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„Echo“-Kommentar: Warum Kollegah und Farid Bang keinen Preis verdienen

Die Regeln beim Echo sind klar: Was am besten verkauft, wird ausgezeichnet. In diesem Jahr sind das die aktuellen Alben von Helene Fischer, Ed Sheeran, der Kelly Family und den Toten Hosen. Und ein Album namens „Jung brutal gutaussehend 3“. Es stammt von Felix Blume, alias Kollegah, und Farid Hamed El Abdellaoui, alias Farid Bang. Auf dem Album werden von den beiden Rappern 31 andere Rapper und Produzenten gedisst, wie es im Battle-Rap so üblich ist. Es strotzt vor sexistischen, rassistischen, gewaltzelebrierenden Ausfällen.

Mehr als 200.000 Menschen in Deutschland haben das Album bisher gekauft.

Die Nominierung zum „Album des Jahres“ ist „umstritten“, weil sich auf der Bonus-EP der limitierten Steelbox ein besonders widerwärtiger Track befindet, „0815“. An dem Stück selbst kann nichts umstritten sein, denn seine Lyrics sind eindeutig. Er beginnt mit den Zeilen „Diese Syrer vergewaltigen dein Mädel, Bitch“ und endet mit „Fuck mich ab und ich ficke deine schwangere Frau, ah / Danach fick ich deine Ma, die Flüchtlingsschlampe“. Zwischen dem Bild der „unsere“ Frauen vergewaltigenden Geflüchteten und der angedrohten Rache, wird der Anschlag auf Charlie Hebdo als offenbar nachahmenswertes Vorbild gedroppt, Analverkehr veralbert, eine Minderjährige penetriert, die Rolex Day Date gepriesen (unter Steelbox-Vorbestellern wurden zwei Rolex-Uhren verlost), die links-feministische Sängerin Jennifer Rostock geschlagen (woraufhin sie brav kocht, den Müll runterbringt und Kollegah einen bläst), Sidos Schwester zum Sex genötigt. Noch was vergessen? Ach, ja: „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ rappt Farid Bang, was übersetzt so viel heißt wie „ich bin schlanker als ein KZ-Häftling“.

Man kann der Liste der rassistischen, sexistischen und brutalistischen Verächtlichmachungen also auch eine antisemitische hinzufügen. Und bei dem hier so ausführlich zitierten Song handelt es sich bloß um einen von 22. Die anderen sind kaum besser.

Indiziert wurde der Scheiß nicht, und es brauchte den Hinweis der „Bild“-Zeitung, um die Echo-Verantwortlichen aufzuscheuchen, die dann die Echo-eigene Ethikkommission einschalteten, die es seit dem Rummel um die Echo-Nominierung der rechtsnationalen Band Frei.Wild gibt. Die befand den Text als „Grenzfall“. Was ein bisschen wie „umstritten“ klingt. Man möchte gern wissen, wie ein Text sein muss, damit er in den Augen dieser Ethikkommission kein Grenzfall mehr ist. Immerhin äußerte sie trotzdem noch ihre „Missbilligung gegenüber der Sprache und den getroffenen Aussagen“. Nominiert bleiben Kollegah und Farid Bang dennoch. Und auftreten dürfen sie bei der Gala auch.

Großartig verunsichert hat die Welle der Kritik den seit 16 Semestern Jura studierenden Kollegah und seinen spanischstämmigen Battle-Rap-Kollegen allerdings nicht. Farid Bang entschuldigte sich per Facebook-Post bei einer Auschwitz-Überlebenden, die seinen Rap als roh, würdelos und verachtend kritisiert hatte. Es habe nicht in seiner Absicht gelegen, die 93-jährige Esther Bejarno persönlich zu kränken. „Sehen Sie mir meine Unreflektiertheit nach.“

Warum sollte sie?

Klar, Kunst darf erst mal alles. Aber der Künstler trägt Verantwortung für das, was er tut und sagt. Das Gegenteil also einer Hosenscheißer-Haltung, die sich hinter „ist nicht so gemeint“, „unsere Fans verstehen das schon richtig“ oder „ihr versteht halt Battle-Rap nicht“ verschanzt. Die Fans der beiden Battle-Rapper verstehen ganz richtig, sie haben sich in den sozialen Medien längst zu Wort gemeldet und ihre Helden in Schutz genommen, die sich als Opfer einer Medienkampagne inszenieren – einige mit offen antisemitischen Ressentiments. Aber bei seiner Auschwitzinsassen-Zeile handele es sich ja bloß um einen „harten Battle-Rap-Vergleich und nicht um eine politische Äußerung“, versichert Farid Bang in seinem Facebook-Post.

Der Echo könnte ein Zeichen setzen

Seine Fans kennen die Haltung ja auch schon: Kollegah und Farid Bang arbeiten nicht zum ersten Mal mit antisemitischen Klischees. Kollegah lässt seinen Kumpel Favorite auf seinem Bestseller-Album „King“ nicht nur von „gesundem Dschihadismus“ fabulieren, sondern auch das Adjektiv „jüdisch“ benutzen, wenn von Geld und Rechtsanwälten die Rede ist. Und in seinem Video „Apokalypse“ trägt der zu bekämpfende Fiesling einen Davidstern.

Die Echo-Affäre richtet einen Scheinwerfer auf die sonst unter Artenschutz stehende Gangster-Rap-Szene. Der Popkritiker Jens-Christian Rabe stellt in der „Süddeutschen Zeitung“ die Frage, ob man sich mit dem Widerspruch abfinden müsse, „dass etwas, das aussieht wie Antisemitismus und als Antisemitismus wahrgenommen wird, eigentlich doch kein Antisemitismus ist? So wie die Gewaltverherrlichung, die Allmachtfantasien, die Frauenverachtung des Gangster-Rap ja, wenn sie kritisiert werden, immer bloß Teil des Spiels dieser notwendig mit Klischees jonglierenden Kunst sein sollen“? Nein, muss man nicht, sagt er. Und er hat Recht. Und das trotz des möglichen Einwands, dass sich deutschsprachige Battle-Rapper gern auf ihre afroamerikanischen Vorbilder berufen, bei denen es bekanntlich vielfach um Rollenprosa geht – allerdings um eine historisch, gesellschaftlich und kulturell ganz anders kontextualisierte.

Also. Sollen Kollegah und Farid Bang beim Echo auftreten und womöglich sogar ausgezeichnet werden dürfen? In der rein auf Verkäufen basierenden Logik des Echo sicher. Aber natürlich bliebe es dem den Echo veranstaltenden Bundesverband Musikindustrie unbenommen, ein Zeichen zu setzen. Es bleibt auch den dort auftretenden Künstlern unbenommen, ein Zeichen zu setzen. Vielleicht ringen sich Helene Fischer und die Toten Hosen ja dazu durch.

Ein Zeichen hat übrigens Kollegah jüngst gesetzt und „allen jüdischstämmigen Hörern“ seiner Musik freien Eintritt für alle seine Konzerte versprochen, „auf Lebenszeit!“

Wichtiger als das Erbrechen über diesen perfiden Post scheint mir die die trostlose Erkenntnis, dass Hunderttausende den Scheiß gerne hören, den Kollegah und Farid Bang von sich geben. Ob sie das alles nur als unreflektierte Rollenprosa begreifen, als die beide Battle-Rap-Künstler ihre Kunst verstanden wissen wollen? Wohl kaum.


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