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Highlight: Made in Mittelerde: Songs, die sich an „Der Herr der Ringe“ inspirierten

Genesis Invisible Touch


Sauber, kristallklar, perfektes Klang-Erlebnis, wir legen jetzt die Compact Disc ein, hören Sie gut zu! In den 1980er-Jahren führte man Großmarkt-Kunden mit diesem Album Stereo-Anlagen vor, und wer über „Invisible Touch“, das jetzt 34 Jahre alt wird, abschätzig urteilen will, der muss nur – „80er“ und „Stereo-Anlage“ – auf diese Dienstleistung verweisen. Genesis standen für Service-Musik und Hi-Fi-Reglerwahn. Und dann erschien die Platte auch noch Mitte Juli, mitten im Capri-Sonne-Monat.

Vier Jahre nach Veröffentlichung wurde „Invisible Touch“ dann von Schriftsteller-Star Bret Easton Ellis in den Erdboden gestampft – indem er seinem Romanhelden Patrick Bateman, den Mörder und „American Psycho“, ausgerechnet eine Lobeshymne auf diese Musik verfassen ließ. Bateman war glatt, kühl, ein Mensch als Oberfläche, an der alles abperlt, und auch „Invisible Touch“ hörte sich nach Meinung des fiktiven Wallstreet-Bankers schön glatt an, kühl, Musik als Oberfläche. Autor Ellis sagte dazu trocken: „Als ich über Genesis schreiben musste, hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, für meine Arbeit bezahlt werden zu müssen.“

Ob das Jahr 1986 das schlechteste in der Popmusik war, wie unser Pop-Tagebuch-Kolumnist Eric Pfeil einst schrieb, ist ein Thema, über das sich leidenschaftlich streiten lässt. Eine Umfrage würde wohl ergeben, dass es nicht sehr viele gute Platten in jenem Jahr gab. Das stärkste Beben verursachten noch The Smiths („The Queen Is Dead“), Metallica („Master Of Puppets“) Prince and The Revolution („Parade“), Paul Simon („Graceland“), Beastie Boys („Licensed To Ill“) und – ausgerechnet– der Ex-Sänger von Genesis, Peter Gabriel, mit „So“.

Man kam an „Invisible Touch“ nicht vorbei

Da nun fünf der acht „Invisible Touch“-Tracks als Singles ausgekoppelt wurden, und alle im Radio rauf- und runterliefen, kannten Gegner fast das ganze Album, ohne es kennen zu wollen. Natürlich hat der Sound der 86er-Platte wenig Kanten, alle Instrumente hören sich ein wenig so an, als hätte eine Maschine die Band-Arbeit noch einmal nachgespielt. Und natürlich sahen Phil Collins, Gitarrist Mike Rutherford und Keyboarder Tony Banks nicht kantig aus, sondern – sie trugen Pullover, Party-Hemden mit Klecksen und Bundfaltenhosen – wie freundliche Lehrer, und das regte die Leute irgendwie auf. Bitter, dass man Jahrzehnte später die Musiker von Hot Chip, die noch mehr wie Lehrer aussehen, für ihren Look als hip bezeichnen würde.

Aber unter der Oberfläche von „Invisible Touch“ gab es echte Stürme; die Band widmete sich, wie in jenem Jahr keine zweite, den aktuell drängenden Themen: nukleare Aufrüstung, Kalter Krieg, Weltkrieg, nuklearer Winter. Im Jahr der Tschernobyl-Katastrophe nahezu eine Punktlandung, auch wenn der Veröffentlichungstermin des im Juni erschienenen Werks – eineinhalb Monate nach dem Reaktorunglück – lange Zeit festgestanden haben dürfte.

Das marschierende „Land Of Confusion“ ist heute vor allem wegen des schlecht gealterten „Spitting Image“-Videos in Erinnerung geblieben, mit den Puppen von Gorbatschow, Khomeini, Gaddafi und den Gute-Nacht-Szenen von Ronald und Nancy Reagan. Es waren, natürlich, Metal-Bands, die die quasi-militärische Härte des Stücks verstanden und es coverten.

Mit einer Länge von rund zehn Minuten erinnerte „Domino“ noch am ehesten an den Prog-Rock der Siebziger. Der Song war, logisch, in einen „Part I“ („In The Glow Of The Night“) und einen „Part II“ („The Last Domino“) unterteilt. „In The Glow Of The Night“ schrieb Banks unter dem Eindruck des Libanonkriegs 1982. Das Instrumental „The Brazilian“ wiederum war auch Bestandteil des Soundtracks zum Zeichentrick-Film „When The Wind Blows“ von 1986. Raymond Briggs‘ grundlegendes Graphic Novel erzählte die Geschichte eines älteren britischen, rührenden Pärchens, das nach dem Ausbruch des Dritten Weltkriegs die Katastrophe zu fassen versucht.

Der Film ist etwas in Vergessenheit geraten, der Score erst Recht – dabei las sich die Liste der Beteiligten kurios. David Bowie schrieb den Titelsong, One-Hit-Wonder Paul „19“ Hardcastle sah sich beim Kriegsthema gut aufgehoben und steuerte Musik bei, und Roger Waters komponierte gleich den Soundtrack und brachte seine „Bleeding Heart Band“ mit, deren prominentestes Mitglied Sänger Paul Carrack war.

Peter Gabriel kickte sie weg

„Invisible Touch“ wurde der größte Erfolg von Genesis, Platz eins in UK, erstaunlicherweise nur Platz drei in den USA. Der Titelsong – angeblich aus einem Jam entstanden, was man sich beim architektonisch anmutenden Aufbau des Lieds schwerlich vorstellen kann – erreichte als einzige Single der Band überhaupt die Spitzenposition in Amerika. Ironischerweise wurde das Stück ganz oben ausgerechnet von „Sledgehammer“ wieder vertrieben – einer Single des Ex-Kollegen Peter Gabriel.

Bis zum März 1987 feuerte die Band ihre Auskopplungen raus. Auch Collins‘ Einfluss aufs Fernsehen war noch spürbar. Beschallten seine Solo-Stücke bereits diverse „Miami Vice“-Folgen (er spielte auch in einer Episode mit), brachten Genesis nun „Tonight Tonight Tonight“ in der Krimiserie „Magnum“ unter – in fast voller Länge von mehr als acht Minuten. Ausgespielte Songs im TV. Was waren das für Zeiten.

So präsent wie Phil Collins und Genesis heute wieder sind, blieb „Invisible Touch“ tatsächlich das vorletzte Studioalbum des Trios in dieser Besetzung. Mit „We Can’t Dance“ brachte man 1991 noch eine eher wie Klamauk klingende Platte heraus, die sich trotzdem Bombe verkaufte. Für Phil Collins war das Projekt aber fürs Erste, bis zur Reunion 2007 sowie 2020, durch – Genesis waren nun die altmodischen Musiker, die Gänsemarsch im Stechschritt vollzogen:

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Twitter: @sassanniasseri

 


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