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Die Streifenpolizei - der Podcast für Film & Serien vom Rolling Stone & Musikexpress
Highlight: „The Walking Dead“: Die besten Songs aus der Zombie-Serie

Kritik: „The Walking Dead“, Staffel 9, Folge 6: Ricks Fußstapfen sind zu groß

Die Review enthält Spoiler.

Die Episode „Who Are You Now?“ steht unter besonderer Beobachtung, weil sie die erste nach dem „Tod“ von Rick Grimes (Andrew Lincoln) ist. Klar, „Tod“ statt Tod, denn Rick ist ja nicht tot.

Das schenkt uns zu Beginn der Folge zehn Weisheiten-aus-dem-Glückskeks-Minuten, so wunderschön, dass sie nicht mal Terrence „in Zeitlupe durchs Weizenfeld und raus mit den Gedanken“ Malick so eingefallen wären. Ricks Freunde nehmen von ihrem „toten“ Anführer Abschied und sagen Sätze in die Luft, die einfach stimmen: „… but time just keeps moving forward“. Da hat Michonne sicher Recht. „… and it’s enough to keep going.“ Jepp. „And I keep dreaming, because it’s what I do, every second of the day.“ Roger.

Kooperation

Aber auch Michonnes Kumpan Daryl scheint der neuen Weltordnung endlich einen Reiz abzugewinnen. Er bemerkt, dass die Untoten als Nahrungslieferanten für die Natur dienen. Eine Vogelmutter ernährt ihre Kleinen mit Würmern, die auf den Zombies kleben. Alle hungrigen Mäuler im Nest werden so gestopft. Einer geht, und einer kommt. „Der Kreislauf des Lebens“. Daryl staunt.

Vielleicht hält er ja auch Ausschau nach Rick, die Überlebenden müssen davon ausgehen, dass einer der wandelnden Leichen der alte Weggefährte sein könnte.

Die neuen Anführer: Gabriel, Carol und Michonne?

Wer tritt in Ricks Fußstapfen? Die sechste Folge zeigt extremes, auch unerwartetes Verhalten einiger Figuren, mit denen ein besonderer Anspruch auf Leadership verdeutlicht werden soll.

Carol zündet grundlos Menschen an. Früher hätte sie dabei wenigstens noch geweint. Diesmal kennt sie kein Erbarmen, weil einer der Saviours es gewagt hat, in Notwehr gegen einen Teenager, den sie „Sohn“ nennt, handgreiflich zu werden. Die neue Rick.

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Aus Gabriel Stokes ist ein richtiger Playboy geworden. Einst war der Geistliche ein Angsthase. Er ließ Tränen kullern, wann immer jemand zuschaute. Dann gelang es ihm, mit Besonnenheit Jadis um den Finger zu wickeln (na ja, oder andersum). Nun ist Gabriel zum Co-Anführer geworden, der bei Ratssitzungen in der exakten Mitte des Tisches sitzen darf, das Gespräch leitet – und plötzlich mit Rosita zusammen ist, jener Kämpferin, die immerhin mal was mit Abraham hatte. From Zero To Hero! Der neue Rick.

Das bringt natürlich auch Eugene ins Spiel. Zwar wird das Potential einer Gegenüberstellung mit Negan noch immer verschenkt, dies ist die sechste Folge ohne Knastbesuch – ohne Eugenes Verrat an seinem Ex-Chef säße der jetzt nicht in Haft. Aber irgendwie scheint es für die Autoren nicht recht von Belang zu sein, was sich das Wissenschaftsgenie und der bauernschlaue Psychopath, beide auf ihre Art schlagfertig, zu sagen gehabt hätten.

Dafür steht Eugene im Mittelpunkt einer Actionszene, wie es sie nur bei „The Walking Dead“ gibt, wie wir sie nur bei „The Walking Dead“ erwarten dürfen, wie wir sie nur bei „The Walking Dead“ lieben dürfen. Die Setting-Planer teilen ihr Erfolgsrezept quasi mit den Zuschauern, denn sie wollen anscheinend sogar, dass man schon lange vorher weiß, was passieren wird:

Ein neues, noch nie genutztes Gebäude in Sicht? Danke, das nehmen wir, machen einen Zombie-Schauplatz daraus. Hier: ein Wasserturm.

