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Campino: „Ich bin der Pandemie für nichts dankbar!“


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Die beiden kennen sich schon ewig: Campino, seit 39 Jahren Sänger der Toten Hosen, und Kiki Ressler, Chef von KKT (Kikis Kleiner Tourneeservice) in Berlin und seit 1984 auch bei jeder Tour der Düsseldorfer dabei. „Einer der ganz großen Glücksgriffe für uns“ nennt Campino ihn. Wie erleben sie die Corona-Zeit, welche Hoffnungen und Befürchtungen hegen sie? Natürlich haben auch diese zwei keine Kristallkugel und wissen nicht, wie es weitergehen wird. Kiki nennt seine Antworten also vorsichtshalber „Einschätzungen ohne Gewissheit“. Beide stellen vorab auch gleich klar, dass ihnen sehr bewusst ist, dass sie vergleichsweise kleine Sorgen haben.

Wie geht es euch momentan, was hattet ihr 2020 zu bewältigen, und wie sieht jetzt euer Alltag aus?
CAMPINO: Die Absage unserer Orchester-Tournee hat schon sehr wehgetan, weil es ja ein besonderes Projekt war. Aber rückblickend muss ich sagen, es war die richtige Entscheidung. Wir haben uns im April oder Mai 2020 zusammengesetzt und alle Möglichkeiten durchgespielt. Natürlich wussten auch wir nicht, wie sich die Dinge entwickeln würden, aber wir ahnten, dass es hart kommen würde. Deshalb die Entscheidung, die Tour nicht ins Jahr 2021 zu verschieben. Jetzt warten wir wie alle anderen ab. Wir sind verabredet, uns in diesem Jahr immer mal wieder zu Intensiv-Sessions zu treffen – also wochenweise, im Studio oder Proberaum – und einfach Musik zusammenzutragen. Die Zeit so gut wie möglich zu nutzen. So sind wir nicht von den Launen der Politik oder irgendwelchen Zahlen abhängig, denn als Gruppe sind wir klein genug und können uns vorher testen lassen, wie eine Sportmannschaft in einer eigenen Bubble.

Kiki, euch hat der kulturelle Lockdown sicher härter getroffen.
KIKI: Wir haben schon runtergefahren. Im Mai haben wir Kurzarbeit beantragt, und für das Angebot bin ich sehr dankbar, weil auch das dazu beiträgt, dass wir auch in diesem Jahr niemanden von unseren Angestellten entlassen müssen. Selbst wenn es erst 2022 wieder losgeht. Da sind wir mit der staatlichen Unterstützung in Deutschland schon deutlich besser aufgestellt als in vielen anderen Ländern. Es ist trotz der fehlenden Konzerte für alle viel zu tun, weil immer wieder Touren verschoben oder abgesagt werden müssen, das muss kommuniziert werden, man muss mit den Bands sprechen und irgendeinen Finanzierungsplan erstellen, damit die irgendwie überleben können. Natürlich gibt es staatliche Förderungen wie zum Beispiel durch den „Neustart Musik“ – und das ist ein irrsinniger buchhalterischer Aufwand. Und wir bereiten auch schon viel für 2022 vor.

Campino, musstet ihr bei eurer Plattenfirma JKP auch Einschnitte machen, Kurzarbeit oder Ähnliches?
CAMPINO: Wir haben das zum Glück verhindern können. Die Plattenfirma arbeitet durch, aber natürlich haben auch wir auf Homeoffice geschaltet – jeder, der zu Hause bleiben möchte, darf das. Aber alle sind normal beschäftigt, und das ist gut so. Soweit wir können, unterstützen wir auch andere bei finanziellen Engpässen, bis die Zeit vorüber ist. Ich kann nur sagen: Alle, die die Möglichkeit haben, Geld zu stunden oder Leute in der Branche anders vorübergehend über Wasser zu halten, sollten das tun. Wenn sich alles wieder normalisiert, werden wir dankbar sein für die Menschen, die wir gehalten haben.

