Highlight: Stephen King: Die besten Bücher – Plätze 30-21

Stephen King Das Institut


Es scheint Stephen King nur noch schwer möglich zu sein, einen Roman ohne direkte politische Anspielung auf das Amerika unter Trump zu schreiben. Schon vor dessen Amtsantritt hatte er ja über den verrückten Millionär philosophiert („Under The Dome“), aber seit der ins Weiße Haus eingezogen ist, arbeitet King sich an ihm unermüdlich ab. Manchmal wünscht man sich die einfachen Zeiten zurück, in denen Kings Romane einfach nur Horror-Geschichten waren, ohne Bemühung, die Zeichen der Zeit zu beschreiben: „Pet Sematary“, „Shining“ …

Nun auch im „Institut“. Telekinetisch und telepathisch begabte Kinder werden entführt und in den Wäldern Maines im „Institut“, einem Geheimbau der Regierung, gefangen gehalten. Mit ihren Kräften soll der Weltfrieden gewahrt werden, indem die Kids böse Staatenlenker, Terroristen oder Religionsfanatiker Kraft der Gedanken aus der Distanz ausschalten.

Im Zuge des King-Revivals und der Referenzen an dessen Werk in der immens populären „Stranger Things“-Serie war davon auszugehen, dass nun auch beim Meister coole Zauber-Kids mit markigen Sprüchen für klare Verhältnisse sorgen würden. Aber das ist in diesem Buch nicht der Fall. Die Prozesse sind derart kräftezehrend, dass die Kinder am Ende, dann nur noch „Rüben“ genannt, vor sich hinvegetieren – bis ihre Leichen in einem Krematorium verbrannt werden. Sie werden, verdreckt, nackt, auf Matratzen in einer Halle gehalten – hier standen die „Auffanglager“ an der texanischen Grenze zu Mexiko Pate, wo die kleinen Migranten in Trumps Amerika von ihren Eltern getrennt, verdreckt, nackt, auf Matratzen in einer Halle gehalten werden.

Moralisches Dilemma

Das „Institut“ skizziert zumindest ein moralisches Dilemma: Dürfen, sollten einige wenige Menschen sterben, damit das Wohl der Menschheit gewahrt bleibt? Die Betreiber der Einrichtung, allesamt Ex-Spitzenkräfte aus Militär und Geheimdiensten, sprechen von einem „Gleichgewicht des Schreckens“, einer Art Tauschhandel: Durch den Mord an ein paar Kindern werde die Menschheit davon abgehalten sich selbst auszurotten.

Die Geschichte wäre jedoch um einige Klassen mutiger, brisanter und realistischer geworden, hätte Stephen King sich getraut diese Ambiguität, das Nichtwissenkönnen, ob der Tod der Kinder wirklich der größeren Sache dient, bis zum Ende aufrechtzuerhalten. Stattdessen fährt er auf den letzten Seiten schwere Geschütze auf um die Instituts-Schergen als größenwahnsinnig darzustellen.

Haben Sie schon mal von der Bernoulli-Verteilung gehört? Der Autor dieser Zeilen muss zugeben, dass er diese Verteilung nicht kannte. King erwähnt nun dessen fundamentale Bedeutung. Ich musste nachschlagen, es gibt sie wirklich, diese Verteilung. Aber das ist nicht der eigentliche Punkt, der Grund dafür, warum King der Mut verlassen hat.

Der Punkt ist, dass es fußlahm bis arg konstruiert wirkt, wenn sich auf den letzten Metern mittels, ich nenne es jetzt einfach mal: Matheformeln mit tollen Namen, die Argumentationen der Bad Guys in Rauch auflösen sollen. Vereinfacht gesagt: Die Bernoulli-Verteilung soll erklären, dass das Institut auch falsch liegen kann – da es nur zwei Ausgänge für Zufallsereignisse geben könne; zum Beispiel „Kopf“ oder „Zahl“ beim Werfen einer Münze. Noch einfach gesagt: Man hätte nicht mit Gewissheit sagen können, dass die ihrer Lebenskräfte beraubten Kinder für einen „guten Zweck“ gestorben sind, nur weil die Instituts-Mörder per Fifty-Fifty-Chance richtig liegen können.

Bisweilen liest es sich so, als wäre die erwachsene Figur des Tim Jamieson, ein aufrechter Ex-Cop, nur ins Spiel gebracht worden, um die Macht des Zufalls zu demonstrieren: Er rettet den kleinen, geflohenen Luke. Aber das nur, weil er in den Wochen und Monaten zuvor spontane Entscheidungen getroffen hat. Er verlässt freiwillig ein überbuchtes Flugzeug, er lässt sich per Anhalter mitnehmen, die ihn in die Stadt DuPray führen, wo der der telepathisch begabte Flüchtling am Ende eben auch landet. Seht hier, scheint King zu sagen: Was auch immer die vom „Institut“ euch weismachen wollen, es hätte eben auch ganz anders kommen können.

