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Stephen King: die besten Bücher – Plätze 60 bis 51

60. „The Outsider“ („Der Outsider“, 2018)★★½

Dieser Roman mutet wie eine Lawine an, der Rutsch beginnt in der Mitte der Erzählung – und reißt dann alles in ein Loch. Nicht gut. Und dafür ist ausgerechnet Holly Gibney verantwortlich, die vielleicht beste Frauenfigur Stephen Kings, die beste unter den vielen sonst so schlechten Frauenfiguren Kings, die ja deshalb oft so unterentwickelt bleiben, weil sie ihre Entwicklung stets nur als Emanzipation von patriarchalischen Männern durchlaufen dürfen.

Kooperation

Gibney aber ist anders. Sie macht die Dinge von Anfang an so, wie sie will – ohne Absicherung gegenüber, oder Abarbeitung an einem Mann. Hausfrau Jeannie Anderson etwa sagt zu ihren Mann Ralph, dem Polizisten, immer schön zu Kapitel-Ende, zum harmonischen Tagesabschluss: „Das hier kannst Du nachher im Bett machen“, „Und jetzt iss Deine Spiegeleier“, „Du brauchst keine Sandwiches zu besorgen. Ich koche was“ – alles zur Wiederherstellung der Arbeitskraft des Hausherrn.

Der Titel, eigentlich ein abgeranzter, ist so genial wie neuartig für Stephen King. Weil der Titel erstmals in die Irre führt. Auch bis dahin macht er alles richtig. Der wegen eines Sexualmordes an einem Kind festgenommene Terry Maitland wird vom beliebten Baseball-Coach zum Mordverdächtigen – eben dem „Outsider“. Augenzeugenberichte, vor allem aber DNA-Spuren sprechen dafür. Und doch ist nicht er der Täter, sondern einer, der wie er ist. Der „Outsider“: eine neue Figur, deren Identität sich erst in der zweiten Romanhälfte offenbart. Ein Shift von einem im Mittelpunkt stehenden Haupt-Charakter zu einem anderen, auch das gab es in der schon mehr als 40 Jahre währenden Karriere Kings nicht.

Der Tod des – echten – Terry Maitlands ist ein spektakulärer Marion-Crane-Moment, dem die ebenso erschreckend inszenierte, wie unerwartete Auslöschung der gesamten Familie „seines“ Opfers folgt. Aber auch hier legt King eine falsche, grandiose Fährte. Der 17-jährige Ollie Peterson, dessen Bruder so bestialisch getötet wurde, ist tapfer, doch wird er sich von seinem Zorn übermannen lassen, was sein Ende bedeutet. King auf traumwandlerischer Spur.

„Der dunkle Turm“ mischt mit

Dass Holly mit großer Selbstverständlichkeit vom „Outsider“ spricht, eine Titulierung wählt, die im Horror-Genre keine Genese hat, aber hier so benutzt wird, als hätte dieses Monster eine Tradition wie Werwolf und Vampir, trifft einen natürlich wie ein Schlag in die Magengrube. „Er ist nicht in der Hölle. Er bringt die Hölle“ – solche Sätze zählen zu den wenigen Höhepunkten einer so sicher gestarteten Geschichte, die sich am Ende doch nur der unzählige Male durchexerzierten Mär vom Kinderfresser annähert, der sich, als bräuchte der Mythos des „Outsiders“ eine fundierte Basis, auch noch auf das „Ka“ aus dem „Dunklen Turm“ beruft.

Und was bleibt übrig, nachdem der Outsider verdampft/ausschliert/innerlich verkohlt/ stirbt? Natürlich, die Würmer. Es sind immer die Würmer, die Maden. Am besten noch die, die aus Augenhöhlen kriechen. Der Outsider trägt Cowboystiefel und verzehrt die Kleinsten, ist also eine Mischung aus Randall Flagg und Pennywise. Zwei legendäre Geschöpfe, hier in einer stark vereinfachten Form. Für King ist das viel zu gehabt, zu faul, ist das viel zu schwach.

Im absehbaren Showdown greift King auf bewährte, also wenig überraschende Rollenverteilungen zurück, bekannt aus „Es“ und anderen seiner Romane. Das Böse funktionalisiert einen menschlichen Helfershelfer, den der „Outsider“ zuvor mit dem Wahnsinn angesteckt und von ihm abhängig gemacht hatte.

