar nicht explizit Thema auf dem Album, das bereits zwischen 2015 und 2019 geschrieben wurde. Dennoch spiegelt es laut Butler das apokalyptische Gefühl der Pandemie gut wieder. Das gelte vor allem für Songs wie „Hard Times“, denn „es ging zwar nicht direkt um die jetzige Situation, aber ja, wir leben gerade erst recht in harten Zeiten“.

Die Pandemie stoppte auch die Pläne von Arcade Fire, an der nächsten Platte zu arbeiten. In diesem Jahr wollte die Band ihre neuen Songs zusammenstellen und sehen, welche für den Nachfolger von „Everything Now“ aus dem Jahr 2017 passen würden. Gerade sei sich die Band aber noch nicht sicher, welche Richtung sie einschlagen wird. „Wir haben immer einen Riesenhaufen und dann grenzen wir ihn auf 15-20 Songs ein. Dann nimmt er langsam Form an“, erklärte Butler. Es hängt nun davon ab, wann die Band wieder zusammenkommen kann. Dann werde es auch eine Richtung geben, so der Musiker.

Will Butler hat keinen Plan B

Vor allem im Zusammenhang mit der aktuellen Pandemie betont Butler immer wieder, wie froh und dankbar er sei, seinen Lebensunterhalt mit Musik sichern zu können. „Ich bin froh, dass es geklappt hat, denn ich hatte keinen anderen Plan“, sagte er gegenüber „Preview“. „Ich mache das jetzt schon so lange, dass ich in der Musik besser bin als in allem anderen, was ich sonst tun könnte.“

Merge

Die längsten Filme aller Zeiten

In der Untergrund-Künstlerszene gibt es so einige Streifen, die mehrfach die einmal Popkorn-Nachhol-Marke sprengen! Der experimentelle Kunstprojekt und Dokumentarstreifen „Logistics“ (2012) ist beispielsweise der längste Film, der je veröffentlicht wurde mit seinen insgesamt 51.420 Minuten. Für die bessere Vorstellung: das sind 35 Tage und 17 Stunden! Ein anderer nicht ganz so langer, aber nahezu absolut gehaltlose Film, heißt „Paint Drying“ (2016) und zeigt, wie der Titel bereits vermuten lässt, unterhaltsame 607 Minuten lang Farbe beim Trocknen. Der Film entstand  jedoch auch als Protest an der britischen Zensurbehörde, die sich den Streifen dann in voller Länge ansehen durfte, um eine Alterbegrenzugn…
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