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Review: Eddie Vedder live in Berlin – Songs per Steinschleuder


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Eddie Vedders Solo-Alben muss man mögen können, sie klingen edel und teuer, bedächtig mit eigenem sowie Fremdmaterial kompiliert, aber ihnen fehlt bisweilen der Wumms der Pearl-Jam-Platten. „Ukulele Songs“ und der Soundtrack zum Aussteiger-Drama „Into The Wild“ zeigten den Sänger als nachdenklichen bis leise verzweifelten Rauschebart, der am Lagefeuer verlorenen Lieben nachtrauert und falsche Weg-Abbiegungen bereut. Home Stories präsentierten den Musiker umrahmt von Teppichen und Sechsaitern in seinem Lieblingsdomizil auf Hawaii, wo er, wenn er sich zur Abwechslung nicht mit Surfbrett in die Wellen stürzt, auch schon mal von den Obamas besucht wird.

Auch bei seiner Solo-Tour, der ersten in Deutschland, ist er der Ukulele-Mann. Aber er hat noch mehr Instrumente dabei: Auf seiner Bühne in der Berliner Zitadelle steht eine Orgel (die er leider nicht benutzen wird), er greift zum Banjo, zur akustischen und zur E-Gitarre. Überragt wird das Bühnenbild von einer Art Heiligenschein aus schräg in alle Richtungen gesteckten Bowling-Pins, was an eine Mischung aus dem eisernen Thron von Westeros und „The Big Lebowski“ erinnert.

Streicher weisen ihm den Weg

Gelegentlich kommt das niederländische „Red Limo String Quartet“ auf die Bühne. Auch Vedder findet es reizvoll, wie so viele Rocker, Gitarre mit Cello zu paaren. Aufdringlich wird der Streicher-Sound zu keiner Zeit: Die vier Co-Musiker wissen Pausen zu setzen, „Alive“ wird zur Schönwetter-Sinfonie statt zum auf E-Musik getrimmten Hardrock-Trash.

Die zwei Konzert-Stunden verdeutlichen, wie gut viele Pearl-Jam-Songs in reduzierten Versionen sind, wie gut Vedders Solo-Songs live sind, und wie gut er seine Coverstücke auswählt. Seine manchmal pathetischen Studioversionen pustet er damit weg. Lustigerweise sind etliche der Lieder eben nicht leiser, nur weil Bandkollegen und aufwendigere elektrische Verstärkung fehlen. „Porch“ hat dieselbe Power wie mit Pearl Jam, „Wishlist“ und „Lukin“ auch, „Unthought Known“ unter den neuen PJ-Songs der einzige mit dem Potential zum Klassiker, erhält durch Vedders akzentuiert geschlagene Bassdrum den Punch. „Die E-Gitarre“, sagt Vedder, „ist mein Cadillac“. Dann zeigt er auf die Ukulele: „Das ist mein Volkswagen. Ein schneller Volkswagen.“

Pearl Jam
Vedder 2016 beim Bonaroo Music Festival

Der kürzliche Tod von Seattle-Freund Chris Cornell hat Vedder jedoch in tiefen Kummer gestürzt, und Songs wie „Immortality“ zielen in dessen Richtung. „Off He Goes“ ebenso, auch wenn das 1996er-Stück ursprünglich von Vedder selbst handelte. Auf der Platte ein eher gemächlich reitender Sechseinhalbminüter, entreißt der Sänger es seines Rhythmusses, zieht das Tempo an, nimmt Abkürzungen. Mutig und groß. Danach erst einmal Stille.

No Pictures, Please!

Überhaupt, Stille: Das Publikum in der Freiluft-Stätte kommt der Bitte von Musiker und Veranstalter weitestgehend nach, auf bestimmte Verhaltensweisen zu verzichten. Kuriose Momente entstehen, wenn das lauteste vernehmbare Geräusch dann die Stiefeltritte von Eddie Vedder sind, während er vom Mikro zum Instrument stapft. Fotografiert, geschweige denn gefilmt werden darf nicht, da ist Eddie Vedder ganz Keith Jarrett, und eine im Arztkittel gewandete Ansagerin erklärt vor Beginn, dass jeder, der sich nicht an die Regel hält, nicht nur das Missfallen des Musikers auf sich zieht – sondern vom Areal geschmissen wird (ROLLING STONE hat auch noch keine offiziellen Konzertfotos vom Abend).

Erstaunlicherweise lockert diese Vorgabe die Zuschauer sogar noch auf. Zur Sicherheit hat Vedder allerdings eine Steinschleuder mitgebracht, mit der er gelegentlich ins Publikum zielt. Allgemeine Heiterkeit, vielleicht auch ein ironischer Verweis darauf, dass der Sänger zu Krisenzeiten von Pearl Jam Mitte der 1990er-Jahre jene Fans, die von ihm zu viel erwarteten, fast schon als Gegner betrachtete.

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Vedder mag die Stadt („28 mal in Deutschland, elf mal in Berlin!“). Bei seinen letzten Besuchen schwärmte er, sei es in der Wuhlheide oder der O2-Arena, immer wieder vom hiesigen, weltweit einzigartigen Ramones-Museum. Diesmal lobt er vor allem seinen Auftrittsort: Die Zitadelle sei ein tolles „16th Century Fortress“, und klar, er reißt Bowies Mauer-Song „Heroes“ an und spielt, als Premiere, das R.E.M.-Stück „It Happened Today“, das die Band in den Hansa-Studios aufnahm. Hinter all den Cover-Songs darf man Häkchen setzen, weil Vedder sie gleichzeitig ehren wie sich einverleiben kann.

Eddie Vedder erzählt in seinen Liedern Geschichten wie die der Vorbilder Neil Young und Bob Dylan, er erzählt von Krieg, Armut, Drogen, Protest, und deren Material führt er auch an diesem Abend auf: „The Needle and the Damage done“, „Rockin’ In The Free World“, „Masters Of War“. Weil der Sänger aber im Grunge-Umfeld der frühen Neunziger groß und diese Musikrichtung von vielen Kritikern nie wirklich geschätzt wurde, hat er es auch mit 52 oft noch schwer als Singer-Songwriter anerkannt zu werden.

Das ist ein wenig ungerecht. Unabhängig davon, dass Pearl Jam eine der besten Livebands unserer Tage ist: Wer Vedder solo sieht, sehnt nicht eine Minute dessen Bandkollegen herbei.

Josh Brasted WireImage

Die meistunterschätzten Alben aller Zeiten: Pearl Jam - „No Code“

Nicht schnell genug, nicht hymnisch genug. Aber vor allem: An die Stelle Grunge­typischer Nöte (Süchte, Missbrauch durch die Eltern, Unverstandensein) rückte eine fast schon meditative Betrachtung der Existenz. – „He’s alive but feels absolutely nothing/ So is he?“ Der Folk von „Who You Are“, der Identitätsproblemen einen versöhnlichen Ton entgegensetzt, war ihre erste lebensbejahende Single –und das nach vier Alben in sechs Jahren. Kritiker fanden das Album „inter­essant“, freundlich für „geht so“. Pearl Jam schauten mit „No Code“ bewusst nach vorn Und es ging mit einem drastischen Bedeutungsschwund bei Fans und jungen Erwachsenen einher. Sie vermissten Bodenhaftung bei Eddie Vedder,…
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