Es bleibt erste Teil der Erzählung, der die großen Fragen stellt, Fragen zu Moral und dem Umgang mit Verdächtigen. Seit Nine Eleven, George W. Bush (und auch während Obamas Amtszeit schrieb er über ihn, Rumsfeld und Cheney) sowie natürlich Trump versteht King seine Romane als politische Kritik. Zwar reiht er auch hier, wie in „Under The Dome“ oder „Sleeping Beauties“, allerhand Landkarten-Reizwörter mehr oder weniger wahllos aneinander, Nordkorea, Russland, Nazideutschland; und einer der Helden ist natürlich, im „Make America Great Again“-Land des aktuellen POTUS, ein Mexikaner. Es gibt einen Verweis auf „Black Lives Matter“, und der vom „Outsider“ besessene Polizist Hoskins kürt sich selbst zum „American Sniper“ (er ist also die Perversion des amerikanischen Helden). Es wird alles, was sich auf der Amerika-Checkliste 2018 mit einem Häkchen versehen lässt, eben auch mit einem Häkchen versehen.

Aber Kings Einlassungen zu Fake News, Selbstjustiz, zu den Mängeln des amerikanischen Strafwesens, der Beweisführung, Angst vor radikalen Richtern, zur Vernichtung von Beweismitteln nur um das Gute zu tun, aber auch zur Vorverurteilung durch die Öffentlichkeit machen „The Outsider“ anfangs zu einem Justiz-Krimi, wie der 70-jährige ihn noch nicht gewagt hat. Das ist ihm gut gelungen.

Polizist Ralph Anderson, als „Mann ohne Meinung“ verhöhnt, wird zunehmend zerknirschter, weil er den Tatverdächtigen öffentlich verhaftete, ihn damit in der Gemeinde zum Verurteilten machte, statt ihm, bis er verurteilt wird, mit dem Respekt zu begegnen, den die Unschuldsvermutung mit sich bringt. Kein Wunder, dass der festgenommene Terry Maitland sich irgendwann wie in einem Kafka-Roman fühlt.

Wir alle müssen uns fragen, wem wir glauben, wessen Aussagen wir vertrauen, und ob Beweise echte Beweise sind. Das ist die Pointe: Der Outsider, der sich gut versteckt, offenbart sich am Ende auch nur denen, die glauben statt alles zu verifizieren.

Das liest sich so lange flüssig, bis der echte „Outsider“ und seine Jägerin Holly Gibney auf die Bildfläche erscheinen (was auch die anfangs als komplex vermuteten Figuren Howie Gold, ein erfahrener jovialer Anwalt, Bill Samuels, ein schmieriger Jung-Anwalt, sowie den Ex-Polizisten Alec Pelley schnell an den Rand drängt).

Können DNA-Proben verunreinigt sein?

Der Outsider fühlt sich wohl in den USA von 2018. Er kann in jede Haut schlüpfen und glaubt damit durchzukommen. Der Angeklagte hat ein starkes Alibi, einen tadellosen Ruf? „Wenn es Beweismaterial und Augenzeugen gibt, sind Alibi und Ruf bedeutungslos.“

Es erscheint fast als Witz, dass es am Ende dem Staatsanwalt Samuels vor versammelter Presse gelingt, den unschuldig verdächtigten, verstorbenen Terry Maitland wegen „verunreinigter DNA-Proben“ reinzuwaschen. So läuft Amerika.

Es ist erstaunlich, wie Stephen King im Herbst seiner Karriere die Frage aufwirft, ob die phantastischen Kreaturen wirklich schlimmere Verbrechen begehen könnten als reale Mörder. Das kurz offenbarte, wahre Gesicht des Outsiders erscheint seinen Jägern als unscheinbar. Er ist ein Jedermann, der so unwirklich sein könnte wie ein Monster, aber auch so echt wie der Son of Sam oder Ted Bundy. „Die Teufel sind längst unter uns“, heißt es vor der Konfrontation mit der Bestie.

Der Outsider verteidigt sich sogar damit, dass er nicht anders sei als die Menschen. Sie schlachten Tiere, so wie er selbst eben Menschen. Er ist ihnen nahe. Seinen Untergang besiegelt der Dämon auch durch eine menschliche Verhaltensweise: Wut. Er lässt sich provozieren, wird tituliert als Kinderschänder, der seinen Schwanz nicht hochkriegt, also als männlicher Vertreter der Gattung Mensch, und stürmt blind los, direkt in die todbringende Waffe Hollys.