Für die etwas unkontrollierbareren Stehveranstaltungen und die vollgepackten kleinen Clubs wird es noch richtig lange dauern. Mit Glück Ende 2021 –wenn die Impfungen so gut greifen, wie wir alle hoffen

Wann, denkt ihr, wird das sein?
CAMPINO: Glastonbury ist als eines der wichtigsten europäischen Festivals schon ein Wegweiser – deren Absage für dieses Jahr ist ein ernstzunehmendes Zeichen dafür, dass in diesem Sommer nicht viel laufen wird. Es wird sicherlich eine schrittweise Öffnung geben, etwa erst Fußballstadien, bei denen man die Stehplätze sperrt und zum Beispiel nur jeden dritten Sitzplatz zulässt, dann Theater und Kinos und Sitzveranstaltungen in geschlossenen Räumen. Ich befürchte, für die etwas unkontrollierbareren Stehveranstaltungen und die vollgepackten kleinen Clubs wird es noch richtig lange dauern. Mit Glück Ende 2021 – wenn die Impfungen so gut greifen, wie wir alle hoffen.

 

Wie stellt ihr euch die Nach-Corona-Zeit vor?
CAMPINO: Wie hoch der gesamte Schaden sein wird, ist noch für niemanden zu überblicken. Gott sei Dank halten viele Fans ihren Bands die Stange, aber selbst wenn es dazu kommt, dass 2022 alles wieder wie gewohnt stattfinden kann: Wer hätte denn nach diesen zwei schweren Jahren das Geld, um zu jeder Veranstaltung zu gehen? Das Laufpublikum wird wahrscheinlich erst mal nicht kommen, sondern eher die harten Supporter. Aber wenn dann in einem Monat Feine Sahne, Broilers und die Toten Hosen spielen – wer fällt da durch den Rost? Und wie soll das logistisch laufen? Viele der Techniker und andere hoch qualifizierte Leute fahren zum Beispiel bei den Ärzten mit, dann vielleicht bei den Beatsteaks und danach bei den Toten Hosen. Die können sich ja nicht vierteilen, wenn alle gleichzeitig unterwegs sind.

KIKI: Ich habe den Eindruck, dass die meisten großen Veranstalter schon durchkommen werden, auch wenn sie dafür ihre kompletten Rücklagen aufbrauchen und Kredite aufnehmen müssen. Ich mache mir eher Sorgen um kleine Clubs, die an den behördlichen Auflagen für die Fördermittel scheitern, und um die vielen freien Mitarbeiter, die sogenannten Soloselbstständigen, die bei einer Tour-Crew den größten Teil ausmachen. Da hakt es nach wie vor sehr. Die örtlichen Securitys, all die Stagehands – die müssen sich jetzt andere Jobs suchen. Die werden uns 2022 substanziell fehlen.

Was muss von staatlicher Seite aus passieren, was ärgert euch an der momentanen Politik?
KIKI: Am härtesten trifft es all die Soloselbstständigen. Da wurde vor Jahren die Ich-AG so propagiert, und jetzt stehen die Leute ohne ausreichende Hilfe zur Existenzsicherung da. Da sehe ich den größten Handlungsbedarf. Deshalb ist eine Organisation wie Alarmstufe Rot extrem wichtig, um Druck auf die Politik auszuüben.

Warum hat es so lange gedauert, bis etwas wie Alarmstufe Rot organisiert war? Standen alle unter Schockstarre?
CAMPINO: Das Musikgeschäft ist eben kein homogenes Feld, wie es sich manche vielleicht vorstellen. Da gibt es neben den Künstlern auch Handwerker, Busfahrer, Cateringmitarbeiter und viele mehr – das sind alles ganz verschiedene Interessengruppen, auch mit unterschiedlicher Strahlkraft. Wenn die großen Acts sich in die Debatte einbringen, wird ihnen schnell Egoismus unterstellt, nach dem Motto: „Ihr habt’s doch sowieso, was spielt ihr euch auf?“ Also müssen Bands wie Die Ärzte oder wir aufpassen, dass klar wird, dass wir uns nicht für unsere Belange einsetzen, sondern für die anderen – all die Dienstleister, kleinen Firmen und Soloselbstständigen, die für uns und die ganze Kulturszene arbeiten.

KIKI: Unsere Branche ist immer ein subventionsunabhängiger Bereich gewesen. Ich möchte mich gar nicht gegen die subventionierte Kultur aufstellen, ich bin glücklich über die Theaterlandschaft in Deutschland. Aber dort ist man es einfach gewohnt, gleich den Finger zu heben und zu sagen, was benötigt wird. Die kennen auch die Wege, die Strukturen und die Lobbyarbeit, wir nicht. Unsere Branche hat den Lobbyismus erst langsam in der Krise entdeckt.

