Stephen King: die besten Bücher – Plätze 60 bis 51


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Stephen King – Das Ranking

60. Finder’s Keepers (2015, deutsch: „Finderlohn“) ★★★

Der zweite „Bill-Hodges-Roman“ ist eine „Liebeserklärung an die Literatur“, spiegelt aber auch die Angst Kings wider, dass Fans zu Fanatikern werden könnten. „Finder’s Keepers“ ähnelt daher „Misery“. Hier aber wandert, im Gegensatz zu „Misery“, der irre Fan erstmal ins Gefängnis – und der Autor wird ermordet. Beide, Annie Wilkes aus „Misery“, wie dieser Bubikopf Morris Bellamy, sind Psychopathen.

Obwohl der „Finderlohn“ nahezu dieselbe Belegschaft wie aus dem ersten Hodges-Roman auffährt, „Mr. Mercedes“, stürzt sich der Privatdetektiv in ein neues Abenteuer. Diesmal will er eben jenen Bücherliebhaber stoppen, der sein Idol einst ermordete. Morris Bellamy war mit der Entwicklung einer Figur nicht einverstanden und erschießt den Schriftsteller John Rothstein (der Name dürfte an Philip Roth angelehnt sein). Er stiehlt Notizbücher mit unfertigen Geschichten, vergräbt sie – und wandert wegen eines anderen Verbrechens ins Gefängnis. Ein Junge namens Pete Sauber entdeckt Jahrzehnte später die Schriften und erkennt, welchen Schatz er da ausgebuddelt haben könnte.

Was ist Literatur wert?

So ist „Finder’s Keepers“ auch eine Story über den Wert der Literatur, nicht nur dem geistigen Wert, sondern eben auch dem monetären. Pete liebt Bücher, aber seine Familie – sein Vater wurde einst vom Mercedes-Killer“ schwer verletzt – braucht das Geld. Der Junge bilanziert, was wichtiger ist: der unentdeckte Schatz eines großen verstorbenen Schriftstellers oder das Überleben in prekären Situationen. Die Geschichte ist derart gut, dass die eigentliche Hauptfigur, der pensionierte Cop Bill Hodges, erst spät ins Spiel kommen braucht.

Der Junge und der Mörder sind sich dabei nicht unähnlich. In der finalen Konfrontation geht es darum, ob das Leben seiner Familie gegen die Notizbücher eingetauscht werden kann. Pete hält ein Feuerzeug über die tausenden Seiten Papier. Dass der eine verbrennen wird, weil er die Literatur retten will, ist ein Bekenntnis Kings zum Wert der Wörter. Es gibt, in dieser dramatischen Situation, gar einen Schlenker zur „Spoiler!“-Kultur (später auch  das gewohnt harte Urteil über Hemingway).

Dazu streut King Bewertungen des Literaturbetriebs ein, betont die Großen (Graham Greene) und die, die nicht mehr recht im Bewusstsein sind (W. Somerset Maugham). „Ich habe ihn nicht wegen Geld umgebracht!“, sondern: „Weil er seine Ideale verraten hat!“, sagt der Killer. Das Werk hatte sich in eine andere Richtung entwickelt, und es war wichtiger als der Autor.

59. Charlie The Choo-Choo (2016)★★★

Das erste Kinderbuch seiner Karriere – nicht, dass eines überhaupt erwartet worden wäre – veröffentlichte King mit 69. Unter dem Pseudonym Beryl Evans erzählt er auf 24 bebilderten Seiten die Geschichte des Zugs Charlie The Choo-Choo (auf Deutsch wurde das Werk noch nicht übersetzt), den Leser aus dem „Dunkle Turm“-Zyklus kennen.

Junge (und ältere!) Leser sollen aus der Lektüre sicher mitnehmen, dass hässlich sein nicht gleich schlechter sein bedeutet. Charlie ist eine alte ausrangierte Lokomotive, die einem neuen Modell Platz machen und aufs Abstellgleis geschoben werden soll. Nur Zugführer Bob, der als einziger weiß, dass die Maschine auch sprechen kann, glaubt an ihn.

Die Kinder brüllen

Nur ist Charlie wirklich eine unangenehm anzusehende Lokomotive (fürs Artwork zeichnete Ned Dameron verantwortlich, der auch den „Dunklen Turm“ illustrierte). Selbst traurig sieht er, mit seinem abstoßenden Maul und den scharfen Augen, wie ein Killer-Roboter aus. Wenn er lacht, möchte man sich so weit wie es geht von den Gleisen entfernen. Gemeinsam fahren die Zwei durch karge Western-Landschaften.