Das ist eine Stärke dieses gegen Ende konfus gewordenen Romans. King relativiert nicht die Verbrechen der Menschheit, er entzaubert sich vielmehr selbst: Eigentlich muss er gar keine Monster mehr erfinden. Es ist unsere Welt, in der, wie auch bei David Lynch in der dritten „Twin Peaks“-Staffel, der Atombombenabwurf über Hiroshima als „übernatürliches Ereignis“ verstanden wird – weil man kaum glauben mag, dass Menschen zu solchen Dingen fähig sind. Und die Helden zitieren Edgar Allan Poe, dessen Horror nicht so außerweltlich ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Er schrieb keine fantastischen Geschichten über das Übernatürliche, er schrieb realistische Geschichten über abnorme psychologische Phänomene.

Im Ex-Knacki Claude Bolton, der ebenfalls eines vom Outsider begangenen Mordes hätte verdächtigt werden können, erschuf King die hier vielleicht wichtigste Figur, obwohl sie nur am Rande auftaucht. „MUST“ und „CANT“ sind auf Boltons Fingerknöcheln tätowiert. Er war drogenabhängig und kämpft (CANT) gegen das Bedürfnis an rückfällig (MUST) zu werden.

Er steht an der Schwelle ein Verbrechen zu begehen – und an der Schwelle seiner Lust nachzugeben. Dies sind die Leute, die es vom Guten zu überzeugen, in der Gesellschaft zu halten gilt.

59. Firestarter (1980, deutsch: „Feuerkind“)★★½

„Männer, die auf Ziegen starren“, PSI-Experimente der CIA, heimlich unter Drogen gesetzte Vietnamsoldaten, die Mondlandung. Verschwörungstheorien erlebten ab den späten Sechzigern Hochkonjunktur Aufwind.

Hier sind es zwei – natürlich – Studenten, die sich einst von Geheimbehörden untersuchen, also missbrauchen ließen nun und wegen ihrer übernatürlichen Fähigkeiten gejagt werden, so wie ihre später geborene Tochter. Mit dem indianischen Menschenjäger John Rainbird, der sich vom Töten einen Einblick in das Jenseits verspricht, gerade im exakten Moment des Todes, hat King eine seiner interessantesten Figuren geschaffen. Man wünscht sich nur, er käme häufiger im Roman vor.

Ein Großteil der Geschichte spielt in der „Shop“ genannten Regierungsbehörde, es gibt unzählige Bunkergespräche. Rainbirds Versuch das Vertrauen der PSI-begabten kleinen Charlie zu erschleichen, gelingt fast zu schnell.

ROLLING STONE: Quelle des Vertrauens

Das größte Problem: Die beiden Hauptfiguren, Charlie sowie ihr Vater Andy, sind nicht wirklich sympathisch. Fahrigkeit und Eile liegt in der Natur ihrer Handlungen als Gejagte, aber ihre Leidigkeit bleibt auf konstant hohem Niveau.

Andy ist überfordert, wird immer dicker und selbstmitleidiger. Charlie ist ein verzweifeltes Kind, deren Wunsch nach Kontrolle ihrer Fähigeit, alles in Brand zu setzen, zu regelmäßigen Ausrastern führt. Die daraus entstehenden Schäden wecken weniger Verständnis für die Impulsivität, als man von einem Menschen ihres Alters erwartet hätte. Es ist ein einziges Klagen.

Wem kann man noch Vertrauen, wenn selbst der Staat einen umbringen will? Am Ende wendet Charlie sich an die einzige Institution, die ihrer Meinung nach die Wahrheit verbreiten kann, und bei der sich Verfolgte gut aufgehoben fühlen können. Das Mädchen fährt nach New York zum „Rolling Stone“, der im allerletzten Satz des Romans genannt wird, quasi in der Auflösung der spannenden Hatz. Danke, Stephen King!

58. Blockade Billy (2010) ★★★

 

King-Freund Richard Chizmar und dessen Verlag Cemetery Dance veröffentlichten 2010 diese 112 Seiten lange Novelle, die auf Deutsch fünf Jahre später im Kurzgeschichtenband „Basar der bösen Träume“ erschien.

Stephen King selbst gab zu Protokoll: „This is it“, eine Geschichte, die seine Liebe zum Baseball endlich in Worte fasst. Das ist so nicht ganz richtig, da er gemeinsam mit Stewart O’Nan 2005 bereits den Red-Sox-Fanbericht „Faithful“ in Buchform herausbrachte. Allerdings war „Faithful“ eine Spielzeit-Analyse. „Blockade Billy“ ist literarisch.

