Highlight: Sylvester Stallone: Alle „Rocky“- und „Rambo“-Filme im Sterne-Ranking

Depeche Mode 25 Jahre „Songs of Faith and Devotion“


Er trug jetzt lange Haare, lebte zwölf Jahre nach Karrierebeginn seinen Rockertraum aus der Jugend, liebte den „Moonage Daydream“ und Jane’s Addiction, aber Dave Gahan wusste auch, dass an den Fans seinen Wandel behutsam verkaufen musste. Er hatte, wie er sang, reine Gedanken – sie waren nicht unreif: „If you see purity as immaturity / Well, it’s no surprise / For kindness, you substitute blindness /Please open your eyes“. Leute, macht die Augen auf – dies sind Depeche Mode 1993.

Gahan wollte den dazugehörigen Song, „Condemnation“, als Vorabsingle für „Songs Of Faith And Devotion“ durchboxen, was für die Band einer Revolution gleichgekommen wäre. Das Lied war ein Gospel und marschierte zeremoniell, getragen vor sich hin.

Als der 30-Jährige zu Beginn der Aufnahmen ins Studio marschiert war, blieb den anderen aber erst einmal die Luft weg. Gahan trug lange Haare und einen Bart, sein Umzug nach Los Angeles und Abhängen am Sunset Strip zeigten Wirkung. Der Brite hatte die Klänge der Westküste, die von Seattle ihren Weg dorthin fanden, aufgesogen. Nur die weiße Jeans, die ließ Gahan sich noch nicht abgewöhnen.

Dabei kam das neue Image Depeche Mode nicht ungelegen. Martin Gore entwickelte die Band stetig weiter, ab „Black Celebration“ von 1986 zelebrierten die Vier eine Art Biker-Image, Popper im Rock’n’Roll-Look, trugen Wayfarer und ließen sich von Petticoat-Girls schmücken. „Violator“ von 1990 hatte den ersten brutalen Plattentitel und entstand unter Partydrogen-Einfluss. Das mit dem „Mehr Gitarren“, dazu noch Alan Wilder an den Drums, war für Gore der nächste Schritt.

Nur bei „Condemnation“ als erstes neues Lebenszeichen legte der Band-Denker sein Veto ein. Mit „I Feel You“ als Vorab-Auskopplung führten Depeche Mode dann den Triumphzug ihrer Energiebatzen – „Never Let me Down Again“, „Personal Jesus“ – fort. Die simple Blues-Gitarre, deren monotones Spiel allein schon fast wie Onanie aussah, erhielt im Refrain mit Gahans gespucktem „By and By“ sowie Gores „Ah, Ahh, Ahhh!“-Backgroundgesang das kongenialste Zusammenspiel der beiden Musiker, hands down.

Vor allem Gores illustrierte damit ein glorreiches Gefühl: wie die Vertonung einer sich langsam öffnenden Truhe voller Gold (es ist schade, dass er in Live-Versionen von „I Feel You“ diese Chorstimme nie reproduziert hat). Im Schwarzweiß-Video von Anton Corbijn marschierten Depeche Mode durch Geröll, ein leerer Schaukelstuhl wackelte wie von Geisterhand, und die „Krull“-Schauspielerin Lysette Anthony bezirzte die Kamera. „I Feel You“ war die Geburt Dave Gahans als Schamane, wie er die Rolle bis heute inszeniert. Und zum ersten Mal ließ er völlig vergessen, dass er Texte eines anderen sang.

In den Linernotes des „Songs Of Faith And Devotion“-Reissues von 2006 beklagte Produzent Flood, dass zu wenig Zeit für Polituren zur Verfügung gestanden hätte. Für die Hörer aber klang die Platte vollkommen. Allein, was Flood und Alan Wilder aus dem (Jahre später veröffentlichten) Gore-Demo von „I Feel You“ herausgeholt haben. Die Seele des Stücks ist in der Rohfassung zwar zu erkennen, der Sound aber erinnerte an die schmalen Skizzen der „Sounds Of The Universe“-Demos von 2009, die in fertiger Produktion wenig besser klangen.

