Neue Podcast-Folge: „Die Streifenpolizei“ über die Favoriten der Oscar-Verleihung

John Fante Little Italy


Nach jahrzehntelanger künstlerisch frustrierender, allerdings einträglicher Hollywood-Lohnschreiberei hatte die literarische Öffentlichkeit John Fante schon so gut wie vergessen. Aber dann zerrte ihn Bukowski Ende der 70er-Jahre aus der Versenkung hervor und bescherte ihm damit kurz vor seinem Tod noch eine hübsche Renaissance. Den verdienten Nachruhm gab’s obendrauf. Diese hierzulande bisher umfangreichste Sammlung seiner Short Storys dokumentiert vornehmlich die 30er-Jahre, seine stärkste Werkphase, die 1939 in seinem Meisterstück „Ask The Dust“ kulminiert. Man ahnt, was der dreckige alte Mann an ihm mochte. Auch Fante hat die Außenseiter und Randständigen im Blick. Bei ihm sind es die italienischen Einwanderer, die armen, streng katholischen, noch nicht richtig assimilierten Dagos, Greasers und Wops, die an einem Minderwertigkeitskomplex laborieren, den sie mit großer Fresse, Fäusten und forciertem Machogehabe kompensieren müssen. Der Titel „Littly Italy“ ist mehrdeutig. Fante lässt seine eigene Kindheit in Colorado wiederauferstehen. Die Erzähler sind kleine Jungs, die sich nur wundern können über die geduldige Unterwürfigkeit der sich zuschanden arbeitenden Mütter, über die lauten, autoritären, latent gewalttätigen Väter – und die ständig fürchten müssen, zur Hölle zu fahren, weil der katholische Tugendterror auch die letzten Freiräume ihres Alltag durchdringt. Die kleinen Rebellionen, die sie trotzdem anzetteln und die ihnen neben Dresche immer auch bitterliche Gewissensbisse einbringen, sind in diesem repressiven System keine Kleinigkeit – sie erfordern echten Heldenmut. Fante ist ein großartiger Ethnograf seines Milieus, der unter der kruden plebejischen Schroffheit noch einen Glutkern von Zärtlichkeit ausmachen kann. „Ich habe das tapfer wie ein Mann ertragen“, erzählt einer von Fantes juvenilen Helden über seine letzte Prügelstrafe. „Der Grund war einfach, ich wusste, dass er mein Vater war und mit der Prügelei aufhören würde, bevor er mir zu wehtat. Er sagte immer wieder, er würde mich totschlagen, aber er war mein Vater und konnte mich mit solchem Zeug nicht erschrecken.“ (Maro, 20 Euro)


Anna Calvi live in Berlin: Nennt es „The Anna Calvi Experience“

Die Gitarre wirkt an der sylphidenhaften Erscheinung in scharlachrot wie ein gigantischer Vorschlaghammer, dessen Wucht vom ersten Ton an die Luft im ausverkauften Berliner Astra wabern lässt. Kontrolle bedeutet Macht, dessen ist sich Anna Calvi bewusst. Die wird sie an diesem Abend auch nicht mehr abgeben. „I opened the door wide / I wanted to survive“, so formuliert sie ihren natürlichen Überlebensinstinkt im männlich dominierten Revier der mit E-Gitarren-bewaffneter Jäger. Die Bühne ist eingehüllt in weiße, rote und schwarze Nebelwolken, die sich zu einem dunkelgrauen, unheilvollen Dunst vermengen. Wie der Nebel selbst gleitet Calvi mit ihrer Telecaster hauchzart vom Opener…
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