William Blakely wird 1957 neuer Spieler im Team der New Jersey Titans und schnell zur Stütze des chronisch erfolglosen Teams; weil er die Base so erfolgreich verteidigt, erhält er den Spitznamen „Blockade Billy“. Sein Trainer Granny Grantham entdeckt jedoch, dass der Nachwuchsstar ein Geheimnis hat. Am Ende wird der Verein froh sein, Billys Namen aus seinen Annalen gelöscht zu haben.

Der Twist ist gelungen, deshalb wird er hier auch nicht verraten. Es ist für diese Geschichte nicht mal notwendig, sich mit Baseball-Historie der 1950-Jahre auszukennen oder gar die Regeln zu verstehen. Der Monolog des alten Trainers Grantham entwickelt sich auch so zum Sog.

„Blockade Billy“ zeigt, dass Sportler, wie man so schön sagt, „auch nur Menschen sind“. Oder: dass sie natürlich Menschen sind. Und wozu sie in der Lage sind.

57. Finder’s Keepers (2015, deutsch: „Finderlohn“) ★★★

Der zweite „Bill-Hodges-Roman“ ist eine „Liebeserklärung an die Literatur“, spiegelt aber auch die Angst Kings wider, dass Fans zu Fanatikern werden könnten. „Finder’s Keepers“ ähnelt daher „Misery“. Hier aber wandert, im Gegensatz zu „Misery“, der irre Fan erstmal ins Gefängnis – und der Autor wird ermordet. Beide, Annie Wilkes aus „Misery“, wie dieser Bubikopf Morris Bellamy, sind Psychopathen.

Obwohl der „Finderlohn“ nahezu dieselbe Belegschaft wie aus dem ersten Hodges-Roman auffährt, „Mr. Mercedes“, stürzt sich der Privatdetektiv in ein neues Abenteuer. Diesmal will er eben jenen Bücherliebhaber stoppen, der sein Idol einst ermordete. Morris Bellamy war mit der Entwicklung einer Figur nicht einverstanden und erschießt den Schriftsteller John Rothstein (der Name dürfte an Philip Roth angelehnt sein). Er stiehlt Notizbücher mit unfertigen Geschichten, vergräbt sie – und wandert wegen eines anderen Verbrechens ins Gefängnis. Ein Junge namens Pete Sauber entdeckt Jahrzehnte später die Schriften und erkennt, welchen Schatz er da ausgebuddelt haben könnte.

Was ist Literatur wert?

So ist „Finder’s Keepers“ auch eine Story über den Wert der Literatur, nicht nur dem geistigen Wert, sondern eben auch dem monetären. Pete liebt Bücher, aber seine Familie – sein Vater wurde einst vom Mercedes-Killer“ schwer verletzt – braucht das Geld. Der Junge bilanziert, was wichtiger ist: der unentdeckte Schatz eines großen verstorbenen Schriftstellers oder das Überleben in prekären Situationen. Die Geschichte ist derart gut, dass die eigentliche Hauptfigur, der pensionierte Cop Bill Hodges, erst spät ins Spiel kommen braucht.

Der Junge und der Mörder sind sich dabei nicht unähnlich. In der finalen Konfrontation geht es darum, ob das Leben seiner Familie gegen die Notizbücher eingetauscht werden kann. Pete hält ein Feuerzeug über die tausenden Seiten Papier. Dass der eine verbrennen wird, weil er die Literatur retten will, ist ein Bekenntnis Kings zum Wert der Wörter. Es gibt, in dieser dramatischen Situation, gar einen Schlenker zur „Spoiler!“-Kultur (später auch  das gewohnt harte Urteil über Hemingway).

Dazu streut King Bewertungen des Literaturbetriebs ein, betont die Großen (Graham Greene) und die, die nicht mehr recht im Bewusstsein sind (W. Somerset Maugham). „Ich habe ihn nicht wegen Geld umgebracht!“, sondern: „Weil er seine Ideale verraten hat!“, sagt der Killer. Das Werk hatte sich in eine andere Richtung entwickelt, und es war wichtiger als der Autor.

56. Charlie The Choo-Choo (2016)★★★

Das erste Kinderbuch seiner Karriere – nicht, dass eines überhaupt erwartet worden wäre – veröffentlichte King mit 69. Unter dem Pseudonym Beryl Evans erzählt er auf 24 bebilderten Seiten die Geschichte des Zugs Charlie The Choo-Choo (auf Deutsch wurde das Werk noch nicht übersetzt), den Leser aus dem „Dunkle Turm“-Zyklus kennen.

