Besuch beim „Night Of The Prog“-Festival: Tauchgang ins Mysterium


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Majestätisch ragt die Sirene auf dem Felsen. Dort, wo sich der Rhein durch saftige Weinreben schlängelt, hat Loreley, die der Sage nach einst vorbeifahrende Schiffer von ihren mystischen Gesängen hypnotisiert ins Jenseits leitete, für ein Wochenende 4000 Progressive-Fans in ihren Bann gezogen.

Viele hier sind eingeschworene Anhänger, eigens aus Großbritannien, den USA oder Schweden angereist, um das gleichzeitig etwas aus der Zeit gefallene und zeitlose Musik-Genre, das in den späten 70er und 80er Jahren mit Bands wie Pink Floyd, Emerson Lake & Palmer und Genesis seinen kreativen Urknall hatte, zu feiern.

Die Reise geht nach innen

Neben entspannten Alt-Hippie-Batik-Hanf-Looks erzählen ihre Bandshirts Geschichten von dekadenten Prog-Rock-Kreuzfahrten in der Karibik (Cruise to the Edge). Vor der Bühne in der Ferne sieht man einen einsamen Headbanger sein verschwitztes Haar schütteln. Das überwiegend vertretene Akademiker-Publikum (Professoren!) am Hang hat sich Liegematten mit Kissen mitgebracht, ein Polizist im Ruhestand zieht zurückgelehnt im Campingstuhl genüsslich an einem Joint. Die Reise hier geht eher nach innen.

Prog-Rock, ein eklektischer Genre Mix aus Psych-Rock, Klassik, Jazz, Folk, Elektro und Metal, folgt seinen eigenen Gesetzen und verleitet einen zum tiefen Nachdenken und Abdriften in alle Ecken der Psyche. Jenseits aller Logik fragt man sich nicht nur einmal, wie zum Himmel die das auf der Bühne bloß musikalisch machen und wie sich das zusätzlich auf bewusstseinserweiternden Substanzen anfühlt, wenn es so schon unfassbar trippy ist. Auch brütende Hitze, die einem zeitweise den Verstand raubt und eine Art „Alice im Wunderland“-Erfahrung beschert, trägt sicherlich ihren Teil dazu bei. Friedlich grinsende Gesichter in allen Ecken.

In den Klangwelten der französischen Band Lazuli wird erst beim Annähern an die Bühne und je nach Windrichtung klar, dass der langmähnige Sänger keine zusätzliche Backgroundsängerin hat, so eigenartig schön feminin klingt seine Stimme. Auch Annie Haslam von Renaissance und Pure Reason Revolution‘s Chloë Alper leihen der Loreley an diesem Wochenende ihren betörenden weiblichen Ausdruck.

Highlight: Steve Hackett

Zum Finale Samstagnacht haut der langersehnte Headliner und Ex-Gitarrenlegende von Genesis, Steve Hackett (inzwischen 72 Jahre alt), in einer gigantischen zweistündigen symphonischen Zeitreise, abgesehen von den zwei Solo-Intros „Every Day“ und „Shadow of the Hierophant“, einfach das gesamte Genesis-Album „Seconds Out“ raus!

Der beste Beweis, das Rock einfach gut altert. Unterstützt von seinem sechsköpfigen Band-Emsemble, bestehend dem vampirhaften Sänger Nad Sylvan, Amanda Lehman, die Gitarre spielt und teilweise wie Kate Bush singt, Roger King (Keyboards), Rob Townsend (Saxophon und Querflöte), Craig Blundell (Ex-Pendragon, auch Steven Wilsons Drummer), Jonas Reingold (Bass und Gitarre, auch bei The Flower Kings) sind einige Tracks aktualisiert und mit dem speziellen Hacket-Band-Spin versehen. Besonders bei „I Know What I Like“, das einen wilden Jazz-Fusion-Mittelteil hat und „Los Endos¶ mit seinem mittlerweile charakteristischen ‚WigOut‘.

Ein magisches Wochenende außerhalb der Zeit.

Julia Harz
Julia Harz
Julia Harz