Wie sehen jetzt eure Pläne aus?
CAMPINO: Wir haben keine konkreten Pläne. Wie jede andere Band würden wir natürlich unheimlich gern live spielen, aber noch bleiben wir bei dem Standpunkt, dass wir bei unseren Auftritten keine Kompromisse eingehen wollen – ich kann mir Die Toten Hosen nicht bei einem Picknick-Konzert vorstellen. Für mich allein wären weitere Lesungen okay, das ist etwas anderes. Aber unsere Konzerte leben von der Begegnung, vom gemeinsamen Erlebnis, vom Mitsingen und Bewegen. Da müssen wir noch länger warten.

Bei den Impfungen hätte sich die EU mal profilieren und beweisen können, dass sie als Gemeinschaft eine größere Kraft hat – diese Chance wurde leider vertrödelt

KIKI: Wir haben für 2021 noch einiges geplant, und ich hoffe auch noch immer, dass es ab dem späten Herbst wieder mit einigermaßen normalen Konzerten weitergehen kann, mit Schnelltest-Szenarien und Ähnlichem. Natürlich wackelt das alles mit der Impfsituation. Im Dezember hat ja die ganze Branche angesichts der Nachrichten kurz aufgeatmet, aber jetzt ist das wieder in eine mittelschwere Depression abgesunken.

CAMPINO: Bei den Impfungen hätte sich die EU mal profilieren und beweisen können, dass sie als Gemeinschaft eine größere Kraft hat – diese Chance wurde leider vertrödelt.

Neue Tourneen plant ihr also erst ab 2022?
KIKI: Momentan ja. In den letzten Jahren hat es sich ja so entwickelt, dass man ohnehin immer früher mit der Planung anfangen muss. 2022 wird ein ziemliches Gemetzel an Tourneen werden, das ist klar. Die ganzen verschobenen Konzerte von 2020 und 2021, plus die ganzen Acts, die sowieso ihre Tournee für das Jahr geplant hatten … Bei uns gehen die Planungen, in Ermangelung von freien Terminen für 2022 in den Spielstätten, jetzt auch schon in 2023 rein.

Mich nerven auch langsam die Leute, die sich dauernd über schöne Erkenntnisse aus dieser Zeit freuen – die kann man sich wirklich anders holen!

Gibt es irgendetwas Positives, das ihr aus der Corona-Zeit mitnehmt?
KIKI: Hände waschen und Maske tragen! Wobei das Erste schon immer eine gute Idee war.

CAMPINO: Grundsätzlich versuche ich immer die Dinge anzunehmen, wie sie sind, wenn ich sie nicht ändern kann. Mit der Corona-Situation konfrontiert, könnte ich entweder ständig jammern oder eben das Bestmögliche daraus machen. Das Fahrradfahren wiederentdecken, den Spaziergang, das Schachspielen, das Aufräumen. Gebraucht hat dieses Virus niemand! Ich bin der Pandemie für nichts dankbar. Mich nerven auch langsam die Leute, die sich dauernd über schöne Erkenntnisse aus dieser Zeit freuen – die kann man sich wirklich anders holen!


Bernadette La Hengst: „Ich schwanke zwischen Hoffnung, Euphorie und innerer Leere“

Wie hat die Krise dich und dein Umfeld wirtschaftlich getroffen? Ich fühle mich relativ privilegiert, weil ich in Berlin wohne und beim ersten Lockdown gleich die Soforthilfe für Solo-Selbständige in Anspruch nehmen konnte. Danach habe ich dauernd Anträge gestellt, und die meisten haben geklappt, so u.a. das Reload Stipendium für freie Gruppen von der Bundeskulturstiftung. Außerdem habe ich vom Fonds Darstellende Künste eine Förderung für mein Theaterprojekt Mutter*Land bekommen, das ich versuche im Sommer open air umzusetzen. Und ich bekomme ich immer wieder Anfragen für Online-Formate, Videos, etc. Ende Februar sind wir mit der Banda Internationale zum digitalen Brecht-Festival in…
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