Highlight: Deutsche Schauspielerinnen und ihre Musik: Marlene Dietrich & Co.

RS-History

Nico: It Has Not Taken Long

Nico, das ist der dunkle Geist eines Landes, das nie so sein wird wie andere. Ihre Musik ist von furchteinflößender Schönheit, ihr Akzent so hart wie das Geräusch marschierender Stiefel.

„Das Lied der Deutschen“ sang sie mit allen Strophen – nicht als Exorzismus, als den Jimi Hendrix seine Version von „Star Spangled Banner“ anlegte, sondern als quälende Selbstgeißelung. Mit angehaltenem Atem steht man vor diesem Werk, das so schwermütig ist, so romantisch und so deutsch.

Nico: Biografie eines Rätsels auf Amazon.de kaufen

Reise ans Ende der Nacht

„The Velvet Underground & Nico“ zeigte uns noch das blonde Model. Die Muse von Andy Warhol, mit der die Musiker um Lou Reed so gar nichts anfangen konnten. Bis auf John Cale. Der wurde ihr treuer Kapellmeister und musikalischer Begleiter, fünf Alben lang, bis zu „The End…“. Um Nicos Stimme und ihr schnaufendes Harmonium herum arrangierte Cale minimalistische Klänge, die mal an mittelalterliche Folklore erinnern und mal an eine synthetische Eiszeit.

„The Marble Index“ und „Desertshore“ sind Anti-Pop, bisweilen spröde, aber mit nichts vergleichbar. „The End…“, an dem neben Cale auch noch Phil Manzanera und Brian Eno mitwirkten, ist eine Reise ans Ende der Nacht. Wenn bei „It Has Not Taken Long“ der Kinderchor einsetzt, erzeugt das bei mir noch heute eine Gänsehaut.

Nico mit Sterling Morrison 1966

Keine Frau im Pop ging weiter, machte den Schmerz besser hör- und fühlbar. Das Heroin hatte Nico damals schon lange im Griff, doch nach „The End…“ wurde es schlimmer. Trotzdem gelang ihr in den Achtzigern so etwas wie ein Comeback. Ihre Musik klang nun rockiger, auch der Gesang war anders. Das Konzert, das ich damals in Frankfurt sah, war irgendwie traurig. Da stand ein Junkie auf der Bühne und wankte und nuschelte und sah zum Fürchten aus. Aber selbst in solchen schwachen Momenten war sie eine Königin. Nico starb vor 25 Jahren auf Ibiza – nicht an Drogen, sondern beim Fahrradfahren an einem Herzinfarkt.

Adam Ritchie Redferns

Weitere Highlights


Furioses Debüt-Album „Suicide“ von Suicide: Eiswind des Rock'n'Roll

Es war, als würde man eine Kühltruhe öffnen, aus der ein Ventilator eisige Luft bläst. Der mechanische Elektro-Rockabilly von „Ghost Rider“ war eine Musik, wie man sie nie gehört hatte: ein monotones Scharren, ein eiliges Gehämmer, das nicht von einem Klavier oder Schlagzeug, sondern von einer Kreissäge zu stammen schien. Ein Sänger, der wie ein neurotischer Elvis klang und offenbar von einem neon blinkenden Planeten nach New York City einflog. „Suicide“ erschien 1977, dem Jahr, als Punk brach. Als Television, die Sex Pistols und Richard Hells Voidoids ihre Debütalben veröffentlichten. Aber keines war so radikal, so fremd wie „Suicide“. (Okay,…
Weiterlesen
Zur Startseite