Echo: Kollegah und Farid Bang ausgebuht – „Campino spielt sich als moralische Instanz auf“

Echo: Kollegah und Farid Bang ausgebuht – „Campino spielt sich als moralische Instanz auf“

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Kollegah und Farid Bang haben beim Echo 2018 den Preis für die besten „HipHop /Urban national“-Künstler erhalten – und nutzten ihre Dankesrede, um gegen Campino zu schießen. „Er spielt sich als moralische Instanz auf“, sagte Kollegah auf der Bühne.

Der Toten-Hosen-Sänger, selbst Preisträger („Best Rock national“) hatte die Rapper zuvor bei seiner eigenen Dankesrede kritisiert. „Man muss unterscheiden“, sagte Campino, „zwischen Provokation als Stilmittel und Provokation um andere auszugrenzen. Und die Grenze ist überschritten, wenn es sexistisch ist, homophob, rechtsextrem, antisemitisch“.

Damit sprach Campino die Kontroverse um den Song „0815“ an, in dem Kollegah und Farid Bang mit Zeilen wie „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ empörten.

„Uns so an den Pranger zu stellen“

Farid Bang versuchte die Wogen vielleicht ein wenig zu glätten, als er vom „Echo“ als „Trostpreis“ sprach, der der nun nach „dieser Rede“ (Campinos) sei.

Kollegah aber, der nach Campinos Ansprache zunächst Lockerheiten ausrichten ließ („ich will hier einen schönen Abend haben, man kann mit mir bei de Aftershow-Party reden“), holte dann doch zum Gegenschlag aus.

Tragen den Streifenlok auch im Video zu „Wannsee“: Campino und die Toten Hosen
Campino und die Toten Hosen

„Ich habe hier mein Schulreferat vorbereitet“, setzt der Rapper an. Dann, über den Hosen-Frontmann: „Sich so als moralische Instanz aufzuspielen. Und stillos an den Pranger zu stellen. Das gebührt sich für Campino nicht, wir kommen aus derselben Stadt.“

Unter starken Buhrufen versucht Kollegah noch einen draufzusetzen. „Als Zeichen des Friedens habe ich in den vergangenen zehn Minuten das hier gemalt“ – und hebt eine Strichzeichnung von Campino in die Höhe.

Über dessen Kopf: ein Heiligenschein.

Die Reden Campinos und Kollegahs im Wortlaut (Abschrift von „Musikexpress“):

Campino

„Ich habe mir viele Gedanken gemacht angesichts des Streits um ein Lied. Ob es sinnvoll ist, überhaupt hier hinzukommen. Der einfachste Weg wäre: Man entzieht sich der Situation, bleibt Zuhause. Ich persönlich glaube aber: Wer boykottiert, kann nicht mehr diskutieren. Wer nicht mehr diskutiert, überlässt das Feld den anderen. (…) Ich mache mit den Toten Hosen seit über 30 Jahren Musik. Ich bin ein bisschen vom Fach. Das Stück über das sich alle streiten, kommt aus dem Battle Rap, wo es darum geht, sich gegenseitig zu toppen. Wenn man das bedenkt, relativiert sich alles. Wir sollten keinen tieferen Sinn suchen, wo es keinen Sinn gibt. (…) Im Prinzip halte ich Provokation für gut und richtig. Aus ihr heraus können verdammt gute Sachen entstehen. (…) Wenn Provokation aber eine frauenfeindliche, homophobe, rechtsextreme oder antisemitische Form annimmt, wird eine Grenze überschritten. (…) Ich bin nicht die Bundesprüfstelle und auch nicht die Ethikkommission. Aber ich spreche für alle, die so denken wie ich: Verbote und Zensur sind nicht die Lösung. Ich hoffe, dass wir durch solche Auseinandersetzungen zu einem anderen Bewusstsein finden, was noch erträglich ist und was nicht.“

Kollegah:

„Ich habe ein kleines Schulreferat vorbereitet und wollte was zur Debatte sagen. Nachdem der Ethikausschuss darüber entschieden hat, sich dann noch als Künstler, der aus derselben Stadt kommt wie wir, als moralische Instanz aufzuspielen und uns an den Pranger zu stellen ist stillos, und gebührt so einem großen Musiker wie Campino nicht. Aber: Als Zeichen des Friedens habe ich als Künstler die Zeit genutzt und ein schönes Portrait gezeichnet, das ich zu einem guten Zweck versteigern werde.“

Marco Prosch Getty Images
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Es war schon auffällig: Am vergangenen Donnerstag war Campino der einzige, der sich zu Kollegah und Farid Bang äußerte. Der Frontmann der Toten Hosen prangerte an, dass die beiden Rapper mit ihrem Album „Jung, Brutal, Gutaussehend 3“ samt Bonustracks (mit Textzeilen wie „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ und „Mache wieder mal 'nen Holocaust, komm' an mit dem Molotow“) die Grenzen des guten Geschmacks und die Möglichkeiten der künstlerischen Provokation überschritten hätten. Von anderen Preisträgern war allerdings weder während noch nach der Veranstaltung etwas zu hören. Die große Empörung kam schließlich von anderen Künstlern, die ihre Preise anschließend zurückgaben. Darunter…
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