„Pluribus“ hat dieses unvergleichliche Quality-TV-Feeling
Die neue TV-Erzählung von „Breaking Bad“-Erfinder Vince Gilligan schenkt Rhea Seehorn einen preisverdächtigen Auftritt – und uns DAS Serien-Highlight des Jahres.
Es ist ja nicht so, dass es keine gute Serien mehr gäbe. Jeder könnte wahrscheinlich gleich zwei oder drei aufzählen. „Dying For Sex“. „The Studio“, um nur zwei aus diesem Jahr zu nennen. Auch das Wiedererwachen von „Dexter“. Und neben „Adolescence“ gab es noch einige andere starke Mini-Serien. Aber was schon seit einigen Jahren fehlt, ist eine wirklich große Serie; eine die nicht nach wenigen Folgen auseinander fällt, sich mit Themen und Gefühlslagen wiederholt, oder, wie „The Last Of Us“, die Tücken seiner Vorlage zu bekämpfen hat.
Recht eigentlich ist das seit der letzten Folge von „Better Call Saul“ so. Die Zeit der Quality-TV-Serien scheint vorbei zu sein. Sicher, „Succession“ hatte noch dieses feine Flimmern – eine perfekte Anfangsszene, ein faszinierendes Schlussgemälde und eine der besten Serien-Folgen aller Zeiten vielleicht auch.
Aber die Tycoon-Story war schon geprägt von der Streaming-Logik der letzten Jahre. Für eine Mediensatire ging es eigentlich ziemlich wenig um den echten Alltag der Medien (weil es eben spannender ist, reichen Arschlöchern beim Herumsiechen zuzuschauen) und das Drehbuch folgt eher den gut geölten Macken seiner Figuren, als ein großes Gesellschaftspanorama zu enthüllen.
Wie eine Mischung aus „Twilight Zone“ und „The Leftovers“
Ganz anders ist es nun bei „Pluribus“ (läuft bei AppleTV+). Die neue Serie von „Breaking Bad“-Schöpfer Vince Gilligan fühlt sich endlich wieder nach großem Serienfernsehen an. Warum ist das so? Sie schenkt der hochbegabten Rhea Seehorn die Hauptrolle, die sie verdient. In „Better Call Saul“ stahl sie im Grunde jede Szene mit ihrer fast unheimlichen Präsenz. Jedes Mundwinkelzucken ist bei ihr das Spiegelbild eines Shakespeare-Dramas.
Hier muss sie eine wilde Geschichte ganz alleine tragen, die im Pilot-Film noch nach anhaltenden B-Movie-Verweisen und einer Mischung aus „Twilight Zone“ und „The Leftovers“ ausschaut.
Die Grundidee der Serie ist so genial, dass man sie als simplen Geistesblitz abtun könnte: Forscher finden ein Alien-Signal, decodieren es als eine Art chemische Verbindung, und infizieren damit nach Zusammensetzung im Labor in wahnsinniger Geschwindigkeit die ganze Menschheit.
Was für eine Pointe: Die fremden Wesen aus dem All müssen nicht einmal zu uns kommen, um uns zu treffen. Sie lösen eine Pandemie aus, welche die Menschen allerdings nicht zu aggressiven Zombies macht, sondern zu nahezu willenlosen Glückspilzen, die alle miteinander verbunden sind wie ein Wurzelgeflecht.
Klingt nicht wie etwas, mit dem man mehr als 90 Minuten füllen könnte? Genau darum geht es „Pluribus“. Der Titel der Serie verweist auf den amerikanischen Wahlspruch „E pluribus unum“. Es ist der lateinische Ausdruck für „Aus vielen eines“. Pech nur, dass Hunderte Millionen Leben beim Versuch des „Joinings“ (wie es genannt wird) draufgehen.
Nach der ersten Folge ist aber klar, dass nicht alle zu tumben Toren geworden sind. 13 Menschen konnten nicht synchronisiert werden, darunter die von Seehorn mürrisch weltabgewandt gegebene Carol Sturka. Bevor alle Menschen angefangen haben, gute Laune zu haben, schrieb sie mit schlechter Laune grottige Fantasy-Romane für liebeshungrige Frauen. Was das heißt, zeigt die erste Folge mit einer rasanten Abfolge von Fremdschammomenten. Humor ist in „Pluribus“ eine Waffe.