Es ist eine hinterlistige, gemeine Art, wie Stephen King uns diesen Zug und den vor Hingabe blinden Lokfahrer Bob verkaufen will – in der Welt der beiden Freunde ist nicht für viel anderes Platz als die rasante Fahrt, ob mit oder ohne Passagiere. Hat Charlie den Menschen verzaubert?

Nicht ein bösartiges Wort fällt in dieser Geschichte, aber das Schlussbild sagt alles. Charlie und Bob sind wieder im Geschäft, die Waggons sind voll, und der eine strahlt naiv, der andere grinst wissend.

Nur der genau Blick in den Wagon zeigt, dass die Kinder vor Angst schreien. „Stelle mir keine komischen Fragen, dann spiele ich keine komischen Spiele“, singt der Zug seinem Zugführer Bob freundlich entgegen. Im Laufe der Geschichte hatte Bob eben sehr viele Frage an seinen künstlichen Freund gestellt – vielleicht ist das die Ironie: Der unbedarfte Bob, der die Dinge hinterfragt, hat das ganze Drama erst ins Rollen gebracht.

58.  Roadwork (1981, deutsch: „Sprengstoff“, als Richard Bachman) ★★★

 

So wie schon das Bachman-Buch „Rage“ (über den Amoklauf eines Schülers) ist „Roadwork“ eher Gesellschafts- als Horror-Roman. King schrieb es unter dem Eindruck der Ölkrise, die 1973 mit einem Schlag die Abhängigkeit der westlichen Länder von den arabischen Staaten demonstrierte.

Die Weltordnung bricht auch für Barton George Dawes zusammen, als er erfährt, dass sowohl sein Haus auch als sein Arbeitsplatz einer Autobahn weichen soll. Der Mann, der zuvor schon seinen Sohn verlieren musste und dessen Ehe zu zerbrechen droht, weiß sich nicht anders zu helfen, als sich mit Waffen einzudecken – und es den Stadtplanern so schwer wie möglich zu machen. Ein echter Prepper.

„Roadwork“ ist auch ein echtes Stück Lesearbeit. Über den unsympathischen Dawes kann man nur den Kopf schütteln, weil er mit zunehmenden Ideen immer planloser agiert. King selbst würde sich mit diesem Roman in der Bewertung schwer tun – er verarbeitete damit den Krebstod seiner Mutter, transferierte in das Buch jedoch nur ein diffuses Gefühl von Hilflosigkeit. „Roadwork“, gedacht als der Versuch in einem neuen Genre, sollte 1981 also auch Kings erstes mittelmäßiges Buch sein.

Immerhin gibt es einige Querverweise zum „Mangler“ aus der „Night Shift“-Kurzgeschichte, die Dawes als Leiter seiner Wäschereiabteilung ja auch befehligt. Auf dass dieser gefräßigen Maschine keiner zu nahe kommt!

57. „Black House“ (mit Peter Straub, 2001, deutsch: „Das schwarze Haus“) ★★★

Die größte Ähnlichkeit hat dieser zweite „Talisman“-Roman vielleicht gar nicht mit dem ersten Buch, mit allem, was in den „Territorien“ bzw. Mittwelt spielt, oder gar Poes hier viel zitiertem „Der Rabe“. Die größte Wesensverwandtschaft hat der Held Jack Sawyer womöglich mit Danny Torrance aus „The Shining“. Beide trugen als Kinder schwer an ihren übersinnlichen Fähigkeiten. Und so, wie Danny setzt auch Jack als Erwachsener seinen Sinn ein, um anderen Menschen zu helfen. In der „Shining“-Fortsetzung „Doctor Sleep“ versucht Danny ein Mädchen zu retten; in „Black House“ will Jack, ein pensionierter Polizist, einen Jungen aus den Klauen des Serienmörders „Fisherman“ befreien.

Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen „Doctor Sleep“ und „Black House“: Die Gegner erweisen sich am Ende als außerordentlich schwach. King und Co-Autor Peter Straub fahren, wie schon im „Talisman“, die große Blitzschlag-Parade auf. Damals erledigte Jack seinen „Onkel“ Morgan Sloat, diesmal muss Lord Munshun (Diener des Scharlachroten Königs) daran glauben. „Ein weiterer, reinweißer Lichtstrahl schießt vom abgewetzten silbernen Ring“ usw. Es ist die einfache, eben gleißende Art, sich eines Gegners zu entledigen, wenn sich dessen tödliche Kraft nur schwer beschreiben lässt. Etwas launisch beschreibt King selbst diesen Kampf als „Showdown“, eine „archetypische Szene aus zehntausend Westernfilmen“.