Junge (und ältere!) Leser sollen aus der Lektüre sicher mitnehmen, dass hässlich sein nicht gleich schlechter sein bedeutet. Charlie ist eine alte ausrangierte Lokomotive, die einem neuen Modell Platz machen und aufs Abstellgleis geschoben werden soll. Nur Zugführer Bob, der als einziger weiß, dass die Maschine auch sprechen kann, glaubt an ihn.

Die Kinder brüllen

Nur ist Charlie wirklich eine unangenehm anzusehende Lokomotive (fürs Artwork zeichnete Ned Dameron verantwortlich, der auch den „Dunklen Turm“ illustrierte). Selbst traurig sieht er, mit seinem abstoßenden Maul und den scharfen Augen, wie ein Killer-Roboter aus. Wenn er lacht, möchte man sich so weit wie es geht von den Gleisen entfernen. Gemeinsam fahren die Zwei durch karge Western-Landschaften.

Es ist eine hinterlistige, gemeine Art, wie Stephen King uns diesen Zug und den vor Hingabe blinden Lokfahrer Bob verkaufen will – in der Welt der beiden Freunde ist nicht für viel anderes Platz als die rasante Fahrt, ob mit oder ohne Passagiere. Hat Charlie den Menschen verzaubert?

Nicht ein bösartiges Wort fällt in dieser Geschichte, aber das Schlussbild sagt alles. Charlie und Bob sind wieder im Geschäft, die Waggons sind voll, und der eine strahlt naiv, der andere grinst wissend.

Nur der genau Blick in den Wagon zeigt, dass die Kinder vor Angst schreien. „Stelle mir keine komischen Fragen, dann spiele ich keine komischen Spiele“, singt der Zug seinem Zugführer Bob freundlich entgegen. Im Laufe der Geschichte hatte Bob eben sehr viele Frage an seinen künstlichen Freund gestellt – vielleicht ist das die Ironie: Der unbedarfte Bob, der die Dinge hinterfragt, hat das ganze Drama erst ins Rollen gebracht.

55.  Roadwork (1981, deutsch: „Sprengstoff“, als Richard Bachman) ★★★

 

So wie schon das Bachman-Buch „Rage“ (über den Amoklauf eines Schülers) ist „Roadwork“ eher Gesellschafts- als Horror-Roman. King schrieb es unter dem Eindruck der Ölkrise, die 1973 mit einem Schlag die Abhängigkeit der westlichen Länder von den arabischen Staaten demonstrierte.

Die Weltordnung bricht auch für Barton George Dawes zusammen, als er erfährt, dass sowohl sein Haus auch als sein Arbeitsplatz einer Autobahn weichen soll. Der Mann, der zuvor schon seinen Sohn verlieren musste und dessen Ehe zu zerbrechen droht, weiß sich nicht anders zu helfen, als sich mit Waffen einzudecken – und es den Stadtplanern so schwer wie möglich zu machen. Ein echter Prepper.

„Roadwork“ ist auch ein echtes Stück Lesearbeit. Über den unsympathischen Dawes kann man nur den Kopf schütteln, weil er mit zunehmenden Ideen immer planloser agiert. King selbst würde sich mit diesem Roman in der Bewertung schwer tun – er verarbeitete damit den Krebstod seiner Mutter, transferierte in das Buch jedoch nur ein diffuses Gefühl von Hilflosigkeit. „Roadwork“, gedacht als der Versuch in einem neuen Genre, sollte 1981 also auch Kings erstes mittelmäßiges Buch sein.

Immerhin gibt es einige Querverweise zum „Mangler“ aus der „Night Shift“-Kurzgeschichte, die Dawes als Leiter seiner Wäschereiabteilung ja auch befehligt. Auf dass dieser gefräßigen Maschine keiner zu nahe kommt!

54. „Black House“ (mit Peter Straub, 2001, deutsch: „Das schwarze Haus“) ★★★

Die größte Ähnlichkeit hat dieser zweite „Talisman“-Roman vielleicht gar nicht mit dem ersten Buch, mit allem, was in den „Territorien“ bzw. Mittwelt spielt, oder gar Poes hier viel zitiertem „Der Rabe“. Die größte Wesensverwandtschaft hat der Held Jack Sawyer womöglich mit Danny Torrance aus „The Shining“. Beide trugen als Kinder schwer an ihren übersinnlichen Fähigkeiten. Und so, wie Danny setzt auch Jack als Erwachsener seinen Sinn ein, um anderen Menschen zu helfen. In der „Shining“-Fortsetzung „Doctor Sleep“ versucht Danny ein Mädchen zu retten; in „Black House“ will Jack, ein pensionierter Polizist, einen Jungen aus den Klauen des Serienmörders „Fisherman“ befreien.

Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen „Doctor Sleep“ und „Black House“: Die Gegner erweisen sich am Ende als außerordentlich schwach. King und Co-Autor Peter Straub fahren, wie schon im „Talisman“, die große Blitzschlag-Parade auf. Damals erledigte Jack seinen „Onkel“ Morgan Sloat, diesmal muss Lord Munshun (Diener des Scharlachroten Königs) daran glauben. „Ein weiterer, reinweißer Lichtstrahl schießt vom abgewetzten silbernen Ring“ usw. Es ist die einfache, eben gleißende Art, sich eines Gegners zu entledigen, wenn sich dessen tödliche Kraft nur schwer beschreiben lässt. Etwas launisch beschreibt King selbst diesen Kampf als „Showdown“, eine „archetypische Szene aus zehntausend Westernfilmen“.

Geisterhaus-Experten

„Hier geht’s um den Dunklen Turm“, heißt es an einer Stelle sehr direkt – also um die Verknüpfung zum wichtigsten Werk im Leben des Stephen King. Aber die Stärke des Romans liegt in der Beschreibung des „Schwarzen Hauses“ an sich („Black House und darüberhinaus“ ist ein Kapitel fast schon Kubrick-artig betitelt um dessen unendliche Größe anzudeuten). Der Geisterhaus-Experte der beiden ist Peter Straub („Ghost Story“), und in der komplexen Darstellung des Waldhauses, das durch seine Gestaltveränderungen jeder architektonischen Beschreibung trotzt, zeigt sich sein Vermögen.

Das beste Zitat gebührt natürlich dem blinden Disc-Jockey und Alleinunterhalter George Rathbun. „Ich kann Auto fahren, weil Ray mich eines Nachts in Seattle vor 40 Jahren zu einer Spazierfahrt eingeladen hat“, versichert er seinem Freund Jack Sawyer. Und mit Ray ist Ray Charles gemeint. „Lief wie geschmiert. War überhaupt nichts dabei. Wir sind natürlich auf Seitenstraßen geblieben, aber Ray ist fast hundert Sachen gefahren, das weiß ich ziemlich sicher.“

Zwischen dem „Talisman“ und „Black House“ vergingen 17 Jahre. Ein drittes Buch hätte 2018 folgen können. Kommt Band drei noch?

53. The Dark Man (1969, 2013) ★★★

Die Cemetery-Dance-Ausgabe des Gedichts, das Stephen King bereits 1969 veröffentlichte, ist wirklich schön: 88 Seiten mit mehr als 70 Zeichnungen, von Fantasy-Illustrator Glenn Chadbourne, der seit den Spätachtzigern für Arbeiten von King zeichnete. Geschrieben, oder eher: hastig gekritzelt hatte King es einst in einem Diner.

Der „dunkle Mann“, von dem King vor fast 50 Jahren zum ersten Mal erzählte, ist seine wohl wichtigste Figur geworden: Randall Flagg, Prediger des Bösen, der, in staubigen Jeans und Stiefeln gekleidet wie ein Cowboy, durch die USA reist. Als einer der hochrangigsten Schurken aus dem „Dunkler Turm“-Kosmos ist er nicht nur eine Hauptfigur in sieben Bänden der Saga, sondern auch Protagonist in „Das letzte Gefecht“ und „Die Augen des Drachen“ und zuletzt ein fast schon süffisanter, geduldiger Chronist der Welthistorie in „Gwendys Wunschkasten“.

Flaggs Biografie wird im „Dark Man“ noch nicht beleuchtet, er erscheint als Tramper, der einfach der ist, der er ist. In späteren Werken wird er wahlweise erzählen, dass er dem Ku-Klux-Klan angehörte oder ein Vietcong war. Dies macht den Reiz Mannes aus. Er scheint keine aus dem Magischen geborene Kreatur zu sein, sondern einer von uns, der sich zur dunklen Seite hat bekehren lassen (im siebten „Turm“-Band wird im seine menschliche Überheblichkeit zur Schwäche, ein Monster macht mit dem scheinbar Übermächtigen kurzen Prozess).

Das Gedicht ist so zu lesen, wie es die „Cemetery Dance“-Ausgabe von 2013 anordnet, als Fluss von Wörtern über einer apokalpytischen Western-Landschaft voller zerstörter Scheunen, verlassener Jahrmärkte und zugewachsener Eisenbahngleise, auf denen Geier lauern. Es ist eine sehr szenische Struktur (bisweilen nur zwei Wörter pro Seite).

