Paul McCartney: „Lebt so ein Rockstar?“ So ist die neue Wings-Bio

Die heute erscheinende offizielle Geschichte der Wings erzählt von Neuanfängen und endet im Knast.

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Die Geschichte der Beatles war von Beginn an gut dokumentiert. Hunter Davies schrieb bereits 1968 die erste offizielle Bandbiografie. Nach John Lennons Tod wurde das Erinnern an die größte Band der Welt zur Industrie. Die fand in den Neunzigern mit der dieser Tage neu aufgelegten „Beatles Anthology“ ihren Höhepunkt. Paul McCartney erzählte seine Post-Beatles-Geschichte dann fünf Jahre später mit seiner Dokumentation „Wingspan“. Die war allerdings eher eine Hommage an seine 1998 verstorbene Frau Linda, erzählte mehr vom Familien- und Landleben als – wie der Titel nahelegte – von seiner 70s-Band Wings.

Und da McCartney nie jemand war, der viel von sich preisgab, klang das alles sehr idyllisch; von den Dramen und Spannungen, die in dieser Geschichte steckten, erzählte er nicht. „Wingspan“ taugte nicht als zweiter Akt.

Die Post-Beatles-Depression

Es war der britische Musikjournalist Tom Doyle, der 2013 in seinem Buch „Man On The Run. Paul McCartney in the 70s“ aufdeckte, wie tief das Loch war, in das McCartney nach dem Ende der Beatles fiel, und ihm Bekenntnisse zu Krisen und Depression abrang. Seit 2022 widmet sich das britisch-amerikanische Autorenduo Allan Kozinn und Adrian Sinclair in dem auf mehrere Bände angelegten Projekt „The McCartney Legacy“ mit großer Akribie McCartneys Solojahren. In den bisher erschienenen, jeweils etwa 750 Seiten starken Bänden, die die 70er-Jahre abdecken, dokumentieren sie die Spannungen innerhalb der Wings und McCartneys – sagen wir – feudalistisches Verständnis vom Bandleben, das vermutlich einerseits seiner Unsicherheit und andererseits seinem Perfektionismus geschuldet ist.

Von Macht und Egospielchen ist in der neuen, vom US-Historiker Ted Widmer aus aktuellen und historischen Interviews zusammengestellten offiziellen Oral History der Wings, „Wings. Die Geschichte einer Band on the Run“ natürlich nichts zu lesen. Die ehemaligen Bandmitglieder haben (fast) nur Gutes zu sagen. Auch Sean Ono Lennon, der ebenso wie Mary und Stella McCartney zu Wort kommt, ist versöhnlicher, als sein Vater es jemals war. Ein faszinierendes Buch ist es trotzdem geworden. Weil es erzählt, wie sich weiterleben lässt nach dem Ruhm und wie man manchmal länger nach dem Anfang suchen muss, der ja sprichwörtlich jedem Ende innewohnt.

Einblick in McCartneys Persönlichkeit

Vor allem aber, weil diese Version der Geschichte einen Einblick in McCartneys Persönlichkeit gibt, die Angewohnheit – oder besser: Strategie, die negativen Dinge nicht an sich ranzulassen. Die hängt vermutlich eng mit dem Tod seiner Mutter Mary zusammen. Er war 14, als sie starb. Als Hebamme war sie die Hauptversorgerin der Familie gewesen, ihr Mann Jim arbeitete für ein bescheidenes Salär im Baumwollhandel. Als Paul vom Tod seiner Mutter erfuhr, war das Erste, was er unter Schock sagte: „Wie sollen wir ohne ihr Geld über die Runden kommen?“ Er ließ den Verlust nicht an sich heran, versuchte einfach weiter zu funktionieren, zeigte keine Schwäche, flüchtete sich in die Musik.