Geisterhaus-Experten

„Hier geht’s um den Dunklen Turm“, heißt es an einer Stelle sehr direkt – also um die Verknüpfung zum wichtigsten Werk im Leben des Stephen King. Aber die Stärke des Romans liegt in der Beschreibung des „Schwarzen Hauses“ an sich („Black House und darüberhinaus“ ist ein Kapitel fast schon Kubrick-artig betitelt um dessen unendliche Größe anzudeuten). Der Geisterhaus-Experte der beiden ist Peter Straub („Ghost Story“), und in der komplexen Darstellung des Waldhauses, das durch seine Gestaltveränderungen jeder architektonischen Beschreibung trotzt, zeigt sich sein Vermögen.

Das beste Zitat gebührt natürlich dem blinden Disc-Jockey und Alleinunterhalter George Rathbun. „Ich kann Auto fahren, weil Ray mich eines Nachts in Seattle vor 40 Jahren zu einer Spazierfahrt eingeladen hat“, versichert er seinem Freund Jack Sawyer. Und mit Ray ist Ray Charles gemeint. „Lief wie geschmiert. War überhaupt nichts dabei. Wir sind natürlich auf Seitenstraßen geblieben, aber Ray ist fast hundert Sachen gefahren, das weiß ich ziemlich sicher.“

Zwischen dem „Talisman“ und „Black House“ vergingen 17 Jahre. Ein drittes Buch hätte 2018 folgen können. Kommt Band drei noch?

56. The Institute (2019, deutsch „Das Institut“) ★★★

Es scheint Stephen King nur noch schwer möglich zu sein, einen Roman ohne direkte politische Anspielung auf das Amerika unter Trump zu schreiben. Schon vor dessen Amtsantritt hatte er ja über den verrückten Millionär philosophiert („Under The Dome“), aber seit der ins Weiße Haus eingezogen ist, arbeitet King sich an ihm unermüdlich ab. Manchmal wünscht man sich die einfachen Zeiten zurück, in denen Kings Romane einfach nur Horror-Geschichten waren, ohne Bemühung, die Zeichen der Zeit zu beschreiben: „Pet Sematary“, „Shining“ …

Nun auch im „Institut“. Telekinetisch und telepathisch begabte Kinder werden entführt und in den Wäldern Maines im „Institut“, einem Geheimbau der Regierung, gefangen gehalten. Mit ihren Kräften soll der Weltfrieden gewahrt werden, indem die Kids böse Staatenlenker, Terroristen oder Religionsfanatiker Kraft der Gedanken aus der Distanz ausschalten.

Im Zuge des King-Revivals und der Referenzen an dessen Werk in der immens populären „Stranger Things“-Serie war davon auszugehen, dass nun auch beim Meister coole Zauber-Kids mit markigen Sprüchen für klare Verhältnisse sorgen würden. Aber das ist in diesem Buch nicht der Fall. Die Prozesse sind derart kräftezehrend, dass die Kinder am Ende, dann nur noch „Rüben“ genannt, vor sich hinvegetieren – bis ihre Leichen in einem Krematorium verbrannt werden. Sie werden, verdreckt, nackt, auf Matratzen in einer Halle gehalten – hier standen die „Auffanglager“ an der texanischen Grenze zu Mexiko Pate, wo die kleinen Migranten in Trumps Amerika von ihren Eltern getrennt, verdreckt, nackt, auf Matratzen in einer Halle gehalten werden.

Grandioses moralisches Dilemma

Das „Institut“ skizziert zumindest ein grandioses moralisches Dilemma: Dürfen, sollten einige wenige Menschen sterben, damit das Wohl der Menschheit gewahrt bleibt? Die Betreiber der Einrichtung, allesamt Ex-Spitzenkräfte aus Militär und Geheimdiensten, sprechen von einem „Gleichgewicht des Schreckens“, einer Art Tauschhandel: Durch den Mord an ein paar Kindern werde die Menschheit davon abgehalten sich selbst auszurotten.

Die Geschichte wäre jedoch um einige Klassen mutiger, brisanter und realistischer geworden, hätte Stephen King sich getraut diese Ambiguität, das Nichtwissenkönnen, ob der Tod der Kinder wirklich der größeren Sache dient, bis zum Ende aufrechtzuerhalten. Stattdessen fährt er auf den letzten Seiten schwere Geschütze auf um die Instituts-Schergen als größenwahnsinnig darzustellen.

Haben Sie schon mal von der Bernoulli-Verteilung gehört? Der Autor dieser Zeilen muss zugeben, dass er diese Verteilung nicht kannte. King erwähnt nun dessen fundamentale Bedeutung. Ich musste nachschlagen, es gibt sie wirklich, diese Verteilung. Aber das ist nicht der eigentliche Punkt, der Grund dafür, warum King der Mut verlassen hat.

