Kritik: Depeche Mode – „Spirits In The Forest“: Den Fans ein großes Denkmal

★★★★

Depeche Mode haben hierzulande den Status von Volksmusikanten, was gar nicht abwertend gemeint ist: Sie bringen die Gefühle vieler, wirklich sehr, sehr vieler deutscher Fans auf den einfachsten Nenner. Man kann ihre Lieder nicht nur singen, sondern auch grölen, schunkeln, oder döp-döp-döppen wie einen Scooter-Song – ihre Melodien sind nicht kaputtzukriegen. Jeder kennt mindestens ein Familienmitglied oder Freund, der diese Briten liebt. Man glaubt also, alles zu kennen.

Es tut aber gut, auch mal über den Tellerrand zu blicken. Natürlich kennt die weltweite, riesige DM-Gemeinde längst schon Gleichgesinnte aus allen Ländern, schließlich verabredet man sich über die Foren. Aber für alle anderen ist Anton Corbijns Film „Spirits In The Forest“, der sich sechs ausländischen Anhängern der Band widmet, sehr lohnenswert.

Corbijn hat aus den sensationellen Berliner Waldbühnen-Konzerten von 2018 einen Film montiert, in dem sich Live-Songs mit den Geschichten von diesen Super-Fans abwechseln, deren Biografien derart außergewöhnlich bis berührend sind, dass sie eigentlich eine eigene Erzählung verdient hätten. Sie alle haben kluge Auffassungen, nicht nur über das Werk von Depeche Mode, sondern auch über deren Musik als Soundtrack ihrer persönlichen Lebensbewältigung.

Die Mongolin Indra Amarjagal entflieht der Tristesse eines Plattenbaus in Ulan Bator, in dem sie lebt, seit sie geboren wurde, also seit 22 Jahren. Sie wohnt mit ihrer Großmutter zusammen, die auch schon in der Wohnung ihr ganzes Leben verbracht hat. Indra erklärt ihr die Reiseroute nach Berlin, über Moskau, dort auch ein Konzert, und zurück in nur drei Tagen. „Das kann ich nicht so lange aushalten“, sagt die ältere Dame.

Mit Depeche Mode gegen die Chemotherapie

Daniel Cassús ist ein Brasilianer, der in die europäische LGBTQ-Hauptstadt Berlin geflüchtet ist, um hier sein Coming-out möglich zu machen. Zu den Klängen von „Walking In My Shoes“ erklärt er, wie dienlich die Songs sind, um die Schuldigkeit zu hinterfragen, die der Katholizismus einfordert – Lust, Sünde und Vergebung sind konstante Themen im Schaffen der Band.

Die Afro-Amerikanerin Liz Dwyer beantwortet die Frage, ob Schwarze, wie das rassistische Klischee es will, nicht doch nur HipHop hören. Ihr Sohn spielt den Blues von „Personal Jesus“ auf der Gitarre, noch cooler als Martin Gore. Vor allem berichtet Dwyer, wie die Musik von Depeche Mode ihr half eine Chemotherapie zu überstehen.

Christian Flueraru aus Rumänien ist der Joker in diesem Sextett. Der aufgeweckte Mann aus Bukarest erzählt davon, wie es war, die Lieder hinter dem Eisernen Vorhang zu hören, wie es war, nach Zusammenbruch des Kommunismus „Black Celebration“ erwerben zu können. Christian gibt Auskunft, wie er versucht hat, seine zwei Leidenschaften zu vereinen, also natürlich Depeche Mode, aber auch die rumänischen Berge – was in einem Fan-Video vom berühmten „Enjoy The Silence“-Clip gipfelte, in dem Dave Gahan einst als einsamer König mit Gartenstuhl durch die Landschaft flanierte. Er ist ein exzellenter Beobachter und wäre sicher ein guter Regisseur, er sagt: „Ich musste also jemanden finden, der geduldig genug ist den König zu spielen.“ Treffer, darauf kam es an.

Die Französin Carine Puzenat hat die traurigste Geschichte. Sie litt jahrelang unter Depressionen, ein Unfall nahm ihr sämtliche Erinnerungen an ihre Familie und an sich selbst. Nur an eines konnte sich sich trotz Amnesie erinnern: die Alben von Depeche Mode.