Der Schrecken des gleichgeschalteten Glücks
„Die traurigste Frau der Welt muss die Welt vor einem Glücksvirus retten“, soll Gilligan den Produzenten als Kurzerklärung für seine Geschichte genannt haben. Ziemlich schnell stellt sich heraus, dass die wenigen Immunen gar nichts dagegen haben, von ewig hilfsbereiten Frohsinnigen umgeben zu sein. Carol indes leidet nicht nur an dem Tod ihrer Lebensgefährtin, die auch so etwas wie ihre Managerin war, sondern muss miterleben, dass jeder Anfall von Zynismus und Wut gleich Millionen von (miteinander innerlich verbundenen) Menschen weltweit killt, die damit nicht umgehen können und zitternd in sich zusammenfallen.
Und noch einmal die Frage: Wie soll das alles mehr als ein paar Folgen tragen? Ganz langsam entfaltet sich das Schreckenspanorama. Mit jeder Folge kommen weitere Details über die absurde Lage hinzu, in der sich Carol befindet. Dabei spielt auch eine Handgranate eine Rolle, die sie zunächst für einen Witz hält, später gar eine Atombombe. Und die Unfähigkeit der benebelten, gleichgeschalteten Menschen, zu lügen, bringt die findige Autorin auf so einige Ideen. So etwa ein Gespräch, in dem sie einem Grinsemenschen entlockt, dass jede Antwort, die sie bekommt, zwar darauf ausgerichtet ist, ihr zu helfen, aber eben auch stets mit der Vorstellung verbunden bleibt, sie zufriedenzustellen. Da werden dann ihre schriftstellerischen Ergüsse kurzerhand mit Balzac und Tolstoi verglichen, um sie aus der Reserve zu locken. Das erinnert schon stark an das hörig unsere Befehle ausführende ChatGPT und Konsorten.
Man ahnt nach drei bis vier Folgen dann auch, dass es sich hier nicht um eine etwas brillanter in Szene gesetzte „Akte X“-Phantasie handelt. Stattdessen zeigt uns „Pluribus“ das Abbild einer Welt, in der die Mechanismen der Social-Media-Welt, die Omnipräsenz von Künstlicher Intelligenz und der alles Melancholische und psychisch Ambivalente tilgende Wellness-Kult unsere Gedanken verbiegen. Angesprochen wird all das nicht. Es geht nicht um eine einfache Botschaft. Schon gar nicht um moralische Fingerzeige oder das gekonnte Referenzieren von Genrevorbildern („Die Körperfresser kommen“!). „Pluribus“ ist eine große Gesellschaftssatire in Form einer Sci-Fi-Parodie, so eigenwillig erzählt wie kühn in Szene gesetzt.
Wie auch schon Gilligans Zwillingsserien „Breaking Bad“ und „Better Call Saul“ setzt sie nicht auf den Drang der Zuschauer, mit Cliffhangern gekitzelt und emotionalen Triggern umschmeichelt zu werden. Die beiden genannten Epen widersetzten sich ja genüsslich auch den Erwartungen der Kritiker, sie beschrieben mit ähnlichen Mitteln über zwei unterschiedliche Menschentypen den Einfluss von Gewalt, Gier und Größenwahn auf eine Gesellschaft, die dem Strom von Geld und Drogen nichts entgegenhalten kann. „Breaking Bad“ kontrastierte dies mit Polizeiarbeit und Einblicken in die Gangster-Unterwelt, „Better Call Saul“ war zu einem großen Teil auch eine geglückte Tiefenbeschreibungen des Anwaltsberufs.
Und das philosophisch gedachte „Pluribus“? Zeigt uns eine Autorin, die viel davon versteht, anderen ihre Gelüste zu befriedigen und eines Tages in einer schönen neuen Welt aufwacht, in der das gar nicht mehr notwendig ist. Wo immerzu Befriedigung herrscht, sind Geist und Lust nicht mehr notwendig. Macht es uns also erst zum Menschen, nach etwas zu streben, das wir eigentlich nicht erreichen können?
Neben all den Dingen, die hier wie eine clevere Gegenwartsdiagnose aufscheinen, beunruhigt am meisten, dass mit diesem Szenario auch eine Popkultur gespiegelt wird – von der Bedürfniserfüllungsliteratur bis zum Event-TV –, die mit ihren vielen verschiedenen Methoden nur noch ihre „Kunden“ zufriedenstellen will, aber keinen Anreiz mehr zur Reflexion setzen mag. Anders als die vielen Weltuntergangsprogramme der letzten Jahre ist „Pluribus“ exakt die Dystopie, die wir brauchen. Und endlich wieder echtes Quality TV!
„Pluribus“ läuft bei AppleTV+. Jede Woche gibt es eine neue Folge. Die erste Episode ist derzeit auch kostenlos bei Prime Video zu sehen.