Eric Pfeils Pop-Tagebuch: The Forgotten Indie Classics Series Teil 2

Folge 179

Eigentlich wollte ich ja diesmal einen Aufruf zur Verstaatlichung der letzten Major Labels schreiben, aber mein Umfeld fand meine Herangehensweise „zu populistisch“. Aha, sagte ich darauf wohl einigermaßen patzig zu meinem Umfeld, wie es denn dann bitte stattdessen mit einem fetzigen Aufruf zur Enteignung von AnnenMayKantereit sei, aber da hatte mein Umfeld längst abgewunken und war bereits zum Fortuna Ehrenfeld-Konzert weitergezogen.

Ich möchte daher in diesem Pop-Tagebuch-Eintrag auf Bewährtes setzen und präsentiere Teil 2 der Reihe „Forgotten Indie Classics Series“, in der an vergessene Indie-Perlen vergangener Dekaden erinnert werden soll.

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The Steppes: Enquire Within (1989)

Über die wenig gepriesene Band The Steppes, ein iro-amerikanisches Quartett, das Ende der 80er, Anfang der 90er vier tolle Platten veröffentlichte, habe ich schon mal in einer früheren Kolumne geschrieben. Schon dort wunderte ich mich, wie wenig bekannt die Band selbst in Neo-Psychedelia-Auskennerkreisen heute ist, gehört sie doch zu den wenigen Indie-Bands mit 60s-Bezug, die in Sound-mäßig problematischen Zeiten grandiose Alben zu produzieren in der Lage waren. In ihren besten Momenten gelang es The Steppes unter Aufbietung großer handwerklicher Finesse, aber gleichzeitig scheinbar anstrengungslos, The Byrds, Syd Barrett, Jefferson Airplane und die Pretty Things zu vermählen. Auf „Enquire Within“, ihrem dritten Album, finden sich einige ihrer besten Momente:

Kooperation

„Time Goes By“, eine Art Psych-Pop-Powerballade, könnte auch von einem 90er-Album der Flaming Lips stammen. „Who am I to Say“ ist glorreicher Acid-Rock mit Rüschenhemd. „The Brightest Lights“ wiederum klingt, als hätte Arthur Lee 1989 zwecks Ausstülpung williger Hirne seine alte Band Love wiederbelebt.

Den Garaus machte der Band schlussendlich der Umstand, dass die Mitglieder auf mehrere Kontinente verstreut lebten. Wer weiß, wie schwer es ist, eine Band am Leben zu halten, deren Mitglieder in ein und derselben Stadt wohnen, mag ahnen, warum The Steppes nicht weltberühmt geworden sind. Ich vergebe acht von zehn LSD-Einhörnern.

The Meat Puppets: Huevos (1987)

„Huevos“ heißt auf spanisch „Eier“. Eine Platte, die so heißt, kann nicht verkehrt sein.

Die Meat Puppets, ein texanisches Trio, angeführt von den in Rauschmittelfragen stets aufgeschlossenen Brüdern Curt und Chris Kirkwood, waren in den 80ern neben The Minutemen, fIREHOSE, Hüsker Dü und Sonic Youth eine der besten Bands auf dem legendären SST-Label. Ihre tollkühne Verschmelzung von Hardcore-Punk, Country-Folk und psychedelisiertem Jazz-Rock findet auf „Huevos“, ihrem fünften Album, zur Vollendung. Das liegt auch daran, daß die Band hier ziemlich entschlackt klingt: Manchmal könnte man gar meinen, es mit einer Hippie-Punk-Variante von ZZ Top zu tun zu haben. Gleich der erste Song „Paradise“ tuckert mit einem rauschebärtigen Riff los, trifft im weiteren Verlauf aber auf den lapidar exekutierten Harmoniegesang der Gebrüder Kirkwood.

Das folgende „Look At The Rain“ zählt zu meinen liebsten Meat-Puppets-Songs überhaupt: ein räudiger Creedance Clearwater-artiger Blues-Popper, inszeniert als Punk-Schrabbler mit anbetungswürdig schiefem Gesang und 16-tel-Bass. Natürlich wird auch dieses Album von den produktionstechnischen Unzulänglichkeiten des Jahres 1987 kompromittiert: Der Schlagzeug-Sound gehört im Grunde weggesperrt, addiert bei gütiger Grundhaltung aber auch einiges zum Spaß hinzu.

Vor ein paar Jahren sah ich die Meat Puppets als Backing-Band von Roky Erickson in dessen Heimatstadt Austin/Texas. Im Publikum: lauter alte Cowboyhut-Texaner, ortsbekannte Drogies und ein fassungsloser J. Mascis. Ich glaube, ich habe geweint. Man sollte „Huevos“ alleine schon wegen des schönsten Covers der gesamten SST-Labelgeschichte besitzen. Ich vergebe neun von zehn spanischen Eiern.