„Ich ertrank in einem Meer juristischer sowie persönlicher Streitereien, die mir sämtliche Energien raubten, und ich musste mein gesamtes Leben von Grund auf neu sortieren“, schreibt er im Prolog von „Wings. Die Geschichte einer Band On The Run“ über die Zeit der Beatles-Trennung. „Würde ich es jemals hinbekommen, dieses unglaubliche Jahrzehnt hinter mir zu lassen und nach vorne zu schauen?‘, fragte ich mich. Würde ich in der Lage sein, die Krisen zu bewältigen, die sich scheinbar täglich neu ergaben?“ Dann erzählt er von der neugewonnen Freiheit, wie er sich mit seiner jungen Familie auf eine marode Farm in Schottland flüchtete, die er ursprünglich aus steuerlichen Gründen gekauft hatte, wie er Tische baute, den Fußboden neu zementierte, Schafe schor, Lieder schrieb. Weitermachen.

Hast du Lust, in einer Band zu sein?

Dass man McCartney für tot hielt, war noch das Beste, was man über seine Post-Beatles-Reputation sagen konnte. Selbst das heute über jeden Zweifel erhabene Power-Pop-Meisterwerk „Ram“, das er 1971 gemeinsam mit Linda veröffentlichte, wurde seinerzeit von der Kritik zerfetzt. „Monumentally irrelevant“ nannte es der spätere Springsteen-Manager John Landau im ROLLING STONE.

Er wollte wohl nicht länger allein in der Schusslinie stehen, suchte Deckung. Und als er im Fernsehen sah, wie Johnny Cash mit seinem Begleittrio The Tennessee Three verschmolz, wurde ihm klar, was er tun musste: „Ich habe mich zu Linda umgedreht und gesagt: ‚Das könnten wir auch machen. Hast du Lust, in einer Band zu sein?‘ Und sie sagte: ‚Ja.‘“

Mit dem Ex-Moody-Blues-Gitarristen Denny Laine und dem Session-Schlagzeuger Denny Seiwell, der schon auf Ram mitgespielt hatte, begannen sie im Sommer 1971 unter spartanischen Bedingungen – die Beatles-Gelder waren durch allerlei Streitigkeiten eingefroren – auf ihrer Farm in Schottland ein neues Abenteuer. „Dieser Sommer in Schottland war der kälteste Sommer, den ich jemals irgendwo erlebt habe“, erinnert sich Seiwell. „Man musste mit einer Wärmflasche zwischen den Beinen schlafen. Zwei Zimmer und eine Küche mit Zementboden. Lebt so ein Rockstar?“

Zurück auf Null

Nun – vor dem Ruhm schon. Man muss an die Hamburger Tage der Beatles denken, als sie im Bambi-Kino neben den Toiletten hausten. So, dachte sich McCartney wohl, muss die Geschichte einer Band beginnen, die hungrig ist auf Erfolg. Das erste Album, das unfertig-charmante „Wild Life“, entstand in wenigen Tagen und war, ähnlich wie Bob Dylans Self Portrait, der Versuch, sich selbst vom Sockel zu holen. Ram war noch das Album eines Ex-Beatles, Wild Life das Debüt einer neuen Band. Die erste Tour führte im Doppeldeckerbus durch Universitätsaulen, die Tickets kosteten 50 Cent.

Von hier aus konnte der Aufstieg beginnen. Der erste Hit kam mit My Love, die Anerkennung mit dem Titelsong zum Bond-Film „Live And Let Die“. Dann folgte – die Wings waren inzwischen nur noch ein Trio – das Meisterwerk „Band On The Run“, und die Wings wurden in neuer Besetzung mit dem jungen Gitarristen Jimmy McCulloch und dem Schlagzeuger Joe English zu einem der größten Live-Acts des Jahrzehnts. Das Triple-Live-Album „Wings Over America“ zeigte allen, dass McCartney sich in wenigen Jahren von seiner Vergangenheit emanzipiert hatte. „Wir hatten es geschafft. Wir hatten geschafft, was wir uns vorgenommen hatten“, sagt er. „1976 sind wir durch die größten Konzerthallen Amerikas getourt, durch riesige Stadien; die Leute haben es geliebt, und wir haben eine Show geliefert.“

