Parole Brandi: Kolumnen können Leben verändern
In der letzten Folge „Parole Brandi“ an dieser Stelle zieht unsere Kolumnistin Bilanz.
Heute ist es schwierig. Ich weiß einfach nicht, wo ich anfangen soll. Diese Kolumne, die „Parole Brandi“, endet hier auf dieser Online-Plattform, und es wird spannend.
Als ich die Nachricht bekam, dass mit dem Ende des Jahres 2025 auch die Zusammenarbeit mit dem ROLLING STONE enden wird, hat es mir kurz im Hals gebrutzelt. Ich habe mich daran erinnert, wie ungläubig und fassungslos ich damals war, als Rocko mir diesen Spot hier verschafft hat und Maik Brüggemeyer mir zugesichert hat, dass ich dazu auch noch „freie Themenwahl“ hätte. Was für ein geiler Job ist das denn bitte, dachte ich damals, ich bekomme Geld dafür, dass ich zweimal im Monat schreiben darf, worüber ich will? Gibt’s doch nicht.
Gab’s eben doch und geschrieben habe ich dann halt, worüber ich wollte. Ein absoluter Traumjob für eine Musikerin, die selten diese Regelmäßigkeit von Auftrag und Vergütung genießt.
Eine Freundin meinte zu mir: „Jaja, du hast das klassische weibliche Imposter-Syndrom. Ist einfach noch nicht in unserer DNA, dass wir so ein Sprachrohr auch verdienen.“ Und damit mag sie tatsächlich Recht haben. Männer schreiben ja auch dies und das und sind der festen Überzeugung, dass das, was sie zu sagen haben, immer wahnsinnig relevant ist.
Diese Sache vielleicht noch etwas ernster zu nehmen, hat mir persönlich allerdings wirklich gut getan und mich innerlich enorm wachsen lassen.
Leben und Schreiben
Über das Schreiben habe ich erst gesehen, was in meinem Leben eigentlich so los war. Was ich erlebt habe, was mich wirklich interessiert und wie ich die Dinge sehe. Ich bin alle Kolumnen für diesen Text nochmal durchgegangen und finde darin eine Person, die, ihren Themen nach zu urteilen, relativ breit an der Welt interessiert ist und außerdem eine rein-raus-Bewegung macht zwischen, ich sag mal eher „leisen“ und eher „lauten“ Themen.
Ich habe meine stillen Gedanken zum Kapitalismus aufgeschrieben, aber auch über mein Verhältnis zu Drummern, über Mittelaltermusik, Kaiser Nero, Wiener Wohnungsbesichtigungen, Reanimationsplaylists, Kampfsport, Fußball, ein Praktikum bei den Tiroler Gnomen, einen Besuch bei einem Kölner Schamanen, darüber, was Karl Marx zu Spotify sagen würde und anscheinend mehrfach über Taylor Swift, mehrfach über Drachen und mehrfach über das Dortmunder Theater.
Aber nicht nur diese Themen bringen mir etwas über mich bei.
Die eigene Stimme finden
Meine ganze Beziehung zur Welt entsteht erst beim Schreiben über kleine und große Erlebnisse. Erst das Nachdenken darüber erschafft einen eigenen Standpunkt. Erzählen ist immer auch Selbstoffenbarung. Wer erzählt, erfindet immer zuallererst die erzählende Stimme. Und das ist wahrscheinlich die eigentliche Hürde. Wer diese Stimme einmal gefunden hat, kann im Grunde über alles schreiben.
Aber eine Stimme zu haben ist auch empfindlich und angreifbar. Denn der Ton, in dem wir über die Dinge sprechen, fällt nicht nur auf uns selbst zurück, er trennt im Außen auch die Spreu vom Weizen. Er lockt an, wer sich angesprochen fühlt und stößt ab, wer das nicht tut. Beim Schreiben der Kolumne, so stelle ich fest, habe ich zum Beispiel eine ganz andere Stimme als beim Sprechen. Ich bevorzuge hier eine Semantik, die ich verbal niemals benutzen würde und das allein ist schon abgefahren.
Von der Kolumne zum Roman
Aber ich habe diesem Slot hier noch mehr zu verdanken. Nicht zuletzt ist über diese Kolumne mein Debütroman entstanden. Eine weitere Fassungslosigkeit, die ich noch nicht vollständig verstanden habe. Und auch in diesem Roman musste ich zunächst wieder eine Stimme erfinden und das ist ein Unterfangen, was sich wahrscheinlich ein bisschen so anfühlt, wie wenn Tolkien das Elbisch erfindet. David Foster Wallace hat mal gesagt, seine Bücher seien nicht zum Vorlesen geeignet, nur zum selber Lesen. Diesen Unterschied verstehe ich erst jetzt, Dank des Schreibens.
