Manfred Maurenbrecher „CBS-Jahre“


Reptiphon (VÖ: 2.12.)


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Wie ein Berliner Germanist, der Songs schreibt, nicht Bibliothekar wird, sondern im Windschatten von Jim Rakete und Spliff einen Plattenvertrag bei CBS bekommt – das ist eine der merkwürdigsten Musikgeschichten der 80er-Jahre. Und Manfred Maurenbrecher hat sie aufgeschrieben in seinen gescheiten Erinnerungen „Der Rest ist Mut“. Jetzt endlich gibt es die fünf Alben, die Maurenbrecher bei CBS veröffentlichte, in einer Box (drei Alben erstmals auf CD). Es sind die schönsten Platten der Welt darunter. „MaurenBrecher“, das Debüt von 1982, ist vielleicht noch etwas zu sehr von den Couplet-Abenden in Berliner Cafés geprägt.

Es sind die schönsten Platten der Welt

„Feueralarm“ (1983) ist eine stupende Verbindung von literarischen Texten, Kabarett, Leonard Cohen’scher Dramatik und Randy Newman’schem Sarkasmus. Die Verlorenheit von „Hafencafé“, die Synthesizer-Romantik in „Bingerbrück“, wunderbare Vignetten wie „Die Spinne“, „Die linke Hand“ und „Mami Mutti Muschi“ waren vollkommen verquer in der Zeit von Nena, die damals in der Fabrik von Jim Rakete arbeitete – Maurenbrecher beschreibt in einem hinreißenden Text den Tag, als „Nur geträumt“ aus allen Radios tönte.

Maurenbrecher war neben Heinz Rudolf Kunze der beste Chronist des studentischen und intellektuellen Milieus, das über sich selbst nachdachte: „die sogenannten Beziehungsgespräche“, die konnte er, und sogar Hubert Kah kommt vor: „Ich hab nichts gegen Hubert Kah, aber bitte stell es leiser.“ „Viel zu schön“ von 1985 ist wohl Maurenbrechers schönste Platte. Aber „Schneller leben“ (1986) und „Nichts wird sein wie vorher“ (1989, ) sind nun wieder oder überhaupt zu entdecken. Im Archiv hat der Künstler einige Aufnahmen gefunden, die auf einer separaten CD versammelt sind. Maurenbrecher verfuhr dabei nach einem probaten Prinzip: Er wählte das aus, was ihm gefiel. Wer wissen möchte, wie die 80er-Jahre sich auch anfühlten, der muss diese Platten hören.


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