Adele: Kritiken zu „30“ – emotional, wild und riskant


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Am Freitag wird endlich das vierte Album von Adele veröffentlicht. Der Titel ist gewohnt schlicht. Sechs Jahre nach „25“ folgt nun „30“. Vorab gab es eine spektakuläre Titelgeschichte in der amerikanischen und britischen Ausgabe der „Vogue“, eine lange Plauderei mit US-Starmoderatorin Oprah Winfrey und neben der Vorab-Single „Easy on Me“ allerlei musikalische Teaser. Dazu tonnenweise Klatsch-Material. Volle Promotion-Power also für das vermutlich größte Album des Jahres, zumindest was die Verkaufszahlen angeht.

Im Hinblick auf die straff organisierte Release-Kampagne ist es umso verwunderlicher, dass bereits Mittwoch (17. November) – zwei Tage vor dem „Welt-Ereignis“ – viele wichtige Magazine mit langen und sehr langen Album-Reviews daherkommen. Vom „New Musical Express“ (NME) bis zum Londoner Boulevardblatt „The Sun“.

Kein typisches Scheidungsalbum

Auf den ersten Blick hagelt es maximale Punktzahlen oder Sterne in den Wertungen der englisch sprachigen Plattformen. Die Tageszeitung „US Today“ befindet: „Adeles „30“ ist verwegen, berührend und ganz und gar nicht das Scheidungsalbum, das man erwarten würde“.

Die Kollegen vom amerikanischen ROLLING STONE legen sich bereits im Vorspann fest: „30“ ist das bisher beste Adele-Album. Sie klang noch nie so wild. Empfänglicher für die eigenen Gefühle, und virtuoser darin, sie in Songs zu verwandeln, die der Schlüssel ihres eigenen verdammten Lebens sind.“

Auch die altehrwürdige „Times“ klatschte zumindest milde Beifall: „Ein altmodischer Sound, der an das goldene Zeitalter Hollywoods erinnert. Kritiker Will Hodgkinson lobt die die große Dramatik, doch er bedauert den Abschied von der „britischen Mädchen-von-nebenan-Qualität“.

Alles etwas roher

Das US-Branchenblatt „Variety“ spricht von Adeles „emotional wildester, riskantester und bester Platte“. Auch El Hunt vom „NME“ stellt die breite Palette an Sounds und Stimmungen heraus. „Die Lead-Single „Easy on Me“, „Hold On“ und „To Be Loved“ sind die einzigen Tracks, die entfernt wie die klassische Adele klingen. Soul, Jazz und Blues sind keine neuen Einflüsse für die Sängerin aus Tottenham-Sänger (…), doch sie fühlen sie sich hier weitaus roher an, gekoppelt mit opulenten Streicher-Arrangements, Gospel und sogar ein Sampling-Schnipsel vom verstorbenen Jazzpianisten Erroll Garner im Schimmerlicht-Song „All Night Parking““. Die Phrasierungen und Gitarren-Einsätze erinnern den „NME“-Kritiker gar an die britische Experimental-Soul-Band Sault.

In „Variety“ sieht eine bemerkenswerte Reife in ihren 12 neuen Tracks. Trotz der dramatischen Herz/Schmerz-Thematik von „30“ würde es Adele gelingen „mit einer ganzen Reihe von Produzenten und stilistischen Pastiches eine spielerische Balance zu halten; mit all der Traurigkeit und Selbstzerfleischung. Gleichermaßen Tritt in die Eier und Schrei nach Liebe. Alles klingt etwas chaotischer als auf den bisherigen Alben, passt aber umso mehr zu ihrem Parforceritt durchs Scheidungsgericht.“

Die Spezialisten vom Londoner Boulevard vergeben sechs von sechs möglichen Sternen und vermuten einen musikalischen Gruß an ihr großes Vorbild: „Die Bandbreite reicht von wehmütigen Jazz-Vocals im Billie-Holiday-Stil bis hin zu kraftvollen Balladen, pochenden Pop-Knallern und Motown-Basslinien“, findet „The Sun“. „Dazu allerlei Wendungen und unerwartete Zwischenspiele – einschließlich eines Moments im sechsten Track „Can I Get It“, der eine Referenz auf ihren Helden George Michael sein könnte.“