Flucht in die falsche Richtung

Dann war die Luft raus. Die Konzentration ließ nach. English und McCulloch verabschiedeten sich, und die Wings mussten wieder ihre Gestalt ändern. „Ich denke, wir hatten bis dahin großes Glück mit den Besetzungen bei Wings“, erklärt McCartney. „Das hat immer gepasst. Aber beim letzten Line-up dachte ich: Das ist okay, nur vielleicht nicht ganz so gut wie die anderen … In den Augen der Welt war ,Back to the Egg‘ das neueste Album der Band, die ,My Love‘, ,Listen to What the Man Said‘ und ,Silly Love Songs‘ veröffentlicht hatte. Für uns hat es sich aber angefühlt wie das erste Album der Band.“

Es scheint fast so, als habe McCartney die Aussicht auf sieben Jahre harte Arbeit in einem japanischen Gefängnis, die ihm drohten, als er sich im Januar 1980 vor der Reise nach Tokio eine große Tüte in New York erworbenes Gras in seinen Koffer packte, weniger geschreckt als die anstehende Japan-Tour mit den unterprobten Wings. „Ich stand neben ihm, als die Tüte mit dem Marihuana zum Vorschein kam“, erzählt Gitarrist Laurence Juber, was daraufhin auf dem Narita-Flughafen in Tokio geschah. „Linda und die Kinder waren schon durchgegangen, und Paul war hinter ihnen. Der Zollbeamte tastete ein Jackett im Koffer ab und hat auf einmal so ein Fragezeichen im Gesicht. Er greift rein und zieht eine Tüte mit Gras raus – Paul ist käseweiß geworden.“

Drogenanwalt Lee „Scratch“ Perry

Ihm sei das extrem peinlich gewesen, so McCartney, und er habe gleich ein Geständnis abgelegt. Der Weg führte ihn daraufhin nicht ins Nippon Budokan, wo die Wings ihre Tour beginnen sollten, sondern ins Tokyo Narcotics Detention Center. Lee „Scratch“ Perry schrieb, wie Widmer in „Wings. Die Geschichte einer Band on the Run“ berichtet, einen persönlichen Brief an den japanischen Justizminister, in dem er seine Expertise anbot und erklärte, dass die sichergestellte Menge Marihuana seiner Meinung nach nicht der Rede wert sei – und das heilige Kraut ja zudem über die Eigenschaft verfüge, „positive Gefühle zu erzeugen“.

Es war dann aber wohl die nüchternere Argumentation von McCartneys Schwager und Anwalt John Eastman, die schließlich zur Freilassung führte.

Das Tagebuch, das McCartney  während seiner neun Tage im Knast führte und unter dem Titel „Japanese Jailbird“ für Familie und Freunde drucken ließ, werden wir wohl nie lesen. Aber seine Schilderungen in „Wings. Die Geschichte einer Band on the Run“ gehören zu den großen Offenbarungen des Buches.

Er konnte seine Familie nicht sehen, musste mit einem Mörder die Badewanne teilen, „aber ich hatte lauter Filme über Kriegsgefangenschaft gesehen und wusste, dass man sich irgendwie bei Laune halten muss“. Das tat er, in dem er versuchte, mit seinen Mitinsassen zu kommunizieren. Was mit einem japanischen Vokabular von zwei Wörtern – konnichiwa und arigato – nicht so einfach war. „Also habe ich den Typen nebenan Markennamen zugerufen“, so McCartney. „Sie waren zu viert da drinnen. Ich habe gesagt: ,Toyota!‘ Dann haben die geantwortet: ,Toyota, Toyota!‘, und ich habe sie lachen hören. Dann haben sie gerufen: ,Rolls-Royce!‘ Und ich: ,Rolls-Royce!‘ Sehr gut. Zum Schluss haben wir so einen irren ,Yamaha! Yamaha! Oh, Yamaha, yeah!‘-Song angestimmt.“

Paul McCartney war kurz davor, eine neue Band zu gründen. If we ever get out of here …

Das Buch

„Wings. Die Geschichte einer Band on the Run“ ist in der deutschen Übersetzung von Connie Lösch im Verlag C.H. Beck erschienen und kostet 44 Euro.

Der Film

Neben dem Buch wird es auch einen Film über McCartneys erstes Post-Beatles-Jahrzehnt geben. Morgan Nevilles „Man On The Run“ erscheint Ende Februar bei Amazon Prime.