Die 100 größten Musiker aller Zeiten:  Metallica – Essay von Flea (Red Hot Chili Peppers)


von

Metallica

Von Flea

Es war 1984, ich war mit meiner Band irgendwo auf Tour in Amerika. Wir hatten uns mitsamt des Equipments in unseren kleinen Van gequetscht. Es regnete, wir waren müde, wir waren schon lange auf Achse. Und plötzlich – es muss 3 oder 4 Uhr morgens gewesen sein – kommt im Radio diese Musik. Ich wollte nicht glauben, dass so etwas überhaupt existierte. Diese wundervolle Brutalität, die anders als alles andere war, blies mir das Hirn weg.

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Es war kein Punk, es war kein Heavy Metal. Es war präzise, explosiv und heftig. Es war aggressiv und intensiv und hatte wilde, bizarre Rhythmuswechsel. Und trotzdem hielt der gottverdammte Song alles zusammen. Am Ende sang ich ihn bereits mit, obwohl er nun wirklich keine Elemente eines üblichen Popsongs verwendete. Die Nummer hieß „Fight Fire With Fire“ – und sie öffnete mir die Tür zu einer Naturgewalt namens Metallica.

Als sich Metallica 1981 auf den Weg machten, wählten sie nicht die gängige Route zum Erfolg. Ich weiß nicht, ob sie damals Stars werden und Myriaden Platten verkaufen wollten, aber wenn ja, stellten sie es nicht gerade besonders geschickt an. Glaubten sie etwa, sie könnten mit „Kill ’Em All“, ihrem Debütalbum, in den Top-40-Playlists der amerikanischen Radiostationen landen? Und „(Anesthesia) Pulling Teeth“ musste als Hit-Single doch offensichtlich ein Selbstläufer sein: Fünfminütige Bass-Soli sind nun mal der Freifahrtschein zum kommerziellen Erfolg.

Flea: Ich kann keine Metallica-Platte hören, ohne an Cliff denken zu müssen

Aus Sicht eines Bassisten ist der Song einer der Höhepunkte in der Geschichte der Rockmusik. Aber letztlich war jedes Cliff-Burton-Solo ein beseeltes, psychedelisches, headbangendes Statement, das deine Welt aus den Fugen warf, dein Hirn elektrisierte und eine Halle zum Rocken brachte. Es sind wundervolle Musik-Artefakte, gespielt von einem jungen Mann, der auch als Mensch ein Meisterwerk war. Ich kann keine Metallica-Platte hören, ohne an ihn denken zu müssen. Und es scheint offensichtlich, dass das, was er der Band gegeben hat, noch immer in Metallica weiterlebt.

Die Tatsache, dass Metallica einen Weg in die Welt gefunden haben, ist ein Wunder. Sie sind eine Hausmarke geworden, ohne auf den Mainstream zu schielen. Es ist Musik von und für Outsider, und dass sie damit durchgekommen sind, ist einfach sensationell. Wenn ich Metallica höre, habe ich immer den Eindruck, als spielten sie, weil sie gar nicht anders können.

Irgendetwas scheint in ihrem Innern so geknebelt und festgezurrt zu sein, dass sie es mit einem lauten Knall rauslassen müssen – eine unterirdische Quelle der Verzweiflung, ein Höllenfeuer aus Schmerz und Wut, aber wohl vor allem die Liebe zu dem Prozess, der diese Energien kanalisiert. Für Leute, die sich von Metallica rocken lassen, ist die Welt ein weniger einsamer Ort. Es ist eine Erfahrung, die sich einer verbalen Beschreibung widersetzt, aber ich kann mich davor nur verbeugen.

Der Schmerz kann die Muse für große Kunst sein. Er ist ein Initiationsritus für jeden Künstler – und er ist eine Erfahrung, die uns als Beobachter alle berührt. Jeder, der einmal bei einer Metallica-Show war, geheadbangt und die Teufelshörner gezeigt hat, war Teil etwas Größerem. Ein paar Stunden auf dem brutalen Beat von Metallica abzurocken ist sicher genauso gesundheitsfördernd wie mentales Training, Gruppen-Meditation oder ein Love-in.

Metallicas Karriere ist ein großer, schwerer Ozeanriese, und er hat sie bis an den letzten Ort der Erde gebracht. Sie haben bei null angefangen und inzwischen die Welt gerockt. Sie sind radikal! Ihre Musik ist verboten gut! Und sie sind auf ihrem Weg noch nicht am Ende. Was immer man ihnen zwischen die Beine wirft, macht sie nur noch stärker. Sie sind Familie. Und sie sind auch heute noch so intensiv, wie sie’s am Anfang waren.