Der Kolumbianer Dicken Schrader ist so etwas wie der Promi unter den Edel-Fans. Er arbeitet seit Mitte der 1990er im Musikgeschäft, unter anderem für MTV, kennt die Arbeit „hinter den Kulissen“ und wurde mit seinen „DMK“-Videos zum YouTube-Star. Darin spielte er mit seinen zwei Kindern Sesamstraßen-Versionen der Depeche-Mode-Stücke. Aber auch er hat eine Story – nach der Scheidung zog seine Frau von Bogota nach Miami, die Kids bekam er nur selten zu sehen. Er liebt Martin Gores Trennungslied „Precious“, seine Tochter befindet knallhart und analytisch: „Bei ‚Personal Jesus‘ spiele ich den Bass, denn das bedeutet, man hat die Kontrolle.“

Ist es ein Zeichen von Arroganz, einen Film drehen zu lassen, um dessen Hauptrollen man sich per Ausschreibung bewerben konnte, der sich nur um die Bewunderung von Fans dreht, die tausende Kilometer weit reisen oder von Gore-Musik als Heilmittel gegen tödliche Krankheiten berichten? Dazu mit einem Profi wie Dicken Schrader, der ganz andere „Bewerbungsvoraussetzungen“ mitbrachte als die meisten anderen? Die Frage sollte man sich nicht stellen. Der Kult um Depeche Mode ist Jenseits von Gut und Böse. Und jeder gute Film lebt nunmal von spektakulären Charakteren.

„Spirits In The Forest“: Besser als „101“

Dave Gahan, Martin Gore und Andy „Smile“ Fletcher kommen nicht zu Wort, und ihre Songs stehen nicht im Mittelpunkt. Es sind die Storys von Menschen, die nicht blind vor Fan-Liebe sind, sondern in der Band imaginäre Begleiter gefunden haben, die ihnen helfen das Leben zu meistern. Depeche Mode waren für sie kein Vergnügen, sondern eine Hilfe.

„Spirits In The Forest“ hätte auch aus einem zweiten Grund arg schief gehen können. Als die Erzählstruktur des Films bekannt wurde, hielt sich die Begeisterung in Grenzen: Die meisten hätten sich wohl lieber einen kompletten Mitschnitt der brütend heißen Waldbühnen-Gigs gewünscht, anstelle von Berichten sechs unbekannter Protagonisten, die erstmal losreden. Allein schon aufgrund der Erfahrung mit dem anderen Hybrid aus Fan-Antrittsreisen und Song-Snippets bestand Grund zur Sorge: D.A. Pennebakers nicht wirklich gelungene „101“-Doku von 1989. Aber dort waren die Leute, die Depeche Mode lieben, einfach langweilig. Bis heute steht deshalb die Video-Veröffentlichung von „101“ als Komplett-Konzertfilm, ohne Fans, weit oben auf der Wunschliste retrospektiver Veröffentlichungen.

Aber „101“ erschien ja auch auf Doppel-CD. Es könnte also sein, dass Depeche Mode ihr „Global Spirit“-Abschlusskonzert noch herausbringen, sei es als Album oder Blu-ray. Der Geschäftssinn der drei Musiker ist, was die Auswertung ihrer Diskographie in Ton und Bild angeht, recht ausgeprägt.

Aber, mal unabhängig davon: Was wirklich fehlte in „Spirits In The Forest“ war ein Solo-Live-Song von Martin Gore, oder?


Depeche Mode, Kraftwerk, Motörhead: Nominiert für die Rock and Roll Hall of Fame

16 Künstler/innen und Bands sind für die Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame 2020 nominiert worden. Darunter Depeche Mode, Kraftwerk, Motörhead, T. Rex und Whitney Houston. Im Januar werden die Gewinner verkündet, am 02. Mai erfolgt die Zeremonie. Jeder Musiker, der vor mindestens 25 Jahren sein Debüt herausgebracht hat, kann für die Nominierungsliste zugelassen werden. Neben einem Gremium können auch Fans über die Sieger abstimmen. Vielleicht kommen diesmal ja gerade für Depeche Mode genügend Stimmen zusammen – die Band ist nach 2017 und 2018 zum dritten Mal in Folge nominiert. Alle Nominierten für die Rock and Roll…
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