Die besten Konzeptalben aller Zeiten: The Who – „Quadrophenia“

Die besten Konzeptalben aller Zeiten: The Who – „Quadrophenia“

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Der alles überwältigende Song kommt am Schluss. Regen prasselt, als die ersten Klavierakkorde zu „Love, Reign O’er Me“ einsetzen, dieser Sehnsuchtshymne adoleszenter Jugendlicher, zu der im Jahre später gedrehten Kinofilm (mit Sting!) der Held, ein Mod namens Jimmy, von der Klippe ins Open End springt und sein Scooter zerschellt, während er auf dem Doppelalbum mit einem Bötchen aufs Meer hinausrudert, was natürlich ein bisschen weniger offensichtlich ist.

Für „Quadrophenia“ sprechen vor allem drei Argumente: Die Mod-Kultur, die schönste Jugendkultur aller Zeiten; ihre Musik (Northern Soul) war so hitzig wie ihre Tänze elegant und ihr Styling (Parkas, Ponys, enge Anzüge, Mädchen wie Jungs) überlegen. „Quadrophenia“ setzt ihr ein Denkmal. Das zweite Argument: Kein Konzeptalbum wurde je stilvoller ausgestattet als dieses. Die vermeintlich dokumentarischen, ganz- und doppelseitigen Fotos im Booklet erzählen die Geschichte. Sie wissen mehr als die Musik. Und drittens: „Love, Reign O’er Me“.

Quadropolare Störung

Wie bei nahezu allen Konzeptalben ist die Handlung schnell erzählt, aber nicht allzu hanebüchen: Jimmy ist ein Mod, der an einer quadro­polaren Störung leidet – jedes Jimmy-Ich steht für eines der vier Bandmitglieder der Who. Außerdem leidet er an seinem öden Berufsleben als Müllmann und der Diktatur seiner Eltern. Nur die coolste Jugendkultur der Welt (bzw. des Jahres 1964) kann ihn befreien. Alles endet in Brighton und der Erkenntnis, dass auch die coolsten Typen bloß Part-time-Mods sind, dass dieses aufregende Jugendkulturdasein nicht von Dauer sein kann.

The Who live 1973
The Who live 1973

1964 waren The Who selbst stolze Mods und eine in der Szene gefeierte Band. Sie spielten tatsächlich in Brighton und schliefen unter dem Pier, sie bewunderten die androgynen Mädchen und fühlten sich als Teil einer Jugendbewegung. Dabei waren The Who nie eine klassische Mod-Band, ihr Sound war viel schwerer, hysterischer, härter. Aber sie wurden akzeptiert, und mehr als jeder andere identifizierte sich Pete Towns­hend mit den jungen Modernists.

Doch schon mit ihrer zweiten Single, „I Can’t Explain“, emanzipierten sie sich, allen voran gerade Towns­hend mit seinem Gitarrenpropeller. Knapp zehn Jahre später schrieb er die Geschichte auf, so entstand sein drittes Konzeptalbum und seine nach „Tommy“ zweite „Rockoper“, ein pompöses und heute bloß noch beknackt erscheinendes Format, in dessen Rahmen aber große Songs gediehen wie „Cut My Hair“, „I’ve Had Enough“, „Doctor Jimmy“ oder – Sie wissen schon.

The Who herrlich prätentiös

Zu Beginn des Werks ruft Roger Daltrey „Is it me for a moment?“ gegen die Brandung. Im Folgenden zerschreit er einige Stücke, Daltreys Signature-Sound leider, vergleichbar mit Keith Moons Unfähigkeit zu swingen, was einer Mod-Band eher abträglich ist, aber: „Love, Reign O’er Me“ wachsen nicht zuletzt durch Daltreys Gebrüll Flügel. Und es ist immer wieder John Entwistles saftiger Bass, der alles zusammenhält und sogar Towns­hends Faible für Synthesizer einfriedet. Heute mag man es prätentiös finden, damals galt das noch nicht als Malus – und wie auch immer: „Quadrophenia“ blieb das letzte gute Album der Who.

Tom Hill WireImage

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