Kritik: „Dawn of the Dead“ – Limited Edition



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Seit einigen Jahren gibt es in den USA Abenteuer-Führungen durch aufgegebene Shopping Malls. Die einstigen, abbruchreifen Einkaufsparadiese sehen so geisterhaft aus, als stünden sie in der ukrainischen Atomstadt Prypjat. Sie verwaisen, weil die Leute durch den Siegeszug des Online-Shoppings zunehmend von Zuhause aus einkaufen. Das war ja nicht immer so. Früher gab es Mallrats, und die liebten ihre Mall – manche vielleicht über den Tod hinaus.

Daran erinnerte auch George A. Romero 1978 mit seinem zweiten Untoten-Epos „Dawn of the Dead“, den hierzulande übrigens ein euphorischer Bernd Eichinger und die Neue Constantin Film vertrieben. Romero konzipierte das Werk als Kapitalismuskritik und führte seine linkspolitische Linie fort. Sein erstes, „Night Of The Living Dead“ von 1968, war eine Allegorie auf den Vietnamkrieg, mit den Ghulen als rachsüchtige Wiederkehrer gefallener G.Is. Dass am Ende ausgerechnet der Überlebende des Zombie-Angriffs, ein Afro-Amerikaner, von patrouillierenden Rednecks für einen Untoten gehalten und erschossen wird, war ein Verweis auf Rassismus in der US-Gesellschaft.

Hier aber verhalten sich die Monster wirklich wie Menschen. Mit dummer Miene schlurfen sie in der – damals keineswegs abgeranzten – Pittsburgher Monroeville Mall von Schaufenster zu Schaufenster. „Sie fühlen sich dorthin hingezogen, wo es sie an ihr altes Leben erinnert“, befindet der Soldat Peter (Ken Foree). Mit seinem Partner Roger (Scott H. Reiniger), dem Piloten Stephen (David Emge) und dessen Frau Fran (Gaylen Ross) macht er sich nach Ausbruch der Apokalypse daran, die Untoten aus dem Kaufhaus zu vertreiben und es zum Prepper-Idyll umzufunktionieren.

Gute Zombiefilme schildern nicht den Krieg zwischen Menschen und Zombies, sondern den zwischen Menschen und Menschen, die nach dem Zivilisationskollaps ihr Zusammenleben verhandeln müssen. Und die Mall mit den Gratis-Angeboten verändert ihre Persönlichkeiten. Der jetzt reiche SWAT-Kämpfer kostümiert sich als Großwildjäger im Pelzmantel, die Journalistin als Model. Der Wohlstand macht sie blind gegenüber einer neuen Gefahr: Andere Überlebende observieren das Quartett von draußen, und die wollen ihren Teil des Kuchens abhaben. Es ist dieser ewige Streit um Leadership unter den Lebenden, der wie immer jene entscheidende Unachtsamkeit hervorbringt, die der lahme, ausgesperrte und damit vermeintlich ungefährliche Zombie letztlich zu seinem Vorteil nutzt – und das Paradies zurückerobert.

Kein „ultimativer Cut“

Die „Limited Edition“ wartet mit vier Blu-rays und drei CDs auf. Die hitzigen Foren-Diskussionen über verschiedene „Dawn“-Schnittfassungen sind natürlich der Stoff, aus dem Legenden sind. Ja, die auf Bootlegs als „ultimativer“, längster Cut beworbene Version, mit aus allen Ecken gekramten, sämtlichen verfügbaren Schnipseln (selbst mit solchen nur aus Trailern!) wurde auch hierfür nicht angefertigt. Aber die drei essentiellen Bearbeitungen sind da. Der „Cannes Cut“, der „Theatrical Cut“ sowie der actionbetonte, europäische „Argento Cut“ des Giallo-Regisseurs Dario Argento. Der besorgte auch den mit Stöhngeräuschen („Zombi Sexy“) aufgepeppten Soundtrack der Progrocker Goblin; hier ebenso enthalten wie jener Score fürs US-Kino, entnommen der gigantischen „De Wolfe“-Musikbibliothek.

Einige der zehn Dokumentationen, wie „Document of the Dead“, sind altbewährt. Ebenso die Top-Besetzung der Audiokommentare mit allen Hauptdarstellern, Produzent Richard P. Rubinstein und dem später verstorbenen Romero. Es ist Maskenbild-Pionier Tom Savini, der das Ruder bei den neu hergestellten Berichten übernommen hat und aufregend wie kein anderer erklären kann, wie explodierende Köpfe hergestellt werden. Im Film spielt er einen der Neonazi-Biker, die das Shopping-Center am Ende aufmischen und „Dawn“ zu einem blutigen Pulp-Film machen. Savini lernte sein Handwerk in Vietnam, er war Kriegsfotograf und lichtete irgendwann nur noch Leichen ab. Die Inspiration für grausame Darstellungen lieferte also das echte Leben; auch Savini nutzte nach Vietnam das Kino, um die Konsequenzen absurder Interventionspolitik abzubilden.


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