Der Punkt ist, dass es fußlahm bis arg konstruiert wirkt, wenn sich auf den letzten Metern mittels, ich nenne es jetzt einfach mal: Matheformeln mit tollen Namen, die Argumentationen der Bad Guys in Rauch auflösen sollen. Vereinfacht gesagt: Die Bernoulli-Verteilung soll erklären, dass das Institut auch falsch liegen kann – da es nur zwei Ausgänge für Zufallsereignisse geben könne; zum Beispiel „Kopf“ oder „Zahl“ beim Werfen einer Münze. Noch einfach gesagt: Man hätte nicht mit Gewissheit sagen können, dass die ihrer Lebenskräfte beraubten Kinder für einen „guten Zweck“ gestorben sind, nur weil die Instituts-Mörder per Fifty-Fifty-Chance richtig liegen können.

Bisweilen liest es sich so, als wäre die erwachsene Figur des Tim Jamieson, ein aufrechter Ex-Cop, nur ins Spiel gebracht worden, um die Macht des Zufalls zu demonstrieren: Er rettet den kleinen, geflohenen Luke. Aber das nur, weil er in den Wochen und Monaten zuvor spontane Entscheidungen getroffen hat. Er verlässt freiwillig ein überbuchtes Flugzeug, er lässt sich per Anhalter mitnehmen, die ihn in die Stadt DuPray führen, wo der der telepathisch begabte Flüchtling am Ende eben auch landet. Seht hier, scheint King zu sagen: Was auch immer die vom „Institut“ euch weismachen wollen, es hätte eben auch ganz anders kommen können.

„Wer bei klarem Verstand ist, opfert auf dem Altar der Wahrscheinlichkeit keine Kinder, das hat mit Wissenschaft nichts zu tun“, werfen die Helden dem Chef der Entführerbande entgehen. Sie halten ihm Bernoulli entgegen. Dagegen lässt sich nichts sagen – aber es bleibt der beunruhigende Gedanke, dass viele der Geheimdienstler Überzeugungstäter sind, die wirklich glauben für das Gute zu kämpfen. Und von eben diesem daraus resultierenden, moralischen Dilemma kann man sich schwerer frei machen, als es sich liest.

Mengele und Vietnam

„Das Institut“ ist einer jener King-Wälzer, wie eben „Under The Dome“ oder auch „Sleeping Beauties“, die nur so vor Vergleichen strotzen: My Lai, der Vietnamkrieg; die „Rüben“ werden zu afro-amerikanischen Sklaven in Beziehung gesetzt; die angedrohte Vergasung der rebellierenden Kinder ist die „Endlösung“, der Instituts-Arzt ein Josef Mengele; die beschönigend als „erweiterte Verhörmethode“ gekennzeichnete Folter wurde aus dem Irak-Krieg mitgebracht; ein Präsident wie Donald Trump, der droht den roten Knopf zu drücken, sei ja selbst, wie die Instituts-Insassen, ein Kind usw.

Das sind wenig subtile Allegorien, aber dem Thema Massenmord an Kindern angemessen. Ärgerlicher ist da schon die Erzählmethode, die geheime Geschichte des „Institut“ nicht, wie es sich gehört, durch die Hauptfigur Luke aufdecken zu lassen, sondern per an ihn gerichteten Vortrag, einer Videoaufnahme der Putzhilfe Maureen. Sie berichtet ihm alles, von A-Z, jedes Mysterium wird erhellt. Wenn dahinter nicht Faulheit Kings steckt, so ist das dennoch ein No-Go beim Versuch eine gute Geschichte zu konstruieren.

Es sind zwei andere Aspekte, die das „Institut“ zwar nicht mehr zu einem guten, aber zumindest ordentlichen Roman machen. Die Story des Flüchtlings Luke wird die des Hobos: Unterm Zaun durchgekrochen, durch den Wald geirrt, auf einem Boot auf dem Fluß getrieben, und dann heimlich in den Güterwagen, die Ostküste entlang. Es ist die sehr amerikanische Geschichte des Entdeckers.

Von ähnlicher Kraft sind die Coming-of-Age-Momente der traumatisierten jungen Gefangenen. Den Eltern entrissen, müssen sie schnell erwachsen werden. Fremde Menschen misshandeln sie. „Die Ohrfeige war richtig schlimm gewesen. Aus vielerlei Gründen.“ Solche Sätze sitzen, weil sie die sprachliche Ohnmacht der Kinder Ausdruck verleihen. „Unerschütterliche Annahmen“ über Erwachsene fliegen in Stücke, „zum Beispiel, dass sie nett zu einem waren, wenn man nett zu ihnen war.“

Aber es ist ja nicht so, dass diese pubertierenden Kids unter ihren Fähigkeiten ausschließlich leiden würden. In dem Alter, wo Getuschel und Gerüchte zum Lebensinhalt gehören, haben sie den normalen Kindern etwas voraus: Man telepathiert eben nicht mit jedem. Das ist Insider-Kommunikation. Diese Kleinen können dann, zumindest nach außen hin, recht cool wirken.