Kann man aus dieser Höhe von, sagen wir, 30 Metern die Untoten heranmarschieren sehen? Ja.

Ist es dann nicht besser, man bleibt, so ruhig wie es geht, oben, um die Horde unten vorbeiziehen zu lassen, schließlich sehen die Monster uns ja nicht, da sie beim Schlurfen nur auf den Boden starren? Nein. Wir müssen auf uns aufmerksam machen. Sonst müssten wir ja nicht vor ihnen flüchten müssen.

Ok, dann langsam – und vor allem: leise! – den Abstieg einleiten? Nein, möglichst laut sein und auf den letzten Metern springen – sonst würden wir uns beim Aufprall ja nicht verletzen, gerieten wir ja nicht in Lebensgefahr.

Dann schnell auf die Pferde springen – denn die Folge mit dem „sterbenden Rick“ hat uns ja gelehrt, dass Gäule keine Angst haben vor Zombies, sondern treu in der Nähe des heruntergefallenen Reiters warten? Nein, diese hier türmen natürlich sofort.

Was sonst noch geschah:

Michonne ahnt, dass eine Besucherin des Camps ihre Identität verschleiert. Sie entdeckt, was in Wirklichkeit keiner sehen kann, eine Knasttätowierung am Handgelenk der jungen Frau. Dann stürmt Michonne aus der Gemeindescheune, sie findet es einfach enttäuschend, dass es eine Verurteilte hier hereingeschafft hat.

Die Frage nach Identität ist eine gute. Die Frage, ob man die Identität, die einen vor der Apokalypse prägte, überhaupt ablegen kann. Für viele war der Weltuntergang beruflich eine Chance. Rick Grimes wurde zum Gemeinde-Sheriff, in Atlanta war er ja kein Polizeichef. Daryl, der Hillbilly, wurde zum Sicherheits-Chef. Rechtsanwältin Michonne zur Soldatin.

„Ich war ein Musiklehrer, und das bin ich noch immer“, sagt nun einer der Neuankömmlinge. „Das hört doch hiermit auch nicht auf.“ Magna mit dem Knast-Tattoo (die deutsche Schauspielerin Nadia Hilker) mag im Gefängnis gesessen haben. Eine Kellnerin in der Tankstelle kann sie ja, Haftstrafe hin oder her, trotzdem gewesen sein, also die Wahrheit gesagt haben. Uli Hoeneß würde als Antwort auf die Frage nach seiner Identität ja auch nicht zu Protokoll geben, wo er wann mal ungewollt wieviel Zeit verbracht hatte, sondern: Präsident des FC Bayern München.

Bei Michonne waren also einfach die Sicherungen durchgebrannt, was zu ihrem theatralischen Abgang führte. Die neue Rick.

Am Ende hören Eugene und Rosita die Zombies flüstern. Die Whisperers sind in „The Walking Dead“ angekommen.

AMC

„Black Mirror“-Kritik: „Bandersnatch“ auf Netflix

Die Rezension enthält Spoiler. Follow @sassanniasseri Als Zuschauer aus Perspektiven auszuwählen, das gab es zwar schon in den Nullerjahren bis heute, im Öffentlich-Rechtlichen. Als Zuschauer aber als Gott adressiert zu werden, weil man über komplette Biografien, Kindheitstraumata, Familientragödien und den Tod entscheiden kann, das gab es wohl noch nicht. Per Mausklick wurden vom Autoren dieser Zeilen im „Black Mirror“-Film „Bandersnatch“ u.a. folgende Entscheidungen getroffen, für den Protagonisten Stefan, einem jungen, neurotischen Spiele-Programmierer im Jahr 1984, der „Bandersnatch“ kreieren will – eine Variante des Intellivision-Konsolenspiels „Treasure of Tarmin“: „Sugar Puffs“ statt „Frosties“ zum Essen Thompson Twins statt Now auf dem Walkman…
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