Xavier Naidoo und der Eklat, der einfach nicht aufhört

Während Naidoos Lager zu seinem Berliner Auftritt schweigt, macht Justice for Survivors klare Ansagen – und Politiker aus Mannheim werden deutlich.

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Auch zwei Tage nach der Trittbrettfahrer-Aktion von Xavier Naidoo und rechten Video-Aktivisten vor dem Bundeskanzleramt in Berlin haben sich die Gemüter nicht beruhigt. Nun melden sich die Veranstalter der ursprünglichen Demonstration per Social Media zu Wort.

Umstrittenes Spektrum im Hintergrund

Die Initiative „Justice for Survivors“, ein Zusammenschluss von Betroffenen sexualisierter Gewalt an Kindern, distanzierte sich klar von Naidoos Auftritt. In Instagram-Posts betonte das Orga-Team, dass ihre Demo ausschließlich dem Schutz, der Würde und den Rechten betroffener Kinder gewidmet gewesen sei – frei von parteipolitischer Vereinnahmung oder persönlichen Interessen.

Ganz von der Hand zu weisen ist eine Vereinnahmung der relativ jungen Initiative jedoch nicht, wie die kolportierte Anwesenheit von Vertretern von „Lion-Media“ oder „Compact-Magazin“ zeigt. Verschiedene Experten betonen, dass sich an den Demonstrationen, die unter diesem Motto stattfanden, „diverse Akteure beteiligen“. Das deutet auf ein breites, teils aber auch umstrittenes Spektrum hin.

Nach eigenen Angaben war die Initiative rund eine Stunde vor Ort, untersagte in diesem Zeitraum parteipolitische Äußerungen konsequent und verließ anschließend das vielschichtige Gewusel. Erst danach seien Naidoo sowie weitere Kampfgenossen nach und nach aufgetaucht. Von deren vorgeplantem Erscheinen habe man keine Kenntnis gehabt.

Instrumentalisierung scharf kritisiert

Besonders scharf kritisierten die Veranstalter die Instrumentalisierung des Themas. Wer den geschützten Raum Betroffener für eigene Zwecke nutze, stelle nicht die Kinder, sondern sich selbst in den Mittelpunkt. In einem weiteren Statement heißt es, Naidoo hätte bei ernsthaftem Unterstützungsinteresse im Vorfeld Kontakt mit dem Organisationsteam aufnehmen können.

In den Kommentarspalten zum „Justice-For-Survivors“-Post zeigen sich erwartungsgemäß gespaltene Reaktionen. Während viele Nutzer die klare Abgrenzung der Initiative begrüßen und den Fokus auf Opferschutz und Täterverfolgung unterstützen, unterstellen die üblichen Trolle, dass die Initiative mit ihrer Distanzierung an der „Hetzjagd“ gegen Naidoo teilnehme. Die Stellungnahmen gehen kreuz und quer durch die aktuelle Meinungs- und Haltungskakophonie.

Kritik aus Mannheim

Auch aus Naidoos Heimatstadt Mannheim kam Kritik. Oberbürgermeister Christian Specht (CDU) bezeichnete Naidoos jüngste Äußerungen als „zutiefst bedauerlich“. Er verwies darauf, dass der Sänger sich nach früheren antisemitischen und verschwörungsideologischen Aussagen zwar 2022 distanziert habe, nun aber offenbar erneut entsprechende Erzählungen bediene. Damit schade er nicht nur sich selbst, sondern auch seinem künstlerischen Vermächtnis.

Der Mannheimer Grünen-Stadtrat und Rechtsextremismus-Beauftragte Gerhard Fontagnier erklärte gegenüber dem SWR, Naidoo habe gezeigt, dass keine nachhaltige inhaltliche Kehrtwende stattgefunden habe.

Historische Einordnung

Derweil stellen schlaue Welterklärer wie Nils Minkmar das Ganze in einen übergeordneten Kontext: „Diese schrecklichen Geschichten sind keine Erfindung der Neuzeit, ihre narrativen und oft hoch antisemitischen Vorfahren sind seit dem Mittelalter dokumentiert“, schreibt er in der Süddeutschen Zeitung.

„Immer wenn das Vertrauen in eine Staatsform oder die konkreten Herrscher besonders niedrig war, sublimierten Menschen ihr Misstrauen, ihre Angst in solchen Geschichten von einer Verschwörung der Mächtigen, gerne mit jüdischen Dunkelmännern im Hintergrund, zulasten der Unschuldigen.“

Naidoo-Lager schweigt

Naidoo selbst hat sich mit diesem Eklat jedenfalls einmal mehr ins Aus geschossen. Bemerkenswert ist zudem, dass sich bislang (Stand: 19. Februar, 10:15 Uhr) weder das Naidoo-Lager selbst noch seine logistischen und künstlerischen Supporter zu Wort gemeldet haben.

Ralf Niemczyk schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.