55. The Dark Man (1969, 2013) ★★★

Die Cemetery-Dance-Ausgabe des Gedichts, das Stephen King bereits 1969 veröffentlichte, ist wirklich schön: 88 Seiten mit mehr als 70 Zeichnungen, von Fantasy-Illustrator Glenn Chadbourne, der seit den Spätachtzigern für Arbeiten von King zeichnete. Geschrieben, oder eher: hastig gekritzelt hatte King es einst in einem Diner.

Der „dunkle Mann“, von dem King vor fast 50 Jahren zum ersten Mal erzählte, ist seine wohl wichtigste Figur geworden: Randall Flagg, Prediger des Bösen, der, in staubigen Jeans und Stiefeln gekleidet wie ein Cowboy, durch die USA reist. Als einer der hochrangigsten Schurken aus dem „Dunkler Turm“-Kosmos ist er nicht nur eine Hauptfigur in sieben Bänden der Saga, sondern auch Protagonist in „Das letzte Gefecht“ und „Die Augen des Drachen“ und zuletzt ein fast schon süffisanter, geduldiger Chronist der Welthistorie in „Gwendys Wunschkasten“.

Flaggs Biografie wird im „Dark Man“ noch nicht beleuchtet, er erscheint als Tramper, der einfach der ist, der er ist. In späteren Werken wird er wahlweise erzählen, dass er dem Ku-Klux-Klan angehörte oder ein Vietcong war. Dies macht den Reiz Mannes aus. Er scheint keine aus dem Magischen geborene Kreatur zu sein, sondern einer von uns, der sich zur dunklen Seite hat bekehren lassen (im siebten „Turm“-Band wird im seine menschliche Überheblichkeit zur Schwäche, ein Monster macht mit dem scheinbar Übermächtigen kurzen Prozess).

Das Gedicht ist so zu lesen, wie es die „Cemetery Dance“-Ausgabe von 2013 anordnet, als Fluss von Wörtern über einer apokalpytischen Western-Landschaft voller zerstörter Scheunen, verlassener Jahrmärkte und zugewachsener Eisenbahngleise, auf denen Geier lauern. Es ist eine sehr szenische Struktur (bisweilen nur zwei Wörter pro Seite).

„I have Fed Dimes To / Cold Machines/ In All Night / Filling Stations / While Traffic In A Mad And Flowing Flame / Streaked Red In Six Lanes Of Darkness“.

Inmitten des entvölkerten, verdreckten Amerikas trifft Randall Flagg auf eine wunderschöne, saubere Frau. Er verführt sie, auf die Art, die er als Verführung empfindet. Das Opfer lässt er zurück, als Warnung an alle, die in seinem Reich der Leere einen Platz zum Leben suchen.

Eine harte Pointe am Ende eines Gedichts, das als morbide Naturbeschreibung begann. Aber es soll keiner sagen, er hätte nicht gewusst, was einem Flagg in den nächsten Jahrzehnten noch bieten wird.

54. Later (2021, deutsch „Später“) ★★★

Stephen King ist selbstbewusst genug, seine Vorbilder zu benennen, gar, wenn sich seine Geschichte zunächst wie ein Plagiat liest: „Ich kann tote Menschen sehen“, bekennt der junge Jamie. So, wie der kleine Cole in M. Night Shyamalans Horror-Thriller „The Sixth Sense“ (1999) steht Jamie mit seiner Mutter in einem Unfallstau – und betrachtet die übel zugerichtete Leiche eines verunglückten Radfahrers, der sich nun als Geist aufbaut. Als Nachahmer will King sich jedoch nicht verstanden wissen, denn Jamie schießt hinterher: „Allerdings ist es nicht so wie in dem einen Film mit Bruce Willis.“

King hat noch nie bei anderen abgeschrieben, und anders als Cole verwendet Jamie seine übernatürliche Begabung nicht, um Verstorbene, die nicht von ihrem irdischen Leben lassen können, den Weg ins Jenseits zu weisen. Das schaffen die schon von ganz alleine. Jamie wird von anderen Menschen dafür missbraucht, den Geistern Geheimnisse zu entlocken. Er liefert Hinweise, etwa darauf, wo sich der letzte, noch nicht detonierte Sprengkörper des Bombenlegers befindet, der sich selbst in die Luft jagte. Er wird dafür missbraucht, von einem getöteten Drogendealer zu erfahren, wo er die heiße Ware versteckt hält.

