Robyn
„Sexistential“ – Eierstöcke auf Hyperantrieb
Konichiwa/Young/Beggars (VÖ: 27.3.)
Die Schwedin feiert den zweiten Frühling (und den weiblichen Körper) mit überbordendem Electro-Pop.
Zur Einstimmung auf dieses Album lohnt es, Robyns Auftritt in der Show von Stephen Colbert anzuschauen: Wie sie sich in roter Knautschlederhose und High Heels räkelt, wie sie allein zum Playback rappt und die Zeilen von „Sexistential“ auf ein amerikanisches Publikum abfeuert, das zwischen pubertärem Gekicher und einstudierter Euphorie seinen Ohren kaum traut … Der Titelsong bringt den Menschen und die Kunstfigur in Einklang. Robyn wirft sich in den Ring der Geschlechter. Es geht um Lust und Begehren, künstliche Befruchtung und Mutterschaft. Und um die ungezügelte Fantasie einer Mittvierzigerin. Das ist in Zeiten von konservativem Backlash und dem Revival völkischer Fortpflanzungsnarrative nicht nur mutig, sondern auch ziemlich lustig: „So, I was about to go have a kid on my own/ And then my doctor said, ‚Now, Robyn, who would be your dream donor?‘/ Well, Adam Driver always did kinda give me a boner.“
Gemeinsam mit ihrem Langzeit-Kreativpartner Klas Åhlund (Teddybears) hält Robyn die musikalische Balance, vergisst nicht ihre Vorbilder, wagt sich aber auch auf Neuland. Schon im Eröffnungsstück, „Really Real“, kristallregnet es wonnevoll die mit den allerfeinsten Raffinessen der modernen Audiodesign-Zauberei überzuckerten Beats und Synthesizer-Sounds. „Dopamine“ erinnert an „Dancing On My Own“: Auch hier explodiert ein Arpeggiator, nur diesmal vor Freude statt vor Liebeskummer. Robyn feiert ihren zweiten Frühling. Wer dazu nicht mittanzt, ist selber schuld. Oder hat Rheuma.
Robyn feiert ihren zweiten Frühling
„Sucker For Love“ schlägt völlig mühelos die Brücke von Kraftwerk über The Knife zu Charli XCX. „Talk To Me“ klingt wie von Skrillex produzierte Ace Of Base, gesungen von Taylor Swift, abzüglich Hochglanz-Erotik. Robyns Sehnen und Sinnlichkeit haben nichts mit spießiger, keimfreier Soft-Porn-Ästhetik zu tun. Die neun Stücke von „Sexistential“ zelebrieren vielmehr den weiblichen Körper, der sich keinem männlichen Blick unterwirft und – öderweise noch immer auf junge Frauen fixierte – Schönheitsideale unterläuft, mit Zeilen wie: „My body’s a spaceship with the ovaries on hyperdrive.“
Es ist erstaunlich, wie eine wenig divenhafte, frei von Kapriolen und zwischen ihren Auftritten zurückgezogen lebende Schwedin jedes Mal die Konkurrenz alt aussehen lässt, wenn eines ihrer Alben erscheint. Natürlich ist das alles hart erarbeitet: das Understatement, der Style, die Sounds und Songs. Robyn hat sich schließlich nicht von heute auf morgen zu einem Gesamtkunstwerk entwickelt. Wo sich andere abplagen mit der Frage, ob sie lieber künstlerisch relevant oder kommerziell erfolgreich sein wollen, weil beides zusammen im 21. Jahrhundert nicht mehr zu funktionieren scheint, beweist Robyn, wie es eben doch geht: indem sie in Ruhe tüftelt und sich dafür die richtigen Mitstreiter sucht, allerdings darauf achtet, dass nicht zu viele Co-Autoren ihre Vision verwässern. Robyn erfindet auf „Sexistential“ das Electropop-Rad nicht jedes Mal, aber schon verblüffend oft neu – und macht sich ihre Dancefloor-Welt, wie sie ihr gefällt.