„I have Fed Dimes To / Cold Machines/ In All Night / Filling Stations / While Traffic In A Mad And Flowing Flame / Streaked Red In Six Lanes Of Darkness“.

Inmitten des entvölkerten, verdreckten Amerikas trifft Randall Flagg auf eine wunderschöne, saubere Frau. Er verführt sie, auf die Art, die er als Verführung empfindet. Das Opfer lässt er zurück, als Warnung an alle, die in seinem Reich der Leere einen Platz zum Leben suchen.

Eine harte Pointe am Ende eines Gedichts, das als morbide Naturbeschreibung begann. Aber es soll keiner sagen, er hätte nicht gewusst, was einem Flagg in den nächsten Jahrzehnten noch bieten wird.

52. Just after Sunset (2008, deutsch „Sunset“) ★★★

Am meisten freuten sich Leser über die „Höllenkatze“, die damals schon 30 Jahre auf dem Buckel hatte, verschiedene Veröffentlichungen durchlief, aber nun endlich in einem Stephen-King-Kurgeschichtenband maunzen durfte. Die Story an sich: Nichts Besonderes, ein mordende Katze, die aus unergründlichen Augen blickt. Eine ganz auf das Schock-Finale ausgerichtete Erzählung.

Und so versammelt „Just after Sunset“ zwar einige seiner größten, aber eben auch einige seiner vielleicht wenn nicht schlechtesten, doch absehbarsten Storys. Vor allem solche, die einem „Was wäre, wenn …?“-Gedanken entsprungen sind. „Der Rastplatz“ ist so eine: Was, wenn ich mal Held spielen soll? – King versuchte, wie er schreibt, seinen „inneren Bachman herbeizurufen“; „Abschlusstag“: Wie schreibe ich über eine Atombomben-Explosion?

„Das Pfefferkuchen-Mädchen“ deutet seine Pointe – Jogging wird das Leben retten – sehr früh an. Extrem unterhaltsam, aber auch ein wenig pubertär ist die Idee, ein Dixie-Klo zur Todesfalle zu machen („In der Klemme“).

King berichtet ja, dass er seine grandiosen Ideen oft aus alltäglichen Situationen zieht. Die Kunst in seinen gelungensten Werken besteht aber meist darin, dass er danach noch einen Schritt weiter gedacht hat. Dass die Geschichte sich nicht mehr auf den Ursprung zurückführen lässt. Einiges in „Just after Sunset“ liest sich, als hätte er seine Gedanken zu schnell aufs Papier gebracht.

„Willa“ und „N.“

„Die New York Times zum Vorzugspreis“ ist das Drama einer Witwe, deren verstorbener Mann anscheinend Kontakt zu ihr aufnehmen will. „Hinterlassenschaften“ ist seine Annäherung an Nine Eleven, den neuen „Prüfstein“ der Geschichte, wie er ihn nennt – eine Herausforderung für heutige Schriftsteller, der auch King sich stellen wollte.

Auch die zwei herausragenden unter den 13 Storys drehen sich um das Jenseits: „Willa“ und „N.“ Zu „Willa“ schreibt King in den Notizen, dass es „wahrscheinlich nicht die beste Geschichte im Buch“ sei, aber ihn reizte die Grundidee, dass man auf irgendeine Weise den Tod überlebt. Und wie romantisch man den Tod doch überlebt. Im Mittelpunkt zwei Liebende, die noch nicht bereit sind, die Welt zu verlassen, weil man ja nicht weiß, was dann kommt. Bleibt man zusammen? Sie raffen sich zu einem letzten Tanz auf.

„N.“ ist, im besten Lovecraft-Sinne, eine Art Tagebuch-Roman: Der Erzähler steht so lange in berichtender Distanz zum Horror, bis der ihn selbst erfasst hat, aber er selbst es nicht erfassen kann, sondern als schleichender Wandel lediglich vom Leser der Aufzeichnungen bemerkt wird. Chronik eines angekündigten Wahnsinns, der sich auf den überträgt, der es liest. „N.“ ist eine der gruseligsten, verstörendsten und faszinierendsten Kurzgeschichten, die King zu Papier gebracht hat; eigentlich ein Fall für eine Sonderveröffentlichung, 72 Seiten wären dafür nicht zu wenig.

King schreibt, dass Zwangsstörungen ein zentrales Thema von „N.“ sind. Es geht um einen Patienten mit Zählzwang, der sich als Hüter des Tors zu einer Unterwelt versteht, dessen Dämonen er in Schach halten muss. Das Portal erkennt er in einem Steinkreis auf einem unscheinbaren Feld. Mal sieht er acht Steine, dann sind die Kreaturen gebannt, dann sieben, und es droht eine Invasion, der er Einhalt gebieten muss.