Roman über die Ära Obama

„Later“ ist Kings drittes Buch für den „Hard Case Crime“-Verlag (hierzulande erscheint das Buch bei Heyne). Dort, wo er verhältnismäßig kurze Romane publiziert, in denen Kriminalfälle mehr oder weniger übernatürlichen Ursprungs gelöst werden müssen. Beim ausgezeichneten „Colorado Kid“ geht’s weniger um Geister, in „Joyland“ wiederum ist das Whodunnit noch der uninteressanteste Part. „Later“ weicht noch mehr von der Hard-Case-Linie ab, ist kein Detektivroman. Eher eine Reflexion über die Akzeptanz von Andersartigkeit und dem kindlichen Unvermögen, sich der Brutalität der Erwachsenen und deren Möglichkeiten zur Manipulation zu stellen. Der Titel „Später“ verweist jedoch nicht nur darauf, was der kleine Jamie hätte anders machen können, reagierte er bei Gefahr mit der Überlegtheit und scheinbaren Ruhe der Erwachsenen. Die „dazu komme ich später“-Berichtsstruktur ist auch die eines erwachsen gewordenen Ich-Erzählers, der weiß, wie gute Storys sich aufbauen lassen müssen. Denn im Gegensatz zu Shyamalans Spukgestalten sind Kings Geister nicht immer gleichgültig gegenüber den Lebenden. Der Twist kommt später, am Ende, eben „Später“.

„Später“ offenbart vielleicht nicht Kings kreativste Ideen, aber er ordnet das Geschehen geschickt in seine Ära ein. Ab den Nullerjahren, mit der Wahl George W. Bushs zum US-Präsidenten, wurde Stephen King, 25 Jahre nach seinem Romandebüt mit „Carrie“, zunehmend zum politischen Autor. „Under The Dome“ fertigte Bush ab, „Das Institut“ Donald Trump.  „Später“ spielt 2008, als Obama Präsident ist und die Weltwirtschaftskrise unzählige Lebensgrundlagen vernichtet, was King erstaunlicherweise veranlasst, seine Story mal nicht in ländlichen Gemeinden anzusiedeln, sondern am Ort der Genese des Wirtschaftscrashs, New York.

Vernichtet wird auch die Existenz von Jamies Mutter Tia, einer Literaturagentin; anders als ihre Lebensgefährtin, die Polizistin Liz, ist Tia machtlos gegenüber der Rezession. Liz schlittert von selbst in ihre Krise, sie sichert sich einen vermeintlich abschwungsicheren Nebenjob durch Drogenhandel – und verliert die Kontrolle. Kings Mitleid hält sich jedoch, wie gegenüber allen Wählern der Republikaner, in Grenzen. Liz glaubt nicht daran, dass Barack Obama in den USA geboren wurde; sie wirkt wie ein schwacher, etwas dummer Mensch.

Wer Kings Literatur der vergangenen Jahrzehnte verfolgt hat, entdeckt in seinen Büchern unzählige Selbstreferenzen – heute spräche man von „Easter Eggs“. Es gibt einen Autounfall vor Jamies Geburt, der sich auf sein Leben auswirken wird, herbeigeführt durch einen Betrunkenen – King wurde 1999 fast von einem mehrfach wegen Alkoholdelikten am Steuer belangten Pickup-Fahrer totgefahren. Jamie spricht von Büchern als „Magie zum Mitnehmen“ – mit dem Spruch bewarb King sich einst selbst.

Aber die eigentliche Pointe des Romans besteht in der nicht wirklich versteckten Kritik am Schriftstellerbetrieb. King amüsiert sich über Trash-Schreiberei à la „Fifty Shades Of Grey“ und stellt, wie zuletzt in „Finder’s Keepers“, die Frage nach wahrer Urheberschaft erfolgreicher Literatur. Welchen Einfluss haben Agenten, vor allem Lektoren für die Sichtbarkeit populärer Stoffe? Wie häufig kommt es vor, dass sie gar heimlich mitschreiben? Jamies Mutter Tia nutzt die Fähigkeiten ihres Sohns, um mit einem von ihr vertretenen, plötzlich verstorbenen Bestseller-Autoren zu kommunizieren – denn er verstarb, kurz bevor er sein jüngstes Buch abgeben konnte. Tia will an die Inhalte gelangen, um seinen Stoff postum herauszubringen, weil sie Geld braucht. Redigiert hatte sie die verquasten Storys des Mannes heimlich seit Jahren

53. Just after Sunset (2008, deutsch „Sunset“) ★★★

Am meisten freuten sich Leser über die „Höllenkatze“, die damals schon 30 Jahre auf dem Buckel hatte, verschiedene Veröffentlichungen durchlief, aber nun endlich in einem Stephen-King-Kurgeschichtenband maunzen durfte. Die Story an sich: Nichts Besonderes, ein mordende Katze, die aus unergründlichen Augen blickt. Eine ganz auf das Schock-Finale ausgerichtete Erzählung.

