Adam Lambert: „Ich bin jetzt eine ganz andere Person“
Warum Adam Lambert mit Album „Adam“ um einen zweiten Eindruck bittet und was ihm die Jahre bei Queen über sich selbst beigebracht haben, verrät er im Interview.
17 Jahre ist es nun her, dass Adam Lambert 2009 bei der Castingshow „American Idol“ knapp den Sieg verpasste. Und doch war der Fast-Sieg die erste Treppenstufe auf seinem Weg zur Berühmtheit. Danach warteten etliche unterschiedliche Stationen in der Musikszene, Neuerfindungen und Abzweigungen. Neben Solo-Charterfolgen wie „Ghost Town“ leiht Lambert seit vielen Jahren auch Queen seinen Stimmumfang. Um der Band nach Freddie Mercurys Tod weiterhin Liveauftritte zu ermöglichen, steht Lambert mit den Rock-Legenden auf der Bühne. Nun zeigt der US-Amerikaner neue Schattierungen: Mit dem Album „Adam“ illustriert Lambert, wer er heute ist. Im Interview mit ROLLING STONE spricht er darüber, wie er sich verändert hat – und gleichzeitig die Welt um ihn herum.
Sein neues Album „Adam“ erscheint am 10. Juli. Dass das Album nach ihm selbst benannt ist, liegt laut Lambert nicht unbedingt daran, dass die Musik authentischer ist als seine vorherigen Platten. Der Titel sei die beste Art und Weise gewesen, die Musik zusammenzufassen: eine Momentaufnahme des 2026er Adam Lambert. Darin enthalten sind: „Was ich durchgemacht habe, meine Erfahrungen und wo ich hinwill.“
Wie viel Adam steckt in „Adam“?
Aber in gewisser Weise stimmt es schon: Da ist so viel Adam drin, wie draufsteht. Denn das neue Album ist das erste Projekt, das der Sänger selbst veröffentlicht – unter seinem eigenen Label und unter eigenen Bedingungen: „Da ist dieses Gefühl von Eigentümerschaft, das aufregend ist.“ Das Album nach ihm selbst zu benennen, hat sich einfach richtig angefühlt.
Die Autonomie über seine eigene Musik zu erlangen, bedeutete auch viel gewonnene Freiheit: „Am Ende des Tages treffen wir alle Entscheidungen. Und ich sage ‚wir‘, weil ich das offensichtlich nicht im Alleingang tue. Ich habe einige unglaubliche Menschen engagiert.“ So entstand ein Gemeinschaftsprojekt: „Es ist ein Team-Effort.“ Der Vorteil sei vor allem die Direktheit, mit der er seine Entscheidungen umsetzen konnte. „Es kann so ein Hindernislauf sein in den großen Label-Systemen. Allein die Finanzierung, wenn man bei einem großen Label ist – man fragt: ‚Könnt ihr dafür zahlen? Und dafür?‘“ Unter seiner eigenen Führung setzt er sich die Grenzen nun selbst: „So viel wird es kosten. Let‘s do it.“
Eine Reise durch die Zeit
Der gesamte Entstehungsprozess seiner Musik sowie die Industrie selbst haben sich in den 17 Jahren, die Lamberts Schaffen überspannen, gravierend verändert. Manchmal stimmt ihn das nostalgisch: „Es war eine ganz andere Sache. Es gab daran gute und schlechte Seiten. Ich sage nicht, dass es besser war, es war einfach anders. Streaming gibt den Konsumenten viel mehr Macht. Streaming erlaubt dir, das zu entdecken, was du entdecken willst. Du erstellst deine eigene Playlist. Als Gesellschaft entscheidet man, was populär ist. Auf eine Art ist das organischer. Wenn etwas zum Hit wird, fühlt sich das wie eine echtere Repräsentation davon an, was die Menschen wollen.“
Allerdings vermisst er auch manchmal die früheren Zeiten. „Eine Plattenfirma hatte ungefähr zehn Künstler, die ihre Priorität waren. Sie haben sich entschieden, alle ihre Kraft hinter ihnen zu versammeln, alle ihre Beziehungen, ihr Geld. Du hattest diese große Maschine, die dir geholfen hat, deine Kunst zu verbreiten, ins Radio zu bringen und zu vermarkten.“
Heute sei es schwerer, die Aufmerksamkeit der Menschen zu erkämpfen. „Manches davon ist ein Mysterium.“ Besonders die Algorithmen der Streamingwelt bleiben undurchsichtig: „Es ist ein wenig wie eine magische Formel.“
Doch viele Dinge haben sich in Lamberts Augen zum Besseren gewandelt, gerade was die Offenheit der Musikindustrie betrifft. Er erzählt, wie schwierig es zu Beginn seiner Karriere für manche ältere, weiße Hetero-Männer in Führungspositionen war, ihn als geouteten schwulen Pop-Künstler zu akzeptieren. „Man sieht jetzt sehr viel mehr queere Repräsentation in der Musik. Queere Künstler haben es leichter, ihre Musik zu verbreiten, gesehen zu werden und möglicherweise eine Fan-Base aufzubauen.“