Die Streicher von „One Caress“ bewiesen auf dem Album noch jenes orchestrale Volumen, die die Arrangements ab dem Nachfolger „Ultra“ von 1997 vermissen ließen. Tim Simenon, der „Ultra“ einrichtete, verwendete etwa in „Home“ den Bristol-Sound, bei dem Geiger klingen wie aus dem Keyboard.

„Songs Of Faith and Devotion“ wurde mehr Rock als Synthiepop, natürlich ein Triumph, wenn auch beim Publikum (Platz eins in den USA und im UK) noch mehr als bei Kritikern. Dave Gahan, nun ein Heroin-Junkie, trieb die Kollegen bei der Welttournee bis zum Nervenzusammenbruch.

Alan Wilder verließ die Band 1995, und die Musiker sollten bis heute kein so bedeutsames Album mehr veröffentlichen. Womöglich ging mit Wilder eben nicht das dritt-, sondern das zweitwichtigste Mitglied von Depeche Mode.

Am 22. März 1993 erblickte dieses achte Studioalbum das Licht der Welt. Die vier Singles, „I Feel You“, „Walking In My Shoes“, „Condemnation“ und „In Your Room“, standen auf den sicheren, etablierten Album-Songpositionen eins, zwei, drei und sechs. Alle Welt war bereit für die große Überraschung.

Depeche Mode :: 20 Jahre „Ultra“


ÄHNLICHE KRITIKEN

Kritik „Once Upon a Time in Hollywood“: Warum bloß kopiert Tarantino sich selbst?

Quentin Tarantino widmet sich dem „Old Hollywood“, das Ende der 1960er-Jahre dem Untergang geweiht war. Mit seiner kreativen Neuerzählung steht...

Depeche Mode :: Black Celebration/ Music For The Masses – The 12″ Singles

Depeche Mode entdecken ­Western, Klassik und House

Elton-John-Film „Rocketman“ :: Sex, Drugs und Glamour

Der Film von Dexter Fletcher beleuchtet in einem ekstatischen Hybrid aus Musical und Biopic den Aufstieg Johns vom schüchternen Middlesex-Knaben...


ÄHNLICHE ARTIKEL

Depeche Mode, Kraftwerk, Motörhead: Nominiert für die Rock and Roll Hall of Fame

16 Nominierte gibt es dieses Jahr – und Depeche Mode sind gar zum dritten Mal in Folge nominiert. Haben sie 2020 Glück?

Depeche Mode – „Mode“: alle Infos zur 260-Euro-Box

Die Katze ist aus dem Sack: alle Infos zur Prachtbox „Mode“ von Depeche Mode, die alle Studioalben plus Extras versammelt.

Im Video: 500 Musiker spielen Depeche Modes „Personal Jesus“

500 Musikfans spielen einen der größten Hits von Depeche Mode beim „City Rocks Festival“ in Ungarn.


Depeche Mode, Kraftwerk, Motörhead: Nominiert für die Rock and Roll Hall of Fame

16 Künstler/innen und Bands sind für die Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame 2020 nominiert worden. Darunter Depeche Mode, Kraftwerk, Motörhead, T. Rex und Whitney Houston. Im Januar werden die Gewinner verkündet, am 02. Mai erfolgt die Zeremonie. Jeder Musiker, der vor mindestens 25 Jahren sein Debüt herausgebracht hat, kann für die Nominierungsliste zugelassen werden. Neben einem Gremium können auch Fans über die Sieger abstimmen. Vielleicht kommen diesmal ja gerade für Depeche Mode genügend Stimmen zusammen – die Band ist nach 2017 und 2018 zum dritten Mal in Folge nominiert. Alle Nominierten für die Rock and Roll…
Weiterlesen
Zur Startseite