Und so versammelt „Just after Sunset“ zwar einige seiner größten, aber eben auch einige seiner vielleicht wenn nicht schlechtesten, doch absehbarsten Storys. Vor allem solche, die einem „Was wäre, wenn …?“-Gedanken entsprungen sind. „Der Rastplatz“ ist so eine: Was, wenn ich mal Held spielen soll? – King versuchte, wie er schreibt, seinen „inneren Bachman herbeizurufen“; „Abschlusstag“: Wie schreibe ich über eine Atombomben-Explosion?

„Das Pfefferkuchen-Mädchen“ deutet seine Pointe – Jogging wird das Leben retten – sehr früh an. Extrem unterhaltsam, aber auch ein wenig pubertär ist die Idee, ein Dixie-Klo zur Todesfalle zu machen („In der Klemme“).

King berichtet ja, dass er seine grandiosen Ideen oft aus alltäglichen Situationen zieht. Die Kunst in seinen gelungensten Werken besteht aber meist darin, dass er danach noch einen Schritt weiter gedacht hat. Dass die Geschichte sich nicht mehr auf den Ursprung zurückführen lässt. Einiges in „Just after Sunset“ liest sich, als hätte er seine Gedanken zu schnell aufs Papier gebracht.

„Willa“ und „N.“

„Die New York Times zum Vorzugspreis“ ist das Drama einer Witwe, deren verstorbener Mann anscheinend Kontakt zu ihr aufnehmen will. „Hinterlassenschaften“ ist seine Annäherung an Nine Eleven, den neuen „Prüfstein“ der Geschichte, wie er ihn nennt – eine Herausforderung für heutige Schriftsteller, der auch King sich stellen wollte.

Auch die zwei herausragenden unter den 13 Storys drehen sich um das Jenseits: „Willa“ und „N.“ Zu „Willa“ schreibt King in den Notizen, dass es „wahrscheinlich nicht die beste Geschichte im Buch“ sei, aber ihn reizte die Grundidee, dass man auf irgendeine Weise den Tod überlebt. Und wie romantisch man den Tod doch überlebt. Im Mittelpunkt zwei Liebende, die noch nicht bereit sind, die Welt zu verlassen, weil man ja nicht weiß, was dann kommt. Bleibt man zusammen? Sie raffen sich zu einem letzten Tanz auf.

„N.“ ist, im besten Lovecraft-Sinne, eine Art Tagebuch-Roman: Der Erzähler steht so lange in berichtender Distanz zum Horror, bis der ihn selbst erfasst hat, aber er selbst es nicht erfassen kann, sondern als schleichender Wandel lediglich vom Leser der Aufzeichnungen bemerkt wird. Chronik eines angekündigten Wahnsinns, der sich auf den überträgt, der es liest. „N.“ ist eine der gruseligsten, verstörendsten und faszinierendsten Kurzgeschichten, die King zu Papier gebracht hat; eigentlich ein Fall für eine Sonderveröffentlichung, 72 Seiten wären dafür nicht zu wenig.

King schreibt, dass Zwangsstörungen ein zentrales Thema von „N.“ sind. Es geht um einen Patienten mit Zählzwang, der sich als Hüter des Tors zu einer Unterwelt versteht, dessen Dämonen er in Schach halten muss. Das Portal erkennt er in einem Steinkreis auf einem unscheinbaren Feld. Mal sieht er acht Steine, dann sind die Kreaturen gebannt, dann sieben, und es droht eine Invasion, der er Einhalt gebieten muss.

Das Dasein als Auserwählter wird Patient N. zur Last, aber er nimmt die Aufgabe an. Er identifiziert Stonehenge und die Kornkreise ebenso als Kalender, die nicht nur menschliche Daten markieren, sondern auch die Zeiten, in denen mit größerer Gefahr zu rechnen ist. Seine Erkenntnis: „Es ist schon paradox, dass ausgerechnet Verhaltensweisen, die wir als neurotisch betrachten, das Gleichgewicht der Welt bewahren.“

52. Everything’s Eventual“ und „Six Stories“ (1998 bzw. 2002, deutsch: „Im Kabinett des Todes“)★★★

So wie „Just after Sunset“ ist diese voran gegangene Kurzgeschichtensammlung weniger der Versuch, das Beste der letzten zehn Jahre zu versammeln, als überhaupt das herauszubringen, was King ab 1994 in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht hatte. Die Qualität der 14 Storys, fünf davon erschienen schon im limitierten Sammelband „Six Stories“, variiert stark.

