„Michael“ in der Kritik: Was das Jackson-Biopic zeigt – und was es verschweigt
Das Michael-Jackson-Biopic „Michael“ von Antoine Fuqua zeigt starke Momente, bleibt aber eine Hagiografie. Was der Film verschweigt – und was Jaafar Jackson leistet.
Michael Jackson fährt mit seinem Finger das Gesicht des gezeichneten Peter Pan aus seinem Kinderbuch nach. Er folgt mit dem Finger dessen Nase – und berührt danach seine eigene. Sein Entschluss steht fest.
Ein paar Tage später schleicht er sich in das Hayvenhurst-Anwesen der Familie, die Nase bandagiert, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, mit Sonnenbrille. Er will sich verstecken. Vor dem Vater, der ihn dann doch sieht: „Michael, come here.“ Der Vater blickt in sein Gesicht, erahnt die schmaler gewordene Nase unter dem Verband und versteht. Der Sohn tat das wegen ihm. Michael nimmt die Brille ab. Ihm stehen Tränen in den Augen.
An anderer Stelle erklärt ein Arzt Michael, dass an seinem Hinterkopf infolge des „Pepsi“-Spot-Unfalls nie wieder Haare wachsen werden. Ein 26-Jähriger mit Mönchsglatze, ein junger Mann, der Perücke wird tragen müssen. Auch das wird hier nicht verschwiegen.
Seltene Klarheit
Seltene Momente von Klarheit und Brillanz im Michael-Jackson-Biopic „Michael“, dessen Verantwortliche – „Bohemian Rhapsody“-Produzent Graham King, Regisseur Antoine Fuqua und vor allem der Jackson-Nachlass – so viele offene Fragen nicht beantworten werden oder wollen. Michael Jackson war nicht glücklich mit seiner Entscheidung, sich plastisch zu verändern. Vielleicht war er es nie. Sein Vater Joseph machte sich stets über ihn lustig: „Big Nose“. Darin sprach auch ein internalisierter Selbsthass als Afroamerikaner. Vielleicht ließ Michael auch deshalb seine Haut bleichen, er suchte Distanz zum Patriarchen.
Dass Teil eins des „Michael“-Biopics die vielen Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gegenüber Kindern nicht thematisiert, ist vertretbar. Die Vorwürfe kamen erstmals 1993 auf, dieser erste Film endet mit einem Konzert der „Bad“-Tour 1988. Der Estate kann sich – noch – einen schlanken Fuß in dieser kontroversen Frage machen.
Dennoch bestand Hoffnung, dass „Michael“ keine Hagiografie wird. Seinen Werdegang zum Superstar jedoch als reine Emanzipationsgeschichte vom gewalttätigen Vater zu erzählen, ohne Michael Jackson selbst moralische Grauzonen zuzugestehen, macht den Film nicht nur unehrlich, sondern auch etwas langweilig.
Keine Heldenreise
„Michael“ hat einen Quincy, aber keine Quest, keine Heldenreise. Dabei konnte Jackson äußerst hart sein, er konnte Druck ausüben. Es war bekannt, dass er auch mit tiefer Stimme sprechen konnte. Hier jedoch wird sein Wunsch, mit „Billie Jean“ unbedingt auf MTV zu laufen – ein Sender, der 1983 fast nur weiße Künstler spielte –, in die Hände eines CBS-Managers gelegt, der für ihn einen Erpressungsanruf beim Musiksender erledigt, damit Jackson dort vorkommt. Niemand, der die Eroberung des Musikmarkts plant, mit den besten Musikern, den besten Studios und den größten Stadien, formuliert diesen Plan freundlich lächelnd, wie Jackson es angeblich tat.
Aber er erscheint hier wie ein Gottgesandter, der Frieden bringt. „Sie sind nicht nur meine Fans“, sagt Jackson über seine Anhänger. „Sie sind auch meine Familie.“ Ein Satz wie aus dem Playbook des Fan-Services. Die Truthers werden jubilieren.
„Michael“-Regisseur Antoine Fuqua wurde 2001 mit dem Hardcrime-Thriller „Training Day“ berühmt und ist nicht ungeeignet für diesen Biopic-Stoff. Was Joseph Jackson seinem Sohn bereits im Kindesalter angetan hat, war zynisch betrachtet ein noch intensiverer „Training Day“ mit pausenlosen körperlichen Züchtigungen. An die Stelle von „Training Day“-Mentor Denzel Washington und seinem hilflosen Zögling Ethan Hawke treten hier Vater Joseph (Colman Domingo) und der elfjährige Michael (Juliano Krue Valdi). Allein, dass seine kontinuierlichen Schläge mit dem Gürtel innerhalb einer Montage aus Konzertauftritten gezeigt werden, verleiht den Attacken etwas unangemessen Sportliches, wie ein „Rocky 4“-Training.
„Michael“ dauert nur 125 Minuten, dementsprechend schnell montiert sind viele Karriereabschnitte. Wie schon „Bohemian Rhapsody“, dessen Look and Feel dieser Film teilt, entscheidet man sich für eine kurze Spieldauer. Brian May und Roger Taylor hätten ihre Freddie-Mercury-Hommage aber sicher nicht als Musikfilm, sondern als Drama mit 40 Minuten mehr Länge inszeniert, hätten sie ahnen können, dass sie dafür vier Oscars erhalten würden.