Der zweite Eindruck zählt
Auch Lamberts Fan-Kreise haben sich über die Zeit immer wieder verändert, ausgeweitet und neu strukturiert. Zwar gibt es einen harten Kern, der ihn seit den Anfängen bei „American Idol“ begleitet, aber ein Teil definiert sich auch immer neu: „Weil ich in verschiedenen Sounds und Genres herumexperimentiert habe, bin ich auch neuen Fans begegnet, die nicht unbedingt seit den Anfängen dabei waren und mich erst später entdeckt haben. Das ist auch aufregend. Es gibt wahrscheinlich einige Fans, die durch Queen auf mich aufmerksam geworden sind, es haben mich wohl ein paar durch TV-Shows entdeckt, bei denen ich dabei war. Es ist eine sich immer weiter entwickelnde Gruppe an Fans, was wirklich toll ist.“
Nicht nur seine Fans haben sich weiterentwickelt – auch der „Ghost Town“-Sänger hat sich in 17 Jahren verändert und ist gewachsen. Mit „Adam“ bittet er um die Chance, einen zweiten Eindruck zu hinterlassen. „Manchmal sind mir online bestimmte Kommentare begegnet oder Unterhaltungen, die ich mit Menschen hatte, bei denen ich das Gefühl bekommen habe, dass sie vielleicht eine falsche Vorstellung haben. Und auch generell: Ich habe das Gefühl, sobald Menschen sich über jemanden eine Meinung gebildet haben, so denken sie dann über ihn. Einen zweiten Eindruck zu bekommen, ist manchmal schwierig.“ Doch natürlich ist der Adam Lambert von heute nicht dieselbe Person wie vor 17 Jahren bei „American Idol“.
„Jeder würde sich über die Spanne von 17 Jahren verändern, wachsen und weiterentwickeln. Mit dem Standard oder dem Eindruck gemessen zu werden, den ich vor 17 Jahren hinterlassen habe – das ist Unsinn. Ich bin an einem ganz anderen Punkt, ich bin jetzt eine andere Person. Ich würde hoffen, dass Menschen auf die Musik reagieren, indem sie denken: ‚Okay, das ist eine andere Farbe von ihm. Das ist eine andere Energie.‘“ Gleichzeitig gibt es Dinge, die sich an Lambert nie ändern werden: Er steht dazu, wer er ist. „Ich bin einfach gewachsen.“
Was er von Queen gelernt hat
„Ich war anfangs so begierig darauf, zu beeindrucken. Ich wollte alles geben auf jedem Song, die höchstmöglichen Noten singen und sehr viele verrückte, maximalistische Dinge, weil ich so enthusiastisch war, diese Chance zu bekommen. Natürlich entstand daraus eine Menge wirklich spaßige Musik.“
Doch es muss nicht immer so dick aufgetragen sein. Dass weniger manchmal mehr ist, lernte Lambert durch jahrelange Erfahrung. „Ich habe die Kraft der Zurückhaltung ein wenig mehr gelernt, wenn es um Performance und Musik geht. Ich glaube, manchmal zieht man die Menschen mehr an, wenn man ihnen ein bisschen weniger zuwirft.“ In diesem Lernprozess war die Musik anderer Artists wichtig für ihn. Er lernte davon, was ihn bei anderen begeisterte: manchmal ein wenig runterzuschrauben. Darin bestärkten ihn die Live-Erfahrungen auf internationalen Bühnen. „Als ich die letzten zehn Jahre oder so mit Queen auf Tour war, habe ich viel von ihnen gelernt: Ich habe begriffen, was bei einem großen Publikum funktioniert und was nicht nötig ist.“
„Adam“ kommt damit zu einem Zeitpunkt, an dem Lambert viele Veränderungen hinter sich hat, aber viele lehrreiche Erfahrungen im Gepäck. Mit seinem Umzug nach New York, nachdem er 25 Jahre lang in L.A. gelebt hat, erschafft er sich eine neue Kulisse und erreicht nach dem Zerbrechen einer langjährigen Beziehung einen neuen Lebensabschnitt: „Ich bin in einem neuen Kapitel angekommen.“
Den Harmoniewechsel kann man in seinem selbst veröffentlichten Album „Adam“ hören. Seine neu gewonnene Klangbreite reicht von düsteren, schweren Industrial-Klängen über tanzbare Disco-Tracks bis hin zu verletzlichen Klavierballaden. Es erscheint am 10. Juli und wird von vier Release-Konzerten begleitet, darunter auch eine Show in Berlin. Am 23. Juli spielt Adam Lambert in Huxley’s Neue Welt. Tickets dafür gibt es ab 73 Euro.