Rush „Moving Pictures“


UMe/Mercury (VÖ: 15.4.)


von

Immer wenn moniert wird, der Arena-Rock sei zu seinen Hochzeiten seelenlos und durchkalkuliert gewesen, muss dieses Album ausgeklammert werden. Am Ende der Promotour zu „Permanent Waves“ ließen sich Geddy Lee und Alex Lifeson von der kreativen Euphorie ihres Schlagzeugers anstecken und begannen umgehend mit den Arbeiten am nächsten Werk, das den eingeschlagenen Kurs mit radiofreundlicheren Songs und zeitgenössischeren Sounds perfektionieren sollte. Eine Stadionhymne trotz komplizierter Rhythmuswechsel? „Limelight“ und Neil Peart machten es möglich. Eine Chartsingle mit literarischem Background? Wie wäre es mit „Tom Sawyer“? Und wer hatte schon ein Instrumental inklusive Tritonus zu bieten, das die IATA-Kennung des Heimatflughafens verarbeitete („YYZ“)?

Mit ihrer musikalischen Finesse gingen Rush nicht hausieren

Mit ihrer musikalischen Finesse gingen Rush nicht hausieren. Auch ihre Cleverness und Intelligenz waren von eher subtiler Art. Was dazu führte, dass man Headbanger und Mitgröler sowie Taktzähler und andere Feingeister Schulter an Schulter in der ersten Reihe finden konnte. Im Gegensatz zu den Kollegen von Yes oder Genesis hielt die Gefolgschaft der frühen Prog-Rock-Jahre der Band auch in ihrer kommerziell erfolgreichsten Phase unbeirrt die Treue. Und für diejenigen, die den einst für unverzichtbar gehaltenen überlangen Klangkonstrukten nachtrauerten, gab es mit „The Camera Eye“ ein letztes Trostpflaster.

Rushs „40th Anniversary“-Reihe wird nun mit „Moving Pictures“ in sechs verschiedenen Konfigurationen (zwei davon digital) fortgeführt. Alle setzen auf das bewährte Remastering von 2015 und den meisten wurden 19 bislang unveröffentlichte fulminante Live-Tracks (Toronto 1981) als Bonus spendiert. Diese sind auch Bestandteil der höherwertigen Vinyl-Versionen. Auf die üblichen Farbspielereien wird verzichtet. Nicht aber auf allerlei Devotionalien für den ambitionierten Sammler, prächtige Booklets und ein neu interpretiertes Cover-Artwork von Hugh Syme.

Autor: Ronald Born


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