„Wer bei klarem Verstand ist, opfert auf dem Altar der Wahrscheinlichkeit keine Kinder, das hat mit Wissenschaft nichts zu tun“, werfen die Helden dem Chef der Entführerbande entgehen. Sie halten ihm Bernoulli entgegen. Dagegen lässt sich nichts sagen – aber es bleibt der beunruhigende Gedanke, dass viele der Geheimdienstler Überzeugungstäter sind, die wirklich glauben für das Gute zu kämpfen. Und von eben diesem daraus resultierenden, moralischen Dilemma kann man sich schwerer frei machen, als es sich liest.

Mengele und Vietnam

„Das Institut“ ist einer jener King-Wälzer, wie eben „Under The Dome“ oder auch „Sleeping Beauties“, die nur so vor Vergleichen strotzen: My Lai, der Vietnamkrieg; die „Rüben“ werden zu afro-amerikanischen Sklaven in Beziehung gesetzt; die angedrohte Vergasung der rebellierenden Kinder ist die „Endlösung“, der Instituts-Arzt ein Josef Mengele; die beschönigend als „erweiterte Verhörmethode“ gekennzeichnete Folter wurde aus dem Irak-Krieg mitgebracht; ein Präsident wie Donald Trump, der droht den roten Knopf zu drücken, sei ja selbst, wie die Instituts-Insassen, ein Kind usw.

Das sind wenig subtile Allegorien, aber dem Thema Massenmord an Kindern angemessen. Ärgerlicher ist da schon die Erzählmethode, die geheime Geschichte des „Institut“ nicht, wie es sich gehört, durch die Hauptfigur Luke aufdecken zu lassen, sondern per an ihn gerichteten Vortrag, einer Videoaufnahme der Putzhilfe Maureen. Sie berichtet ihm alles, von A-Z, jedes Mysterium wird erhellt. Wenn dahinter nicht Faulheit Kings steckt, so ist das dennoch ein No-Go beim Versuch eine gute Geschichte zu konstruieren.

Es sind zwei andere Aspekte, die das „Institut“ zwar nicht mehr zu einem guten, aber zumindest ordentlichen Roman machen. Die Story des Flüchtlings Luke wird die des Hobos: Unterm Zaun durchgekrochen, durch den Wald geirrt, auf einem Boot auf dem Fluß getrieben, und dann heimlich in den Güterwagen, die Ostküste entlang. Es ist die sehr amerikanische Geschichte des Entdeckers.

Von ähnlicher Kraft sind die Coming-of-Age-Momente der traumatisierten jungen Gefangenen. Den Eltern entrissen, müssen sie schnell erwachsen werden. Fremde Menschen misshandeln sie. „Die Ohrfeige war richtig schlimm gewesen. Aus vielerlei Gründen.“ Solche Sätze sitzen, weil sie die sprachliche Ohnmacht der Kinder Ausdruck verleihen. „Unerschütterliche Annahmen“ über Erwachsene fliegen in Stücke, „zum Beispiel, dass sie nett zu einem waren, wenn man nett zu ihnen war.“

Aber es ist ja nicht so, dass diese pubertierenden Kids unter ihren Fähigkeiten ausschließlich leiden würden. In dem Alter, wo Getuschel und Gerüchte zum Lebensinhalt gehören, haben sie den normalen Kindern etwas voraus: Man telepathiert eben nicht mit jedem. Das ist Insider-Kommunikation. Diese Kleinen können dann, zumindest nach außen hin, recht cool wirken.


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Follow @sassanniasseri Stephen King – Das Ranking Plätze 81-71 Plätze 70-61 Plätze 60-51 Plätze 50-41 Plätze 40-31 Plätze 30-21 Plätze 20-11 Plätze 10-01 10. The Long Walk (1979, deutsch „Todesmarsch“, als Richard Bachman)★★★★½ Das erste von King verfasste Buch, 1966 begonnen, ist auch einer der besten seiner „Bachman-Romane“. In einer diktatorischen Zukunftsgesellschaft Amerikas können Teenager am „langen Marsch teilnehmen“. Wer als Längster durchhält, bekommt bis an sein Lebensende alles, was er sich wünscht. Die anderen: werden erschossen, von den am Straßenrand sie begleitenden, motorisierten Soldaten. Falls die Kids nicht vorher schon vor Erschöpfung sterben – denn Pausen sind nicht erlaubt…
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