The Vulgar Boatmen: You And Your Sister (1989)

Auf diese Band wurde ich zu Beginn der 90er Jahre durch das wunderbare HOWL Magazine aufmerksam, das die Vulgar Boatmen ebenso beharrlich pries wie die durchaus ähnlich gelagerten Kollegen The Silos oder The Schramms.

Zwar wurden die Vulgar Boatmen in Gainesville, Florida gegründet, doch auch hier liegt ein seltener Fall von musikalischer Fernbeziehung vor: Die beiden Hauptsongwriter der Band, Robert Ray, ein Film-Professor aus Gainesville, und der in Indiana ansässige Dale Lawrence, ein ehemaliger Student Rays, operierten aus zwei verschiedenen Bundesstaaten, weit über 1000 Meilen voneinander entfernt, indem sie einander Kassetten mit Songideen schickten. Tatsächlich gab es die Band letztlich in zwei Inkarnationen: die Florida-Zweigstelle und die Indiana-Niederlassung, die auch den Großteil der Tour-Aktivitäten bestritt.

Die Vulgar Boatmen arbeiten nicht eben mit Überrumpelung: Die Mitglieder sehen aus wie Erdkunde-Lehrer, und die Songs schleichen sich eher langsam an. Genau hierin liegt auch die Stärke der Musik: Manchmal klingen die Vulgar Boastmen, als wären The Feelies und die frühen R.E.M. ein paar Songs lang an einem besonders sommermüden Tag ein und dieselbe Band gewesen.

Maisfelder, Getreidesilos und zersiedelte Kleinstädte ziehen am geistigen Auge vorbei, wenn die Band die Gitarren songdienlich klingeln lässt und auf einem unwiderstehlichen Autofahr-Groove herumgeritten wird. Es ist wichtig anzumerken, dass das bevorzugte Song-Sujet der Band das Autofahren ist. Doch wird Autofahren hier nicht etwa als Fetisch inszeniert, sondern als ein Mittel, der Langeweile zu entgehen. Große Platte, die nächste „Please, Panic“ ist um keinen Deut schlechter. Ich vergebe 9 von 10 Getreidesilos.

Slaughter Joe and The Modern Folk Quintet: All Around My Horse’s Head (1987)

Zum Schluss noch ein Album britischer Provenienz. Hinter dem Namen Slaughter Joe verbirgt sich der Londoner Producer, Label-Betreiber, Musikverleger und Television-Personalities-Bassist Joe Foster. Im England der 80er tauchte der Mann überall dort auf, wo es schrammelig, Dylan-verliebt und sonnenbebrillt zuging: Als Produzent überwachte er u.a. frühe Aufnahmen von Felt, My Bloody Valentine und The Jesus & Mary Chain.

Auf seinem vorliegenden Solo-Debüt nun möchte Slaughter Joe ganz dringend Bob Dylan sein, das verrät schon das Cover, auf dem er liebevoll „Bringin’ It All Back Home“ nachzustellen bemüht ist. Der erste Song heißt konsequenterweise auch gleich „Positively Something Wild“ und klingt, als machten Sonic Youth gemeinsame Sache mit einem Dylan-Parodisten. Bei „I Know You Rider“ werden auch noch die Byrds untergerührt.

Bisweilen lebt diese Platte mehr von Attitüde denn von Substanz: Auf Dauer wird der höhenlastige Mahlstrom-Sound ein wenig öde, da hilft auch ein Songtitel wie „The Lonesome Death of Thurston Moore“ nicht weiter. Die Nachfolgeplatte (von 1991) hieß sinnigerweise „The Pied Piper of Feedback“. Trotzdem eine empfehlenswerte Anschaffung für alle Freunde von Ringel-T-Shirts und dunkler Sonnenbrillen. Ich vergebe 7 von 10 Pferdeköpfen.

Welche Erkenntnisse bleiben am Schluß? Vielleicht diese: Die Welt braucht weniger Autos, aber mehr gute Autofahr-Songs. Wer als Songwritergespann über tausend Meilen auseinanderlebt ist gut beraten, zwei Besetzungen seiner Band zu unterhalten. Eier sind eine gute Sache – und Texas immer eine Reise wert. Indiana womöglich auch.


Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Moon in June

Folge 180 Der Juni ist mein Lieblingsmonat. Noch ist der Sommer ein Versprechen, mit Hoffnungen aufladbar, noch nicht so durchgelebt und vollgeschweißelt. Spätestens im Juli sind einem dann schon wieder die ganzen Schattenseiten des Konzepts Sommer mehr als deutlich klar geworden. Es soll daher heute hier um handverlesene Lieblingslieder über den Monat Juni gehen, der – so lese ich eben im Handbuch der naheliegenden Formulierungen – „vor der Tür“ steht. Kommen Sie also mit, und folgen Sie mir auf die im Abenddunkel liegende Wiese, dort hinten zu den tanzenden Glühwürmchen... Hoagy Carmichael – Memphis in June (1945) Der June-Song schlechthin.…
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