Ich will nicht immer ich sein. Oder anders: Ich will mehr sein als das Gefängnis meiner sprechenden Person. Wirklich. Ich will mich ausdehnen, anders nachdenken und blöde Witze machen – und ja, Schachtelsätze müssen auch ab und an erlaubt sein. Ich glaube nicht daran, dass da draußen nur noch Leute sind, die die Welt in kurzen Hauptsätzen erleben. Nichts gegen kurze Hauptsätze! Und klar – unsere Gehirne sind Mus, mittlerweile gibt es da nichts mehr zu beschönigen. Aber wie alle Pseudo-Nerds, die nie einen Hörsaal von innen gesehen haben, pflege ich meine Komplexe indem ich einfach offensiv mit meiner Kompliziertheit nach draußen gehe, zu euch, in eure Köpfe, wo ich dann darauf hoffe, gut aufgehoben zu sein.
Die innere Ordnung
Die Angst, dumm und ungebildet rüberzukommen, musste ich übrigens auch schnell runterschlucken, aber dabei hat geholfen, mir andere Kolumnen durchzulesen und festzustellen: Wesentlich etabliertere Autor:innen gehen mit teilweise ziemlich „generischen“ Texten hinaus an die Leser:innenschaft – Schreiben ist also immer auch eine Frage des Selbstbewusstseins. Also: Flucht nach vorn. Wie eigentlich immer in der Kunst.
Und es ordnet mich auch. Mein Kopf springt sehr gerne von Gedanke zu Gedanke, aber sobald ich eine Überschrift über einem Text stehen habe, verpflichtet mich das innerlich diesem Thema, dann habe ich gewissermaßen ein Versprechen abgegeben. Und ich finde, ich habe mich, beispielsweise was Taylor Swift oder den Kapitalismus angeht, recht klar ausgedrückt – diesem Format sei Dank.
Die wichtigsten Zutaten für einen guten Ruf
Das Privileg, schreiben zu dürfen, was immer ich wollte, hat mich als Autorin erzogen. Ich versuche seitdem darauf zu achten, welche Themen eine Stimme brauchen. Mein schönstes Erlebnis mit der Kolumne war, als ich einen flammenden Text darüber schreiben musste, warum Dortmund sein aktuelles Theater dringend nötig hat und im Nachhinein erfahren habe, dass dieser Text jetzt am schwarzen Brett im Schauspielhaus hängt. Das Dortmunder Theater wird in Dortmund meiner Ansicht nach von der Presse nicht genügend gewürdigt, dabei ist es in seinem Ansatz und seinem Standort einzigartig im Land. Der Akt, sich über eine Kolumne zu diesem inklusiven, anti-rassistischen Theater zu bekennen, hat mich zusätzlich in meiner Haltung gestärkt.
Nicht zuletzt war der Raum, in dem die „Parole“ stattgefunden hat ein Gütesiegel. Mächtige Zeitschrift glaubt an mich. Wenn Leute herausfinden, dass ich für den ROLLING STONE schreibe, ändert sich etwas in ihren Augen und ich spüre sofort, jetzt habe ich ihren Respekt, ihren Neid und ihre Missgunst – die drei wichtigsten Zutaten eines guten Rufs.
So habe ich mein eigenes Leben seit Beginn der Kolumne bereist, mehrere Sprachen erfunden, gelernt, Themen und Gedanken zu kuratieren und dabei auch noch stabil Geld verdient.
Die Kolumne hat mich schlicht und ergreifend zu einem besseren Menschen gemacht und meine finanzielle Lage abgesichert.
Es geht weiter!
Nun könnte man sagen (und eine Stimme in mir sagt das auch): Alle guten Dinge enden einmal, sei dankbar bitch, blablabla.
Weiß ich und bin ich.
Aber – mir fehlt aus allen oben genannten Gründen leider absolut jede Einsicht, dieses Format hier aufzugeben, muss ich ganz ehrlich gestehen.
Und deswegen habe ich mich ganz einfach dagegen entschieden.
Wenn euch meine Texte gefallen haben, lade ich euch hiermit herzlich dazu ein, mich von nun an über die Plattform STEADY zu begleiten. Für einen winzigen monatlichen Beitrag könnt ihr von jetzt an die „Parole Brandi“ dort weiterlesen. Wenn sie euch gefällt und ihr mich unterstützen möchtet, empfehlt den Account gerne weiter und ladet Leute dazu ein, mir zu folgen.
Ich bedanke mich beim ROLLING STONE für diese wunderschönen zwei Jahre! Mein besonderer Dank gilt nochmal Rocko Schamoni, der mich weiterempfohlen hat, und Maik Brüggemeyer, der mir ein stoischer, kompetenter und geschmackssicherer Redakteur war, auf den ich mich immer verlassen konnte.
Peace!
Weiter geht’s hier!