Auffällige Auslassungen
Die Gewichtung einzelner Weggefährten ist teilweise verblüffend. Motown-Gründer Berry Gordy (der im November 97 wird!) erhält in der Darstellung Larenz Tates großen Raum, während der wahrscheinlich wichtigste musikalische Partner Jacksons, Quincy Jones (Kendrick Sampson), zum reinen Stichwortgeber wird („Well, this is Van Halen!“). Janet Jackson, neben Michael immerhin der einzige Weltstar des Clans, taucht nicht auf. Das Yellow-Press-Vorzeigeobjekt der Familie, La Toya Jackson, erscheint kurz, wird aber augenblicklich verscheucht: „La Toya, get outta here.“ Man hätte gern Mäuschen gespielt, welche Familienmitglieder sich gegen eine Darstellung ihrer Person im Vorfeld ausgesprochen haben könnten. Affe Bubbles könnte sich gegen seine Darstellung als CGI-Äffchen mit geradezu menschlichen Reaktionen – Enttäuschung und Trotz – auf Pixar-Niveau jedenfalls nicht beschweren.
Dafür zeigen die Dreharbeiten von „Beat It“ (der den Mythos wiederaufleben lässt, Jackson habe dafür die Bloods und die Crips vereint, LOL) und „Thriller“ überzeugende Stand-ins von John Landis, Rick Baker und Michael Peters.
Dazu eine für das Jahr 1981 ungewöhnlich frühe Referenz an den größten Konkurrenten Jacksons, eine Rivalität, die er damals allerdings noch nicht erkannt haben dürfte: „Wenn Gott mir keine Melodien zukommen lässt, gibt er sie noch Prince.“
Vereinfachte Konflikte
Ein Beziehungsfokus liegt auf Jacksons Bodyguard Bill Bray (KeiLyn Durrel Jones), den er als seinen „zweiten Vater“ bezeichnete. Die Gründe für diese Gewichtung sind offenkundig: Ein verhältnismäßig unterprivilegierter Mitarbeiter wird häufig als „gute Seele“ und intellektuell nicht ebenbürtig wahrgenommen, als jemand mit einfachen, aber weisen Worten und direktem Blick in den Kern eines komplizierten Problems. Keine Herausforderung im Vergleich zu Partnern aus dem Musikgeschäft. Auch das vereinfacht die Konflikte, denen sich der Film stellen müsste.
Die Person Michael Jackson wird verklärt, zumindest sein Erfolg jedoch nicht unnötig überhöht. „Thriller“ wird als erfolgreichstes Album aller Zeiten zitiert, dazu der Moment, als „ABC“ das Beatles-Album „Let It Be“ von der Spitze der US-Charts verdrängt. All das gehört dazu. Viele andere Bestmarken werden darüber hinaus zum Glück nicht betont, der „Rekordhalter Jackson“ findet hier wenig Raum. „
We Are the World“ fehlt ebenfalls, möglicherweise, weil es zu schwierig gewesen wäre, zahlreiche Darsteller zu finden, die ihren prominenten Vorbildern ähneln. „Space Mountain“-Poster oder klobige Atari-Spielverpackungen wie zu „Adventure“ sorgen für stimmiges Achtzigerjahre-Kolorit. Gerade das Spiel – einfach dreimal den Joystick nach oben und dann viermal drücken, erklärt Jackson einem Kind – dient als Schlüssel für sein Verständnis, dass sich Lebensaufgaben wie ein Spiel lösen lassen.
„Motown 25“ vs. Wembley
Als Höhepunkt von „Michael“ wird „Motown 25“ vom Mai 1983 inszeniert, dessen TV-Übertragung die Verkäufe von „Thriller“ in die Höhe schnellen ließ. Jaafar Jackson, hier in seiner ersten großen Rolle als „Michael“, überzeugt: Die Ähnlichkeit ist verblüffend, gerade ab den „Thriller“-Gesichtsoperationen, seine Tanzbewegungen sind nah am Vorbild. Letztlich bleibt „Motown 25“ aber ähnlich problematisch wie der für „Bohemian Rhapsody“ inszenierte Queen-Auftritt bei Live Aid: eine sehr gute körperliche Mimikry zum Vollplayback, also eine Art Mini-Playback-Show. Mit dem Unterschied, dass Michael Jackson bei „Motown 25“ anders als Mercury in Wembley ohnehin Playback sang – anders wären Moonwalk und Zehenspitzenstand (den „Toaster“ gab es damals zum Glück noch nicht) kaum möglich gewesen.
Einzigartig, im Guten wie im Schlechten
Jaafar Jackson singt – so wirkt es – in „Michael“ nicht selbst (der elfjährige Juliano Krue Valdi hingegen schon; ein Unterschied zum Original ist hörbar, dennoch eine sehr gute Leistung). Rami Malek als Freddie Mercury in „Bohemian Rhapsody“ wohl auch nicht. Jeremy Allen White als Springsteen, Timothée Chalamet als Dylan oder Val Kilmer als Jim Morrison haben es versucht.
Doch ihre Vorbilder waren oder sind auch schwächere Sänger als Michael Jackson. Jackson war einzigartig, im Guten wie im Schlechten.