Das Dasein als Auserwählter wird Patient N. zur Last, aber er nimmt die Aufgabe an. Er identifiziert Stonehenge und die Kornkreise ebenso als Kalender, die nicht nur menschliche Daten markieren, sondern auch die Zeiten, in denen mit größerer Gefahr zu rechnen ist. Seine Erkenntnis: „Es ist schon paradox, dass ausgerechnet Verhaltensweisen, die wir als neurotisch betrachten, das Gleichgewicht der Welt bewahren.“

51. Everything’s Eventual“ und „Six Stories“ (1998 bzw. 2002, deutsch: „Im Kabinett des Todes“)★★★

So wie „Just after Sunset“ ist diese voran gegangene Kurzgeschichtensammlung weniger der Versuch, das Beste der letzten zehn Jahre zu versammeln, als überhaupt das herauszubringen, was King ab 1994 in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht hatte. Die Qualität der 14 Storys, fünf davon erschienen schon im limitierten Sammelband „Six Stories“, variiert stark.

„Autopsieraum Vier“, „Lunch im Gotham Café“ und „Im Kabinett des Todes“ sind, wie es sie einige Jahre später auch in „Just after Sunset“ geben wird, solche Grundgedanke-Geschichten, „Was wäre, wenn?“-Situationen. Ein Scheintoter, ein Folteropfer, ein Ex-Ehepaar, das in einem Restaurant über die Scheidung reden will und dann von einem irren Keller angegriffen wird. Drei Stories, deren Ausnahmesituationen King vielleicht noch ein wenig hätte weiterentwickeln müssen.

Aber „Everything’s Eventual“ enthält – natürlich! – auch einige seiner besten Kurzgeschichten. Für „Der Mann im schwarzen Anzug“ erhielt King 1996 den O-Henry-Preis für die beste Kurzgeschichte („Ich dachte, da hätte sich irgendjemand geirrt“, urteilte er über die Jury). „L.T.s Theorie der Kuscheltiere“ markiert seinen erfolgreichen Versuch des Tonwechsels innerhalb einer Erzählung, von der Tragikomödie zum Horror. „Alles endgültig“, das dem Buch seinen Originaltitel gab, ist ein raffiniertes Spiel mit der Frage, ob man besondere Begabungen für besondere Zwecke einsetzen darf, wenn der Preis stimmt.

„1408“

„1408“, noch bekannter geworden durch die John-Cusack-Verfilmung, ist als Spukhotelzimmer-Story schleichend gruseliger als der gesamte „Shining“-Roman. Am schönsten jedoch ist „Achterbahn“, das auch als E-Book erschienen ist und zu einem derartigen Verkaufserfolg wurde, dass King das Internet, die „Download“-Funktion und überhaupt die digitale Welt neu zu entdecken schien.

„’Du bist mein Leben’, sagte ich und gab ihr einen Kuss. ‚Ob es Dir gefällt oder nicht. So ist es nun mal.‘“ Das sagt in „Achterbahn“ nicht der verliebte Mann zu seiner Partnerin, das sagt der Student Alan zu seiner kranken Mutter. King stellt seinen Alan jedoch nicht als Muttersöhnchen bloß, auch, wenn er ihn vor eine harte Entscheidung stellt. Er macht das, was viele Menschen tun, wenn sie mit dem Tod bedroht werden. Den anderen vorschicken. Einer muss sterben, du oder sie: Dann nimm lieber sie als mich! Das ist Ausdruck von Angst, nicht Feigheit, und eine ganz normale Emotion. Nur, dass man nach solchen Entscheidungen bis ans Lebensende damit umgehen muss.

In den Vorwörtern der einzelnen Geschichten schreibt King über Konflikte und Vorlieben: „Das Thema der Horrorliteratur schlechthin: unser Bedürfnis, mit einem Mysterium fertig zu werden, das sich nur mit Hilfe der Fantasie ergründen lässt“ oder „Die Hölle, immer wieder das Gleiche zu tun. Exitenzialismus, Baby – echt ne Bombenphilosophie. Albert Camus! Telefon!“

Nicht zuletzt bezeichnet er „Rose Madder“ als „von allen meinen Romanen wahrscheinlich der lesenswerteste“ – der Mann hat Humor, da sind von ihm ganz andere Bewertungen des Buchs bekannt.


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