„Autopsieraum Vier“, „Lunch im Gotham Café“ und „Im Kabinett des Todes“ sind, wie es sie einige Jahre später auch in „Just after Sunset“ geben wird, solche Grundgedanke-Geschichten, „Was wäre, wenn?“-Situationen. Ein Scheintoter, ein Folteropfer, ein Ex-Ehepaar, das in einem Restaurant über die Scheidung reden will und dann von einem irren Keller angegriffen wird. Drei Stories, deren Ausnahmesituationen King vielleicht noch ein wenig hätte weiterentwickeln müssen.

Aber „Everything’s Eventual“ enthält – natürlich! – auch einige seiner besten Kurzgeschichten. Für „Der Mann im schwarzen Anzug“ erhielt King 1996 den O-Henry-Preis für die beste Kurzgeschichte („Ich dachte, da hätte sich irgendjemand geirrt“, urteilte er über die Jury). „L.T.s Theorie der Kuscheltiere“ markiert seinen erfolgreichen Versuch des Tonwechsels innerhalb einer Erzählung, von der Tragikomödie zum Horror. „Alles endgültig“, das dem Buch seinen Originaltitel gab, ist ein raffiniertes Spiel mit der Frage, ob man besondere Begabungen für besondere Zwecke einsetzen darf, wenn der Preis stimmt.

„1408“

„1408“, noch bekannter geworden durch die John-Cusack-Verfilmung, ist als Spukhotelzimmer-Story schleichend gruseliger als der gesamte „Shining“-Roman. Am schönsten jedoch ist „Achterbahn“, das auch als E-Book erschienen ist und zu einem derartigen Verkaufserfolg wurde, dass King das Internet, die „Download“-Funktion und überhaupt die digitale Welt neu zu entdecken schien.

„’Du bist mein Leben’, sagte ich und gab ihr einen Kuss. ‚Ob es Dir gefällt oder nicht. So ist es nun mal.‘“ Das sagt in „Achterbahn“ nicht der verliebte Mann zu seiner Partnerin, das sagt der Student Alan zu seiner kranken Mutter. King stellt seinen Alan jedoch nicht als Muttersöhnchen bloß, auch, wenn er ihn vor eine harte Entscheidung stellt. Er macht das, was viele Menschen tun, wenn sie mit dem Tod bedroht werden. Den anderen vorschicken. Einer muss sterben, du oder sie: Dann nimm lieber sie als mich! Das ist Ausdruck von Angst, nicht Feigheit, und eine ganz normale Emotion. Nur, dass man nach solchen Entscheidungen bis ans Lebensende damit umgehen muss.

In den Vorwörtern der einzelnen Geschichten schreibt King über Konflikte und Vorlieben: „Das Thema der Horrorliteratur schlechthin: unser Bedürfnis, mit einem Mysterium fertig zu werden, das sich nur mit Hilfe der Fantasie ergründen lässt“ oder „Die Hölle, immer wieder das Gleiche zu tun. Exitenzialismus, Baby – echt ne Bombenphilosophie. Albert Camus! Telefon!“

Nicht zuletzt bezeichnet er „Rose Madder“ als „von allen meinen Romanen wahrscheinlich der lesenswerteste“ – der Mann hat Humor, da sind von ihm ganz andere Bewertungen des Buchs bekannt.

51. Cycle Of The Werewolf (1983, deutsch: „Das Jahr des Werwolfs“) ★★★

Nach Vampiren und Zombies nun die Lykanthropen: Zwölf Monate, zwölf Kurzpisoden über den Angriff eines Werwolfs auf eine kleine Stadt. War sicher aufregend für Stephen King, zum einen wegen des formalen Experiments. Er erzählt eine Geschichte in zwölf an den Kalendermonaten orientierten Kapiteln (jeweils illustriert von Comic-Legende Bernie Wrightson, verstorben 2017). Zum anderen, weil King sich mit dem Werwolf nach den Vampiren von „Salem’s Lot“ von 1975 wieder einem klassischen Monster widmet, dem er neue Nuancen entlocken will.

Schnell erzählt, humorvoll und effektiv, enthält das 127-Seiten-dünne Buch die nötigen Ingredienzien (Silberkugeln gegen Lykanthropen). Die Pointe funktioniert: Der Held ist ein Junge im Rollstuhl und das Tier ausgerechnet ein Pastor, der nichts von seinen Blackouts und anschließender Verwandlung bei Vollmond ahnt, und stattdessen jeden Sonntag weiter predigt.

Es zeigt auch, dass Glaube und Religion uns nicht vor unseren inneren Trieben schützen können. Und: Die Kurzform liegt King einfach.

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